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    Fast & Furious: Hobbs & Shaw
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Fast & Furious: Hobbs & Shaw

    Johnson & Statham - Zwei wie Pech und Schwefel

    Von Julius Vietzen
    Es gibt Spin-offs, die offensichtlich nur deshalb zustande gekommen sind, weil das Studio keinen anderen Weg gefunden hat, um aus einem Franchise noch mehr Geld herauszupressen. Das geht in der Regel völlig schief (siehe „Men In Black: International“). Auf der anderen Seite stehen die Spin-offs, nach denen die Zuschauer tatsächlich verlangt haben, weil sie unbedingt noch mehr von einer bestimmten (Neben-)Figur sehen wollen. Das klingt zwar erheblich besser, endet aber in der Realität meist ähnlich enttäuschend (von „Auf der Jagd“ bis „Männertrip“). „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ zählt nun zwar rein technisch zu der zweiten Kategorie (schließlich haben Dwayne Johnson und Jason Statham „Fast & Furious 8“ stellenweise so sehr dominiert, dass es pure Verschwendung gewesen wäre, ihren Figuren Hobbs & Shaw keinen eigenen Film zu spendieren) ...

    ... und entpuppt sich doch zugleich als höchsterfreuliche Ausnahme: Denn im Gegensatz zu den meisten jemals gedrehten Spin-offs macht der Action-Kracher von „Deadpool 2“-Regisseur David Leitch nämlich tatsächlich mächtig Laune. Das liegt vor allem an den fast schon im Sekundentakt einschlagenden trockenen Sprüchen, den zahlreichen großartigen Gastauftritten sowie den herrlich überzogenen Actionsequenzen, die die Talente der beiden muskelbepackten Stars perfekt zur Geltung bringen. Nur ausgerechnet die Beziehung zwischen den beiden Titelhelden, immerhin der ursprüngliche Grund für die Existenz des Films, kommt in „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ leider etwas kurz.

    Gemeinsam so gut wie unschlagbar: Hobbs (Dwayne Johnson) und Shaw (Jason Statham)


    Die MI6-Agentin Hattie Shaw (Vanessa Kirby) soll gemeinsam mit ihrem Team ein gefährliches Virus in Sicherheit bringen, doch die Operation wird von dem hochgezüchteten Superterroristen Brixton (Idris Elba) vereitelt. Hattie kann gerade noch flüchten und injiziert sich das Virus kurzerhand selbst, damit es auf keinen Fall in die falschen Hände gerät. Doch Brixton, der für den Technologiekonzern Eteon arbeitet, gelingt es, die Schuld an dem ganzen Zwischenfall Hattie in die Schuhe zu schieben. Die CIA beauftragt daraufhin Hatties Bruder Deckard Shaw (Jason Statham) sowie den Geheimagenten Luke Hobbs (Dwayne Johnson) unabhängig voneinander damit, Hattie und das Virus wiederzubeschaffen. Aber auch Brixton hat die Massenvernichtungswaffe noch längst nicht abgeschrieben ...

    Wir sehen Hobbs und Shaw zum ersten Mal in einer Montage (wieder), in der die täglichen Routinen der knallharten Muskelmänner in einem Split-Screen gegenübergestellt werden. Zwar stehen beide um Punkt 6 Uhr auf und schalten abends vor dem Schlafengehen jeder für sich noch schnell eine Truppe Bösewichte aus, aber dazwischen arbeitet Leitch mit Hilfe seiner Drehbuchautoren Chris Morgan (Stammautor der Reihe seit „Tokyo Drift“) und Drew Pearce („Iron Man 3“) geschickt die Unterschiede zwischen den Figuren heraus: Während Hobbs beim Hantelstemmen schwitzt, gönnt sich Shaw einen Espresso. Das ist amüsant und auf den Punkt. Aber zugleich deutet sich hier auch schon ein Problem des gesamten Films an: Weil Hobbs und Shaw meistens räumlich getrennt oder mit ihren eigenen Handlungssträngen beschäftigt sind, kommt die grandiose Chemie der beiden fast schon enttäuschend selten zum Tragen. Statt wie „Hobbs & Shaw“ fühlt sich der Film deshalb teilweise eher wie „Hobbs“ und „Shaw“ an.

    Zusammen unschlagbar


    Dabei ist „Hobbs & Shaw“ aber eben nun mal immer dann am besten, wenn die beiden so gegensätzlichen Alpha-Männchen gemeinsam auf der Leinwand zu sehen sind. Dann werfen sich die perfekt harmonierenden Johnson und Statham nämlich trocken-pubertäre Beleidigungen an den Kopf („Wenn ich dein Gesicht sehe, fühlt es sich an, als würde mir Gott mit voller Wucht in die Augen kotzen!“) und machen aus allem einem Hahnenkampf. Einer der Höhepunkte ist die leider schon zum größten Teil in den Trailern verbratene Szene, in der sich die Haudraufs durch parallele Gänge voller Handlanger kämpfen und der den „einfacheren“ Widersacher-Parcours absolvierende Hobbs die Anstrengungen seines Partners lediglich mit einem mild-müden Gähnen kommentiert.

    Gerade in solchen räumlich begrenzten Momenten spielt Leitch sein bereits in „John Wick“ und „Atomic Blonde“ hinlänglich bewiesenes Talent für brachiale Nahkampfaction voll aus. Zugleich zeigt er aber auch, dass er dem „Höher, schneller, weiter“-Motto der „Fast & Furious“-Reihe absolut gewachsen ist. Schließlich übertrumpfen sich die Filme der Reihe spätestens seit dem vierten Teil regelmäßig mit immer neuen, immer verrückteren Actionszenen (was dann wie im Finale von „Fast & Furious 6“ auch schon mal zu knapp 45 Kilometer langen Landebahnen führt). In „Hobbs & Shaw“ springt Hobbs nun etwa Brixton und seinen Handlanger hinterher, die an Seilen die Seite eines Hochhauses hinunterlaufen – nur im mitten während des halsbrecherischen Sturzes wie in einem Jump-’N’-Run-Spiel von einem Schurken zum nächsten zu springen. Grandios gaga.

    Wenn zwei Shaws in einem Auto sitzen, dann sollte man sich besser gut anschnallen ...


    Bei der anschließenden Verfolgungsjagd durch London darf Brixton dann sein formwandelndes, autonom fahrendes Motorrad zur Schau stellen und in Superzeitlupe unter einem die Straße blockierenden LKW hindurchgleiten. Während bei den zuletzt im Actiongenre neue Maßstäbe setzenden „Mission: Impossible – Fallout“ und „Mad Max: Fury Road“ vor allem der Einsatz realer Stuntleute und praktischer Effekte begeisterte, stammen viele der besonders abgehobenen Momente aus „Hobbs & Shaw“ sichtbar aus dem Computer. Trotzdem: Solche irrsinnige Auto-Action gehört zu einem „Fast & Furious“-Film nicht nur dazu, sie macht auch eine Menge Spaß, gerade weil sie jeglichen Anspruch auf Authentizität konsequent links liegen lässt.

    Statt „Hobbs & Shaw“ nach einem ersten, eigentlich auch schon sehr zufriedenstellenden Finale enden zu lassen, hängen Leitch und seine Autoren überflüssigerweise noch einen zweiten Schlussakt dran (das weckt unschöne Erinnerungen an „Bad Boys II“), für den ihnen dann aber die eigentlich nötige Zeit fehlt. Bereits im Vorfeld des Kinostarts hat uns der Regisseur im Interview verraten, dass er gar nicht alle gedrehten Actionsequenzen im Film unterbringen konnte (und deshalb noch ein Director’s Cut auf Blu-ray erscheinen wird). Beim Schauen des nun trotzdem noch zwei Stunden und 16 Minuten langen Films wird man allerdings das Gefühl nicht los, dass offenbar auch eine ganze Reihe von eher ruhigeren Momenten aus der Kinofassung entfernt wurden.

    Da fehlt doch was


    So wird etwa Hobbs‘ Heimkehr nach Samoa in nur einigen wenigen kurzen Szenen abgehandelt. Das ist vor allem deshalb schade, weil das „Fast & Furious“-Thema „Familie“ – anders als in der Hauptreihe – bis zu diesem Moment nicht aufgesetzt-überzogen, sondern ernsthaft und überzeugend behandelt wird. Und auch die finale Schlacht wurde wohl aus Laufzeitgründen zu einem wirren Gekloppe zusammengekürzt. Hier läuft dann auch noch ein gut sichtbarer Countdown nebenher, der nur noch deutlicher macht, dass während des ohnehin schon unübersichtlichen Kampfes auch immer mal wieder irritierend schnell in der Zeit nach vorne gesprungen wird (was unter anderem zum wahrscheinlich schnellsten Sonnenaufgang der Kinogeschichte führt).

    Womöglich wäre es also die bessere Wahl gewesen, die Handlung von „Hobbs & Shaw“ auf zwei Filme aufzuteilen oder eine noch längere Fassung ins Kino zu bringen. Denn auf die (größtenteils) überraschenden und zugegebenermaßen ziemlich großartigen Gastauftritte, die die Laufzeit natürlich ebenfalls noch einmal zusätzlich in die Länge ziehen, hätten wir alternativ nämlich auch auf keinen Fall verzichten wollen. Oscarpreisträgerin Helen Mirren („Anna“) etwa reißt in ihrer einzigen Szene als Shaw-Matriarchin Queenie kurzzeitig den gesamten Film an sich. Die anderen Cameos wollen wir an dieser Stelle natürlich nicht vorwegnehmen, deshalb nur so viel: Nach „Hobbs & Shaw“ freuen wir uns nun sogar noch ein kleines bisschen mehr auf ein gewisses Netflix-Megaprojekt ...

    Fazit: „Hobbs & Shaw“ überzeugt mit irrsinnigen Actionszenen, überraschenden Cameos und dem amüsanten Geplänkel der Hauptfiguren, dem Regisseur David Leitch trotz einer Laufzeit von mehr als 130 Minuten aber insgesamt enttäuschend wenig Zeit einräumt.

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