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    Contagion
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Contagion
    Von Björn Becher
    In unserer technisch kontrollierten und vollständig durchorganisierten Welt scheint der Mensch alles unter Kontrolle zu haben. Doch wie schnell sich dies ändern kann und was für Auswirkungen eine Katastrophe im Leben jedes Einzelnen hat, zeigt Steven Soderbergh in seinem starbesetzten, realistischen Seuchen-Drama „Contagion". Dabei verzichtet er auf eine klassische Steigerungsdramaturgie und erzählt stattdessen unaufgeregt, aber mit kraftvollen Bildern von vielen Einzelschicksalen in einer Welt, die aus den Fugen gerät.

    Von einem Geschäftsausflug nach Hongkong kehrt Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow) krank nach Minneapolis zurück. Bald erkrankt auch ihr kleiner Sohn und kurz darauf sind beide tot, während Ehemann Mitch (Matt Damon) überhaupt keine Symptome zeigt. Der Internetblogger Alan Krumwiede (Jude Law) stellt früh eine Verbindung zu ähnlichen Todesfällen in Tokyo, Hongkong und Chicago her. Der Seuchenexperte der US-Regierung, Dr. Ellis Carver (Laurence Fishburne), beordert Dr. Erin Mears (Kate Winslet) nach Minneapolis, wo sie mehr über eine mögliche Virus-Epidemie herausfinden soll. Unterdessen schickt der Leiter der Weltgesundheitsorganisation Damian Leopold (Armin Rohde) Dr. Leonora Orantes (Marion Cotillard) auf die Suche nach dem möglichen Ursprung nach Hongkong. Schnell wird allen klar, dass ein gefährliches Virus im Umlauf ist, das weltweit immer mehr Todesopfer fordert. Während Carvers Mitarbeiterin Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle) mit ihrem Team verzweifelt nach einem möglichen Gegenmittel forscht, löst das sich immer rapider verbreitende Virus in Verbindung mit den Verschwörungstheorien von Krumwiede eine zweite Seuche aus, die noch viel schlimmere Folgen hat: Panik.


    Der Seuchen-Thriller beginnt mit der Einblendung „Tag 2", so dass der Zuschauer von vornherein eine spätere Rückkehr zum ersten Tag und zum Ausbruch des Virus erwartet. Bevor wir aber sehen, welche Kette von für sich genommen geringfügigen Ereignissen weltweit zu Millionen Todesopfern geführt hat, schildern Regisseur Steven Soderbergh und sein Autor Scott Z. Burns („Das Bourne Ultimatum", „Der Informant") den Fortgang der Epidemie chronologisch und anhand vieler Einzelschicksale an einem guten Dutzend über die halbe Welt verteilten Orten. Im Gegensatz zu anderen Filmen über globale Katastrophen sind dabei in „Contagion" erstaunlich selten Nachrichtensegmente zur Bebilderung des rasanten Fortschritts der Ereignisse zu sehen. Statt auf eine solche einordnende Zusammenschau setzt Soderbergh auf ein Mosaik aus individuellen Erfahrungen seiner sehr unterschiedlichen Figuren, die alle auf ihre eigene Weise mit der Seuche fertig werden müssen. Die Segmente folgen einander in einer streng eingehaltenen Chronologie, dazu wird die Einwohnerzahl des jeweiligen Handlungsorts eingeblendet, was der Gefahr gerade in ihrer statistischen Kargheit eine zusätzliche Dimension verleiht.

    Da ist der von Matt Damon („Die Bourne Identität") eindringlich verkörperte Familienvater, der selbst immun ist, und nun verzweifelt versucht, seine Tochter vor der Ansteckung zu schützen. Jude Law („Sherlock Holmes") spielt ebenso überzeugend den arroganten Verschwörungstheoretiker, der seine aufklärerische Mission immer mehr aus den Augen verliert und sich bald nur noch an den in die Höhe schießenden Besucherzahlen seines Blogs aufgeilt. Letztlich trägt er sogar eine Mitschuld daran, dass es zu Panik und Plünderungen kommt. Einen besonderen Akzent legt Soderbergh auf die vielen kleinen Helden, die inmitten der Krise großen Mut beweisen. Helden wie Laurence Fishburnes Carver, der zum Sündenbock wird, weil er seine Frau (Sanaa Lathan) vorwarnt, der aber trotzdem entscheidenden Anteil an der Bekämpfung der Seuche hat. Oder die von Jennifer Ehle herausragend verkörperte Wissenschaftlerin, die schließlich sogar zum lebensgefährlichen Selbstversuch antritt.

    Fast im Minutentakt absolvieren bekannte Gesichter wie die Serienstars Enrico Colantoni („Veronica Mars") und Bryan Cranston („Breaking Bad"), Komiker Demetri Martin („Taking Woodstock"), der oscarnominierte Charakterdarsteller John Hawkes („Winter's Bone") oder der Deutsche Armin Rohde („Nachtschicht") ihre Auftritte. Es ist Soderbergh und seinem erstklassigen Ensemble hoch anzurechnen, dass die zuweilen nur skizzenartigen Porträts trotz längerer Pausen und ständiger Schauplatzwechsel sehr eindringlich geraten. Nur Marion Cotillards („La Vie En Rose") Wissenschaftlerin ist über so lange und über so entscheidende Strecken der Entwicklung abwesend, dass man sich bei ihrem plötzlichen Wiederauftauchen kaum noch an ihr dramatisches Schicksal erinnern kann.

    Die fast beiläufige Inszenierung dramatischer Momente passt perfekt zu dem unaufgeregten Erzählstil. Ob die zahlreichen Plünderungen, die Übergriffe der Zivilbevölkerung gegen die Armee oder ein bewaffneter Überfall auf Carvers Frau - überraschenderweise werden diese Momente nicht effektvoll dramatisiert, sondern fast schon nüchtern-distanziert geschildert. Trotzdem entwickelt Soderbergh („Traffic - Die Macht des Kartells", „Ocean's Eleven"), der in der Vergangenheit schon häufig seine Vielseitigkeit bewiesen hat, schnell eine sogartige Spannung. Dies gelingt vor allem durch die geschickte Kombination unterschiedlicher Genres: Ob Drama über Verlust und Erhalt, Thriller über die Forschung nach einem Gegenmittel oder Detektivgeschichte über die Suche nach dem Patienten 0, dem ersten Viruserkrankten – alles bekommt bei Soderbergh das gleiche Maß an Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit. Als weiteres Plus erweist sich der bedingungslose Realismus, der die Spannung zusätzlich fördert. „Contagion" wirkt nicht wie eine Hollywood-Phantasie: „Was hier gezeigt wird, könnte wirklich passieren!" - das ist der erschreckende Gedanke, der nach der Vorführung zurückbleibt.

    Fazit: „Contagion" ist ein etwas anderer Katastrophenfilm: Obwohl er rund um den Erdball spielt und den Ausbruch einer verheerenden Epidemie zum Thema hat, erzielt Steven Soderbergh durch die Schilderung vieler Einzelschicksale die nachhaltige Wirkung eines packenden und tragischen Dramas.
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