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Die dunkelste Stunde
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Die dunkelste Stunde
Von
Der 8. Mai 1945, 23.01 Uhr: Zu dieser historischen Stunde trat die bedingungslose Kapitulation Deutschlands in Kraft und der Zweite Weltkrieg, der schätzungsweise 60 bis 65 Millionen Menschenleben gefordert hat, neigte sich nach sechs Jahren des Grauens dem Ende zu. Dabei sah es zu Beginn des Gemetzels ganz und gar nicht nach einer vernichtenden Niederlage der Nazis aus: Im Mai/Juni 1940, als das Deutsche Reich im sogenannten Westfeldzug die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Norwegen überrannte, Frankreich vor der Kapitulation und Großbritanniens Armee vor dem Untergang stand, war der militärische Sieg für die Wehrmacht sogar zum Greifen nahe. Von dieser dramatischen und hochbrisanten Lage erzählt Regisseur Joe Wright („Abbitte“, „Stolz & Vorurteil“) in seinem elektrisierenden politischen Thrillerdrama „Die dunkelste Stunde“, das handwerklich brillant umgesetzte Kammerspiel liefert dabei gleichsam die Vor- und Hintergrundgeschichte zu Christopher Nolans furiosem 2017er Kriegsdrama „Dunkirk“. Das größte Spektakel dieses mitreißenden Films ist jedoch seine Hauptfigur: der britische Premierminister Winston Churchill, den der unter seiner Maskerade kaum wiederzuerkennende Gary Oldman („The Dark Knight“-Trilogie) furios zum Leinwandleben erweckt. Seine Darstellung ist ein echtes Naturereignis voller schrulliger Details und seltsamer Manierismen, aber vor allem zeigt er den patriotischen Weltpolitiker mit dem hintersinnigen Humor und dem (fast) unfehlbaren Instinkt in all seiner Ambivalenz. Der Oscar 2018 dürfte Oldman kaum noch zu nehmen sein.

Mai 1940: Nachdem Nazi-Deutschland die britische Armee schwer in Bedrängnis gebracht hat und 400.000 alliierte Soldaten in der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen eingekesselt sind, gerät die Regierung in London unter heftigsten politischen Druck. Die Ablösung von Premierminister Neville Chamberlain (Ronald Pickup) steht unmittelbar bevor. Seine defensive Appeasementpolitik gilt als gescheitert. An seine Stelle soll Lord Halifax (Stephen Dillane) treten, der sich aber nicht traut, in dieser nahezu aussichtlosen Lage die Verantwortung zu übernehmen. Damit ist die Bühne frei für den wegen seines ausschweifenden Lebensstils und seiner cholerischen Anfälle gefürchteten Winston Churchill (Gary Oldman), der am 10. Mai eine Allparteienregierung bildet, um den Zusammenhalt der Briten zu stärken und Hitler die Stirn zu bieten. Allerdings hängt dem neuen Mann immer noch das von ihm verschuldete Gallipoli-Desaster von 1915 nach und auch von König George VI. (Ben Mendelsohn) bekommt er keine Unterstützung. In diesem nebligen politischen Klima versucht Churchill die britische Nation auf den bedingungslosen Krieg einzuschwören, während ihn die Interessengruppen um Chamberlain und Halifax, die ebenfalls seinem Kriegskabinett angehören, darauf drängen, über den Vermittler Italien ein Friedensabkommen mit Hitler auszuhandeln…


Zwei Projekte konkurrieren um ein Thema: nichts Ungewöhnliches in der Filmbranche. „Die Liebe seines Lebens“-Regisseur Jonathan Teplitzky scheiterte mit seinem „Churchill“ jüngst, weil er bei der Darstellung des Vollblut-Cholerikers kein Maß fand, Brian Cox in der Titelrolle als Witzfigur verheizte und in einer gefühlsduseligen Inszenierung das Erzählen aus den Augen verlor. All diese Fallstricke stecken in der Natur des Sujets, denn Winston Churchill war nun einmal eine überlebensgroße Persönlichkeit und agierte in außergewöhnlichen Zeiten, aber Joe Wright umschifft diese Klippen in seiner faszinierenden filmischen Geschichtsstunde souverän und bietet höchste Qualität auf allen Ebenen. Kaum ein anderer Regisseur versteht es so gut wie er, historische Epochen mit Eleganz und Stil wiederauferstehen zu lassen und das zeigt er auch bei dem wie aus einem Guss wirkenden Kriegsdrama „Die dunkelste Stunde“ wieder. Das Geschehen spielt sich abgesehen von wenigen actiongetriebenen Ausflügen in das tobende Kriegsgetümmel vollständig hinter den Kulissen der Macht ab, dort wo die Strippen gezogen werden. Wright konzentriert sich ganz auf die Figuren und ihre Interaktionen, die wiederum von Anthony McCartens („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) brillant geschriebenen Dialogen leben. Hier ist kein Wort zu viel oder zu wenig, jede einzelne Silbe hat ihre präzise Bedeutung – und kann in der Krise ungeahnte Folgen haben. Wie hier zäh um Entscheidungen, Mehrheiten, Verbündete und taktische Vorteile gerungen wird, ist ein echtes Ereignis.

„Die dunkelste Stunde“ ist vor allem ein spannender innenpolitischer Thriller über die Machtkämpfe und Ränkespiele im britischen Kabinett vor dem Hintergrund des drohenden Untergangs des britischen Königreichs und der Vernichtung durch Nazi-Deutschland. Es geht also um alles! Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich Regisseur Wright im letzten Drittel gelegentlich für eine etwas emotionalere und offensichtlichere Erzählweise entscheidet (Stichwort: U-Bahn-Sequenz). In diesen Momenten macht die faszinierende Ambivalenz, die den Film über weite Strecken kennzeichnet, einem patriotischen Überschwang Platz, der seine Wirkung nicht verfehlt. Denn Wright und sein Hauptdarsteller haben das Publikum zu dem Zeitpunkt längst zum Komplizen Churchills gemacht: Gary Oldman porträtiert den brachialen, maßlosen, instinktgetriebenen aber auch prinzipientreuen Machtmenschen mit allen seinen Widersprüchen. Wenn er sagt, dass Kapitulation und Niederwerfung keine Option für solch eine stolze Nation wie Großbritannien sei, dann wird aus seiner persönlichen Überzeugung die Überzeugung eines ganzen Volkes.

Oldmans grandiose Performance setzt Maßstäbe und durch seine hervorragenden Nebenleute kommt seine Leistung sogar noch besser zur Geltung. „Rogue One“-Star Ben Mendelsohn ist dabei als besonnener König George VI. so etwas wie ein moralisches Barometer. Die Gespräche des Premierministers mit dem Monarchen entwickeln sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten nach und nach zu einem fast schon freundschaftlichen Gedankenaustausch und zeigen den sonst so grobschlächtigen Churchill schließlich von einer ganz anderen Seite. Daneben ist auch die feine Leistung von Ronald Pickup („Mission“) als herausgedrängter Premierminister Neville Chamberlain besonders erwähnenswert. Wright schickt seinen Schauspieler nicht in die Klischeefalle des antagonistischen Königsmörders und so zeigt der Schauspieler Chamberlain als stillen Zweifler in Churchills Schatten, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Festhalten an seinen Kapitulationsplänen und dem Einschwenken auf die kämpferische Linie seines Amtsnachfolgers.

Fazit: Joe Wrights historischer Politthriller „Die dunkelste Stunde” ist ein energiegeladenes, virtuos inszeniertes Kammerspiel, das von einem alles überragenden Gary Oldman in der Rolle des streitbaren Winston Churchill dominiert wird.
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Kommentare

  • Jimmy V.
    Geht mir ganz ähnlich! Ich bin auch froh, dass "Pan" von Joe Wright dann wohl nur einmaliger Ausrutscher war.
  • Jimmy V.
    Mich interessiert: Wird denn Churchills Weltanschauung noch weiter thematisiert? Er mag ein Kriegsheld gewesen sein, doch wie so oft: Nobody is perfect. Er war schon ziemlich elitär.Freue mich auch auf Ben Mendelsohn als König. Dieser geniale Schauspieler mimt ja zu oft den Loser oder Bösewicht (sowie Bösewicht-Loser), da bin ich sehr gespannt drauf.
  • Knarfe1000
    Kommt auf die Must-See Liste.
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