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XX
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Mehr als eine Dekade nach dem Abebben des DVD-Goldrausches wird es zunehmend schwerer, die Finanzierung für einen zumindest halbwegs vernünftig budgetierten Genrefilm auf die Beine zu stellen. Auch deshalb kommen in den vergangenen Jahren vermehrt Horror-Anthologien auf den Markt: Ein Kurzfilm lässt sich finanziell eben leichter stemmen und gibt Nachwuchsregisseuren die Chance, eine erste Visitenkarte abzuliefern, während gestandene Filmemacher zwischen zwei Projekten zumindest ein bisschen arbeiten können. Und weil sich Kurzfilme alleinstehend kaum vermarkten lassen, fasst man sie eben in spielfilmlangen Sammlungen zusammen. Dabei ergibt die Ausrichtung der Anthologie manchmal auch thematisch oder ästhetisch Sinn (zum Beispiel bei „V/H/S – Eine mörderische Sammlung“), während woanders offensichtlich bloße Marketing-Erwägungen dahinterstecken (etwa der ABC-Kniff von „22 Ways To Die“). „XX“ zählt nun zu jenen Anthologien, bei denen das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Beiträge: Das hier versammelte, von Stop-Motion-Zwischenspielen zusammengehaltene Kurzfilm-Quartett wurde von vier Filmemacherinnen geschrieben und inszeniert - und eröffnet damit einen konsequent weiblichen Blick auf verschiedene Aspekte des Horrorgenres.

„The Box“ von Jovanka Vuckovic

Nachdem der kleine Danny Jacobs (Peter DaCunha) in die rote Geschenkbox eines Mannes in der U-Bahn geschaut hat, hört er plötzlich auf zu essen. Seine Eltern Susan (Natalie Brown, „The Strain“) und Robert (Jonathan Watton, „Maps To The Stars“) versuchen zwar alles, um ihn umzustimmen, aber nichts hat Erfolg. Und als Danny seiner älteren Schwester Jenny (Peyton Kennedy) verrät, was er in der Box gesehen hat, nimmt auch sie fortan keinen einzigen Bissen mehr zu sich… Der auf einer Idee von Horror-Maestro Jack Ketchum („The Woman“) basierende „The Box“ entpuppt sich als angenehm konsequent zu Ende erzählte Horror-Mystery in der Tradition von „Twilight Zone - Unwahrscheinliche Geschichten“ oder „Black Mirror“: ein starkes Konzept solide inszeniert, solide gespielt, einfach rundum solide umgesetzt – ein ordentlicher Einstieg. (3 Sterne)


„The Birthday Cake“ von Annie Clark

Annie Clarke kennen viele wohl nur unter ihrem Künstlernamen St. Vincent, unter dem die Sängerin und Songwriterin unter anderem als Vorgruppe für Arcade Fire aufgetreten ist. Mit „The Birthday Cake“ gibt sie nun ihr Debüt als Drehbuchautorin und Regisseurin – ein ordentlicher, aber nicht rundum gelungener Einstand: Melanie Lynskey (die Charlie stalkende Exfreundin aus „Two And A Half Men“) spielt die Los-Angeles-High-Society-Hausfrau Mary, die ausgerechnet am Morgen des achten Geburtstags ihrer (standesgemäß schwarzen) Adoptivtochter Lucy (Sanai Victoria) ihren Ehemann tot in seinem Arbeitszimmer auffindet. Aber Kindergeburtstage sind in dieser Gesellschaft natürlich nicht einfach nur Kindergeburtstage, sondern regelrechte Wettstreite, mit denen sich die Eltern gegenseitig übertreffen wollen. Also versucht Mary die Sache mit der Leiche bis nach der Feier zu verheimlichen… „The Birthday Cake“ ist eine schwarze Komödie über das mit Tabletten betäubte Seelenleben der weißen High Society – nicht unbedingt das kreativste Ziel. Zudem ist der Kurzfilm zwar schon irgendwie ganz böse, aber richtigen satirischen Biss entwickelt er trotzdem nicht. Geht so. (2,5 Sterne)

„Don’t Fall“ von Roxanne Benjamin

Bei einem Wanderausflug verwandelt sich Gretchen (Breeda Wool, „UnREAL“) in ein Monster und fällt über ihre drei Mitcamper her… Wir sind zwar keine großen Fans, aber in Horrorfankreisen genießt Roxanne Benjamins Regiedebüt „Southbound – Highway To Hell“ nichtsdestotrotz einen ziemlich guten Ruf. Auch deshalb ist ihr Kurzfilm so enttäuschend. Zwar ist die weibliche Perspektive in den lebensechten Dialogen und der Besetzung mit Nicht-Anziehpüppchen jederzeit spürbar, aber letztendlich bleibt „Don’t Fall“ ein wenig aufregendes Monsterfilm-Häppchen, dem man sein zu niedriges Budget anmerkt, ohne dass er deshalb gleich einen spaßigen Trash-Appeal entwickeln würde. Der schwächste Beitrag. (2 Sterne)

„Her Only Living Son“ von Karyn Kusama

Karyn Kusama („Æon Flux“, „Jennifer‘s Body“) ist sicherlich der bekannteste Name in dieser Anthologie, zumal sie mit dem verstörenden „The Invitation“ zuletzt eines der meistdiskutierten Horror-Kammerspiele der vergangenen Jahre vorgelegt hat – und tatsächlich ist „Her Only Living Son“ auch der interessanteste Beitrag aus „XX“: Die alleinerziehende Cora (Christina Kirk, „Taking Woodstock“) muss damit klarkommen, dass der Vater ihres kurz vor der Volljährigkeit stehenden Sohnes Andy (Kyle Allen, „The Path“) damals vor der Geburt einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat…

In der besten Szene des Films wird Cora zu einem Treffen mit der Schulleiterin (Brenda Wehle) einbestellt, weil Andy einer Mitschülerin offenbar die Fingernägel rausgerissen hat – aber während Cora selbst für eine Bestrafung ihres Sohnes plädiert, vertreten Schulleitung und Lehrer die Meinung, dass das doch alles gar nicht so schlimm sei und das Mädchen die Tat bestimmt selbst provoziert habe. Während in solchen Szenen ganz subtil angedeutet wird, dass sich in der Kleinstadt ein regelrechter Teufelskult um Andy gebildet hat, beginnen an anderer Stelle Figuren (wie der Briefträger) mit ausführlichen Erklärungen, für die es in dem Moment eigentlich gar keinen Anlass gibt. „Her Only Living Son“ ist zwar faszinierend, aber für einen Kurzfilm fast schon zu umfassend angelegt – so ist Karyn Kusamas Beitrag auch der einzige, den wir uns liebend gern auch in einer ausführlicheren Version in Spielfilmlänge ansehen würden. (3,5 Sterne)

Fazit: Von der Ausrichtung her zählt „XX“ definitiv zu den spannenderen Horror-Anthologien – aber wie bei fast allen solchen Projekten halten sich auch hier Treffer und Fehlschläge in etwa die Waage.
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