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Die Blumen von gestern
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Die Blumen von gestern
Von Andreas Staben
Wenn mitten im Abspann von Chris Kraus‘ Holocaustforscher-Tragikomödie „Die Blumen von gestern“ die vierte Wand durchbrochen wird und Hauptdarsteller Lars Eidinger voller unbändiger Energie erst über ein Fahrrad springt und sich dann auf ein Auto fallen lässt, dann ist das ein passender Schlusspunkt für einen unbändigen, manchmal faszinierend maßlosen und manchmal kalkuliert provokanten Film. Schon in seinen vorigen Werken „Vier Minuten“ und „Poll“ hat der Regisseur und Autor seine eigene Familiengeschichte verarbeitet und hier geht Kraus, der einen Großvater mit SS-Vergangenheit hatte, gewissermaßen aufs Ganze: Frontal und ohne falsche Rücksichten, dafür mit viel zuweilen tiefschwarzem Humor nimmt er sich das heikle Thema Holocaust und Vergangenheitsbewältigung vor. Dabei gelingen ihm viele denkwürdige und vielschichtige Szenen, die durch die zwei Schauspielnaturgewalten Lars Eidinger und Adèle Haenel immer wieder eine beeindruckende Kraft und Intensität bekommen. Allerdings überspannt Kraus den Bogen bei einigen Nebenfiguren und überfrachtet seine Geschichte, sodass der Film unter der Last seiner schweren Themen trotz aller Leichtigkeit gegen Ende fast zusammenbricht und als Ganzes nicht so überzeugt wie seine besten Momente.  

Als der Historiker Totila „Toto“ Blumen (Lars Eidinger) erfährt, dass sein Vorgesetzter Balthasar Thomas (Jan Josef Liefers) die Räume der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg für Events von Firmenkunden vermieten will, kann er nicht mehr an sich halten und verprügelt seinen Chef brutal. Für Totos Mentor, den Holocaust-Überlebenden Professor Manfred Norkus (Rolf Hoppe) ist das zu viel: Er erleidet als Zeuge der Schlägerei einen Herzinfarkt und stirbt. Auch Totos Frau Hannah (Hannah Herzsprung) leidet unter der Unberechenbarkeit ihres depressiven Gatten, dessen notorisch üble Laune sich noch einmal verschlechtert, als ihm Balthasar die französische Praktikantin Zazie Lindeau (Adèle Haenel) aufs Auge drückt. Und dann konfrontiert die Enkelin von jüdischen Nazi-Opfern den deutschen Holocaustforscher auch noch mit der braunen Vergangenheit seiner eigenen Familie – dennoch kommen sie sich näher…



Ernst Lubitsch begegnete dem Nazi-Schrecken schon 1942 in „Sein oder Nichtsein“ mit der Waffe des Humors, Chris Kraus knüpft an diese Tradition an und wendet die Mittel der Screwball-Komödie nun auf eine Geschichte über die schwarzen Phantome des Holocaust 70 Jahre nach Kriegsende an. Er überlässt die Bühne der staubigen Archivzimmer und Historikerwohnungen weitgehend seinen Schauspielern, denen er mit der Kamera meist sehr nahe rückt. Das funktioniert am besten, wenn der Regisseur sich auf die ungewöhnliche Liebe-Hass-Beziehung zwischen dem Deutschen und der Französin, dem Täter-Enkel und der Opfer-Enkelin konzentriert: Schon wenn Zazie sich aus unerwartetem Grund am Flughafen weigert, in Totos Dienst-Mercedes zu steigen, ist klar, dass dies eine überaus komplizierte Beziehung werden wird und dass nicht in erster Linie deshalb, weil sie eine Affäre mit seinem Chef Balthasar hat. Denn hier werden nicht nur genüsslich die komplizierten Handlungswendungen klassischer Komödie aufgegriffen, sondern gleichzeitig wird ganz ernsthaft aus persönlicher Betroffenheit mit den Geistern der Vergangenheit gerungen.

Es ist durchaus amüsant, wenn sich Toto weigert, in den Räumen der Zentralstelle Häppchen zu essen, weil er das unangemessen findet, aber es ist eben keine Pose und keine Wichtigtuerei, sein Respekt für die Opfer ist jederzeit echt. Auf dem schmalen Grat zwischen befreiend-komischer Überspitzung und tiefempfundenem Mitgefühl, zwischen Gedenkfloskeln und ganz persönlich erlebtem Trauma führen die beiden Hauptdarsteller einen virtuosen schauspielerischen Balanceakt auf, ohne aus dem Tritt zu geraten. Der Lars Eidinger („Alle anderen“, „Was bleibt“), den wir hier zu sehen bekommen, erinnert an den sich völlig verausgabenden Bühnen-Berserker von der Berliner Schaubühne: Toto schreit, schnaubt, wütet, schlägt und tritt um sich - und lenkt immer alle Blicke auf sich. Dabei nimmt man ihm das Getriebene, das Nicht-anders-Können jederzeit ab und dadurch bekommen dann auch die ruhigen Momente immer wieder etwas besonders Eindringliches. Die zweifache César-Gewinnerin Adèle Haenel („Das unbekannte Mädchen“, „Liebe auf den ersten Schlag“) wiederum setzt dem verzweifelten Wüterich als Zazie eine ebenso bestimmte, oft charmante Nachdrücklichkeit entgegen und bohrt solange, bis sie seinen Schutzpanzer aufbricht. Und so kommt es in einem China-Restaurant zu einer unerhörten Szene, in der Humor, Hormone und Holocaust auf herrlich komische und sehr schlüssige Weise aufeinanderprallen.

Chris Kraus befreit die Holocaust-Thematik aus den in Watte gepackten Gedenkroutinen mit ihrer feierlichen Bedeutsamkeit - und wenn es um Toto und Zazie geht, ist das meist nicht nur komisch, sondern auch emotional und anregend. Deutlich schwerer hat es dagegen Jan Josef Liefers („Vier gegen die Bank“), der als Opportunist und Stimme der kalkulierenden Vernunft die Gegenposition zum offensiv impulsiven Toto einnehmen muss. Eine solche Klischeefigur gehört natürlich zum Standardrepertoire der Komödie, aber sie muss nicht so farblos sein. Erzählerisch schlicht verschenkt werden dagegen Hannah Herzsprung („Hell“) in ihrer unterentwickelten Rolle als Totos Ehefrau im Fatsuit (!) und Djenabuh Jalloh als schwarze Adoptivtochter Sarah: Immer wieder reißt Kraus wie hier zusätzliche Aspekte dieser Geschichte von Schuld und Gewissen (etwa mit Hannahs Affäre) an, aber das nur so kurz, dass sie den Film nicht bereichern, sondern ihn zwischendurch aus der Spur zu drängen drohen.

Fazit: „Die Blumen von gestern“ ist ein von zwei herausragenden Darstellern getragenes Screwball-Drama über die ewige Last der Vergangenheit: lustig und anregend, provokant und berührend, aber auch etwas überfrachtet.

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