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Fack ju Göhte
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Fack ju Göhte
Von

Über 2,3 Millionen Kinozuschauer in Deutschland amüsierten sich 2012 über die scharfzüngigen Techtelmechtel zwischen Elyas M’Barek und Josefine Preuß in der Culture-Clash-Komödie „Türkisch für Anfänger“. Regisseur und Autor Bora Dagtekin verpflanzte seine eigene Erfolgsserie einfallsreich vom Fernsehen auf die große Leinwand und sorgte so auch im Kino für frischen Wind. Statt nun den frech überspitzten deutsch-türkischen Reibereien einfach ein weiteres Kapitel hinzuzufügen (das folgt womöglich noch), nimmt er sich in seiner neuen Komödie „Fack ju Göhte“ erst einmal die Zustände in deutschen Klassen- und Lehrerzimmern vor. Dabei ist der Titel durchaus Programm: Erneut setzt Dagtekin auf unerhörte Pointen und fröhliche Unverschämtheiten, spielt dabei genüsslich mit Klischees und sorgt gemeinsam mit der wieder von Elyas M’Barek angeführten perfekten Besetzung für köstlich ungezwungene Unterhaltung. Seine oft groben Gags funktionieren zwar nicht immer, aber trotzdem ist „Fack ju Göhte“ vielleicht sogar noch lustiger als „Türkisch für Anfänger“. Wenn der Schulschwank insgesamt trotzdem ganz leicht hinter der Integrationskomödie zurückbleibt, liegt das daran, dass der neue Film stärker in Genrekonventionen verhaftet ist. Vergleichbare Hollywood-Konkurrenz wie „Bad Teacher“ lässt „Fack ju Göhte“ trotzdem locker hinter sich, denn Dagtekins launiges Lehrer-Lustspiel ist bei aller Frechheit auch warmherzig.

Der Ganove Zeki Müller (Elyas M’Barek) kommt nach 13 Monaten frisch aus dem Gefängnis und freut sich darauf, endlich die Früchte seines letzten Coups zu ernten. Doch als seine gute Freundin Charlie (Jana Pallaske) mit einem Spaten bewaffnet auf das Schulgelände zurückkehrt, wo sie die Beute damals für ihn verbuddelt hat, steht an der Stelle dummerweise eine frisch hochgezogene Turnhalle. Um an das Geld zu kommen, muss sich Zeki etwas einfallen lassen: Er will sich kurzerhand bei der Schule als Hausmeister bewerben, aber als er der Direktorin (Katja Riemann) gegenübersitzt, sucht die nur einen Aushilfslehrer – und zwar händeringend. Zeki ist flexibel und lässt sich trotz seiner eigenen eher rudimentären Schuldbildung als Feuerwehrkraft für Deutsch und Sport anheuern. Die nötigen Papiere ergaunert er sich, indem er sich an die idealistische aber überforderte Referendarin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) heranmacht. Mit seiner straßengestählten und vorlauten Art bekommt Zeki schließlich sogar die im Kollegium gefürchtete Problemklasse 10b in den Griff, die er tagsüber unterrichtet, während er nachts heimlich einen Tunnel zur Turnhalle gräbt. Im Lauf der Zeit findet er durchaus Gefallen am Lehrerdasein (und an Lisi), doch dann fliegt seine Tarnung auf…



In Hollywoodfilmen wie „Der Club der toten Dichter“ oder „Freedom Writers“, aber auch im sozialrealistischen Cannes-Gewinner „Die Klasse“ erscheinen Lehrerfiguren oft als Vorbilder, die sich bis zur Selbstaufgabe für ihre Ideale und ihre Schüler einsetzen. Zu diesen Heldenfiguren ist Zeki Müller gewissermaßen der krasse Gegenentwurf. Er hat mit Bildung nichts am Hut, denkt nur ans schnelle Geld und will mit den halbwüchsigen Störenfrieden im Klassenzimmer nichts zu tun haben:  „Heul leise!“, schnauzt er einmal eine Schülerin an und jedem, der ihn nicht behelligt, verspricht er eine Eins. Während der Straßengauner mit der schlechten Grammatik und den rüden Umgangsformen letztlich aber nur ein nachvollziehbares Desinteresse auslebt, liegt das wahre Problem bei den echten Pädagogen und der Institution Schule selbst. Von der einfallsreich pragmatischen, aber desillusionierten Direktorin (Katja Riemann hat sichtlich viel Spaß) über die verzweifelte Veteranin (Uschi Glas), die sich aus dem ersten Stock stürzt, bis zu Karoline Herfurths Lisi, der naiven Anfängerin ohne jedes Durchsetzungsvermögen: Die liebevoll karikierten verschiedenen Typen wird jeder wiedererkennen und man begegnet ihnen durchaus mit Verständnis, denn gegen die Schüler der 10b waren Hansi Kraus und die anderen „Lümmel von der ersten Bank“ aus den Pennäler-Possen der 1970er Jahre geradezu lammfromm. Da werden nicht nur die üblichen elaborierten Streiche mit dem Mobiliar gespielt, die Null-Bock-Revolte geht vielmehr bis zum Psychoterror.

Regisseur Bora Dagketin zeichnet das Schuluniversum mit dem groben Pinsel, aber er verliert dabei nur selten die Bodenhaftung (die fehlt eher den Szenen im Rotlichtmilieu, die reiner Kintopp sind). Der kantige Proll mit der großen Klappe erweist sich als genau die richtige Figur, um seelenloser Bürokratie und lebensfernen Lehrplänen komödiantisch den Kampf anzusagen. Mit Shakespeare geht Zeki noch vergleichsweise rücksichtsvoll um (da heißt es am Ende der Schulaufführung: „Romeo, hast Du meine SMS nicht bekommen?“), aber wenn es sein muss, wird er auch handgreiflich: So macht der Aushilfslehrer aus dem Ober-Rebellen Danger (Max von der Groeben) wieder den kleinlauten Daniel, der nach seinem Papa ruft. Pädagogisch fast ebenso fragwürdig ist der Klassenausflug, bei dem Zeki den Schülern in einer fast schon schmerzhaften, aber auch irre lustigen Montagesequenz vom Drogenabhängigen bis zum verwahrlosten Hartz IV-Empfänger abschreckende Beispiele präsentiert. Neben solch hemmungslosen Überzeichnungen gibt es aber auch leisere Töne: Am schönsten ist, wie Zeki dem Quälgeist Chantal (Jella Haase) mit kleinen Tricks und gesundem Menschenverstand hilft, eine motivierte und engagierte junge Frau zu werden. Hier wird die Witzkeule von einer gehörigen Portion Feingefühl abgefedert und die hervorragenden Darsteller lassen die unwahrscheinliche Wandlung emotional glaubhaft werden.

Auch wer Zekis brillant-verzwickte Einzeiler wie „Achtet auf eure Ausdrucksweise, ihr Wichser!“ nicht so lustig findet und es weniger zotig mag, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Denn neben blankem Nonsens mit boshaften Untertönen (wie bei Margarita Broichs Gastauftritt als Kontrolleurin des Jugendamtes) steckt in dem Film auch noch eine hübsche romantische Gegensätze-ziehen-sich-an-Komödie - und die geradezu klassische Konstellation funktioniert sehr gut. Elyas M’Barek („What A Man“) perfektioniert seine Paraderolle des anscheinend einfach gestrickten Macho mit dem lockeren Mundwerk und dem zunächst kaschierten großen Herzen weiter, während Karoline Herfurth („Vincent Will Meer“), die sich in Brian De Palmas „Passion“ zuletzt auf internationalem Thriller-Parkett bewährt hat, aus der verhuschten Referendarin eine ebenso komische wie anrührende Figur macht. Die Chemie stimmt und es ist ein reines Vergnügen zu beobachten, wie die Balance zwischen dem Hallodri und der Übervorsichtigen langsam ausgeglichen wird: Sie gewinnt an Lockerheit, er an Verantwortungsbewusstsein. Das ist wie der ganze Film natürlich vorhersehbar, aber auch überaus amüsant, weitgehend universell verständlich und doch unverwechselbar deutsch. Es heißt ja, Humor lässt sich nur schwer exportieren, aber mit dieser Mischung könnte Bora Dagtekin das Gegenteil beweisen – so wie jüngst etwa der Engländer Edgar Wright („Hot Fuzz“, „The World’s End“) oder der Franzose Dany Boon („Willkommen bei den Sch’tis“).

Fazit: Bora Dagtekins zweite Kinoregiearbeit „Fack ju Göhte“ ist eine frech-witzige Komödie mit Lachern im Minutentakt, einer Prise Gefühl und glänzenden Darstellern – ganz in der Tradition seines Debüts „Türkisch für Anfänger“.

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Kommentare

  • niman7
    Wow richtig gut geschrieben. Ihr habt damit wirklich die Lust in mir geweckt.
  • Ragism
    Der Text soll Interesse wecken und den Film loben. Zwischen den Zeilen liest man allerdings, was für ein ungemein nervtötender und den Zuschauer für dumm verkaufender Käse er vermutlich ist. Doch wer britischen oder französischen Humor erst von Edgar Wright oder Dany Boon beigebracht bekam, mit dessen Humorverständnis kann es auch nicht weit her sein.
  • scorch
    sorry, ist nicht meine art von humor. der vorgänger war schon schlecht.
  • ChimpTown.com
    Ich hab den Film bei einem Testscreening gesehen. Grauenhaft!!
  • Eikanthor H.
    Im Text steht nirgends, dass der Autor englischen oder französischen Humor von Wright oder Boon beigebracht bekam. Leute, die nicht lesen können...aber dann der Meinung sind, auch noch interpretieren zu können. Mehr als Vermutungen sind das alles nicht. Absolut nichts fundiertes...aber keine Ahnung haben, trotzdem eine Meinung bilden ist ja in.
  • DerPuma
    Du hast es schon die letzten 10 Posts von dir gesagt aber du schreibst immer wieder was...Setze doch endlich mal durch was du die ganze Zeit schreibst und wechsle bitte die Seite :D
  • Fain5
    Du würdest uns allen einen Gefallen tun, wenn du dich endlich an deinen Entschluss halten würdest. Dich nimmt hier sowieso keiner ernst, Arno!
  • Fain5
    Man bist du ein Snob. Musst jedem aufdrücken, dass du nur Humor ala Wes Anderson schätzt...
  • Ragism
    Edgar Wright soll einer der wenigen sein, die britischen Humor nach Deutschland exportierten? De facto wurde britischer Humor schon lange nach Deutschland gebracht, aus dem ganz einfachen Grund, daß Deutsche nach dem zweiten Weltkrieg nie wieder ein ähnliches Gespür für Humor entwickeln konnten, wie es noch vor den 30er Jahren existierte. Es gibt schlichtweg keine komischen deutschen Filme. Und, tut mir leid, alles, was in dieser Rezension steht, könnte auch ohne Probleme über einen Film geschrieben werden, der nur 2 Sterne erhält. Alles, was einen internationalen Film bestenfalls durchschnittlich gemacht hätte, wird hier allerdings gelobt. Obwohl der Rezensent den Film schönschreiben möchte, so stinkt der Text bis zum Himmel nach einem grauenhaften Film. Und es ist doch absolut offensichtlich, daß ich den Film nicht gesehen habe. Habe ich das irgendwo behauptet? Zwecklos, mir das zum Vorwurf zu machen.
  • Diego81
    Das Wort "jüngst" nebst der letzten Regiearbeiten der genannten Herren hast du bewusst überlesen? Ich glaube, an deinen Worten ist offensichtlich, dass du händeringend nach Argumenten suchst, einen Film, der dir einfach nicht gefallen soll, schlecht zu schreiben. Auch wohl formulierte Inhaltsleere ist am Ende keine Argumentation.
  • Ragism
    Der Text stellt eindeutig heraus, daß Wright und Boon eine Ausnahme sein sollen. Das ist natürlich Unsinn. Da Deutsche keinen eigenen Humor besitzen, haben sie seit dem zweiten Weltkrieg ununterbrochen den Witz aus Großbritannien oder Frankreich importiert. Und, tut mir leid, Inhaltsleere zu unterstellen ist kein Argument, ich allerdings habe mich an den Text gehalten. Daß ich den Film nicht gesehen habe, habe ich nie bestritten.
  • Thilo Schulz
    Hmm... jemand von Moviepilot oder einem anderen Konkurrenz-Portal würde hier sich nicht immer wieder etwas posten und damit die Klickzahlen von filmstarts.de fördern. Aber wer ist denn so kaputt ständig hier rumpöbeln zu müssen? Masochist? Motto: „Ich finde die Artikel scheiße und les sie mir trotzdem immer wieder durch"
  • Putzki M.
    der film wäre besser wenn sie die darsteller der realität entsprechend hergerichtet hätten und nicht so ein oberflächliches phantasie märchen gestaltet hätten, die den ernst der lage für junge erwachsene verdreht,
  • Martin M.
    Der Hype um diesen Film ist schon wirklich verwunderlich. Gerade die Jugend schwärmte vor und zitierte Texte aus dem Film. Um so mehr war ich verwundert, wie simpel der Film doch letztendlich funktioniert. Eine einfache Geschichte um einen geläuterten Bankräuber, ein hübsches Mauerblümchen, die eigentlich doch nicht so bösen Brutalos ... Der slapstick zündete aber nicht immer für mich, die Schüler waren so desinteressiert, das Organisieren der Scherze bzw. Fallen (Teer ...) hat man ihnen nicht zugetraut. Wortwitz hatte ich mehr erwartet, mehr als die bereits bekannten Zitate und den lustigen Titel. Nett war die Geschichte dennoch und unterhaltsam auch - wenn man sich mal an die Bildqualität (sehr bunt, sehr digital) gewöhnt hatte, wurde man gut unterhalten, wenn auch insbesondere die Sexwitze (z.b. Penis Banane) doch etwas flach waren.Dennoch ist hier ein Hype um einen Film entstanden, welcher auch mehr oder weniger ungesehen im (privat) Fernsehen hätte laufen können. Wie z.b. "Klassenfahrt" mit Josephine Preuss, den kennt fast niemand, war deutlich witziger und voll mit innovativen Ideen und running gags. Oder die "Schulmädchen" Serie, bei der es natürlich nur um das eine geht, dies aber wenigstens konsequent und echt komisch. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich Fack ju Göthe anscheinend Leute ansehen, die sich die genannten Teenie Klamotten nicht "antun" würden, obwohl sie offenbar auch damit Spass haben könnten.
  • P-Saimon
    Für alle, die schon immer unbedingt das "Jugendsprache-Wörterbuch" verfilmt sehen wollten, ist dieser Film eine Offenbarung. Mehr hab' ich dazu nicht zu sagen.
  • C-Lou-Lloyd
    Als Vorbereitung für den zweiten Teil noch einmal angeschaut: Stimme der Rezension in allen Punkten zu. Freue mich schon auf den zweiten Teil. "Heul leise, Chantal!"
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