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    Tatort: Zwei Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Tatort: Zwei Leben
    Von Lars-Christian Daniels

    Bei der Erstausstrahlung des neuen „Tatort“ aus Luzern dürften die eingefleischten Fans der öffentlich-rechtlichen Krimireihe gleich ein doppeltes Déjà-Vu erleben: Erst am Sonntag zuvor war Nebendarsteller Roland Bonjour („Der letzte Mentsch“) in Dietrich Brüggemanns vielgelobtem „Tatort: Stau“ zu sehen – er mimte darin einen untreuen Anwalt, der auf der Stuttgarter Weinsteige mit seinem Wagen im Verkehr stecken blieb und unter Tatverdacht geriet. Eine Woche später ist Bonjour nun erneut in einer (ganz anderen) Nebenrolle mit von der Partie, und auch der Krimititel von Walter Webers „Tatort: Zwei Leben“ kommt zumindest älteren Stammzuschauern womöglich bekannt vor: 1976 suchte der beim Publikum bis heute zu den beliebtesten Ermittlern zählende Essener Hauptkommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) im gleichnamigen „Tatort: Zwei Leben“ den Mörder eines Mafiaanwalts. Anders als so mancher gut gealterte Haferkamp-Fall wird der neue Schweizer Sonntagskrimi aber wohl deutlich schneller in Vergessenheit geraten: Der 12. Fall von Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ist einer ihrer schwächsten, was an der miserablen Synchronisation, aber auch an der auf viel zu vielen Zufällen basierenden Geschichte liegt.

    Der Fernbusfahrer Beni Gisler (Michael Neuenschwander) braust nachts durch Luzern – und muss machtlos mitansehen, wie ein Mann von einer Brücke direkt in seine Windschutzscheibe springt und stirbt. Als früherer Zugführer musste Gisler schon mehrere Suizide dieser Art miterleben und ist entsprechend traumatisiert. Doch war es wirklich Selbstmord? Die Hauptkommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer), die bei ihren Ermittlungen von Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabienne Hadorn) unterstützt werden, haben so ihre Zweifel: Der Tote hatte eine hohe Dosis Benzodiazepin im Blut. Flückiger, der Gisler noch aus seiner Zeit beim Militär kennt, bittet die Notfallpsychologin Dr. Sonja Roth (Stephanie Japp) darum, sich um den Traumatisierten zu kümmern. Als größte Herausforderung erweist sich aber die Klärung der Identität des Toten: Handelt es sich um den angeblich 2004 verstorbenen Baulöwen Jakob Conti (Markus Graf), dessen Firma von seinem Sohn Marco (Roland Bonjour) und seiner Witwe Anita (Saskia Vester) übernommen wurde? Spätestens als die demente Gianna Conti (Tessie Tellmann) behauptet, ihren toten Bruder kürzlich gesehen zu haben, kommt Flückiger und Ritschard die Geschichte spanisch vor...

    Im Jahr 2012 tötete im Berliner „Tatort: Dinge, die noch zu tun sind“ eine unheilbar an Krebs erkrankte Drogenfahnderin zwei Dealer, die ihre Tochter auf dem Gewissen hatten – und der Zuschauer sollte bis zum Schluss miträtseln, wer die beiden denn wohl ermordet haben könnte. Auch weil der Krimititel die Auflösung bereits vorwegnahm, geriet der Krimi unfreiwillig zur Lachnummer, und im „Tatort: Zwei Leben“ liegt der Fall ganz ähnlich: Wenn die Schlüsselfigur des Films angeblich im Urlaub bei einem Tsunami gestorben ist, die Leiche von den thailändischen Behörden aber nie gefunden wurde – ist sie dann womöglich gar nicht tot? Was der Zuschauer auch dank einiger bedeutungsschwangerer Blicke der Firmenerben nach wenigen Minuten mühelos beantworten kann, beschäftigt die schlafmützigen Ermittler in diesem schwachen Krimi eine geschlagene halbe Stunde. Doch selbst nach dem Auftritt der dementen Gianna Conti (Tessie Tellmann, „Lüthi und Blanc“) dreht sich die Geschichte einfach nur weiter im Kreis – da bleibt auch genügend Zeit, Eveline Gasser (Brigitte Beyeler, „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“) beim Publikum als neue wiederkehrende Figur einzuführen, die nach einem kurzen Techtelmechtel im vorangegangenen Schweizer „Tatort“ nun offiziell die Frau an der Seite des Luzerner Kommissars Flückiger sein soll.

    Doch was ist mit dessen Kollegin Liz Ritschard? So sehr das SRF in den letzten Jahren bei seinen beim deutschen Publikum wenig beliebten „Tatort“-Ermittlern um Charakterzeichnung bemüht war, so einseitig und unbeholfen fällt diese im „Tatort: Zwei Leben“ aus: Die erste lesbische Ermittlerin in der Geschichte der Krimireihe hat zwar ebenfalls eine neue Flamme, doch darf diese im Gegensatz zu Flückigers Freundin gerade mal zwei Wörter sagen und ist nach wenigen Sekunden wieder verschwunden. Nach stärkeren Luzerner Fällen wie dem „Tatort: Ihr werdet gerichtet“ oder dem soliden „Tatort: Kriegssplitter“ verfallen die Drehbuchautoren Felix Benesch („Der Fürsorger oder das Geld der Anderen“) und Newcomer Mats Frey damit wieder in die Muster ihrer erfolglosen Vorgänger: Zwischen Flückiger und Ritschard springt der Funke auch aufgrund der hölzernen Dialoge nicht über und Kriminalrat Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) ist wieder genau die Nervensäge, die er schon ab 2011 in den ersten Folgen des Sonntagskrimis aus Luzern war. Findet man überhaupt etwas Positives in diesem Film, sind es die Leistungen der Nebendarsteller Michael Neuenschwander („Goliath“) als unglücklicher Busfahrer und Stephanie Japp („Hirngespinster“) in der Rolle der engagierten Psychologin, die gegenüber der mit haarsträubenden Zufällen gespickten Handlung aber auf verlorenem Posten stehen.

    Über die mit dem Holzhammer konstruierte Geschichte könnte man eher hinwegsehen, wenn der „Tatort“ wenigstens eine knifflige Auflösung, ein spannendes Finale oder ein paar interessante Figuren zu bieten hätte. Die Antwort auf die Täterfrage ist für Genrekenner dank unübersehbarer Indizien aber schnell und mühelos zu erahnen, während die Kurzauftritte des überzeichneten IT-Assistenten Röbi (Roger Bonjour) ebenso in die unfreiwillige Komik abdriften („Soll ich das schon mal einscannen? Dann können wir die Daten besser handlen.“) wie die Wutausbrüche des traumatisierten Gisler. Über dessen gemeinsame Vorgeschichte mit Flückiger erfährt der Zuschauer so gut wie gar nichts – dass sich der Kommissar so sehr für den labilen Ex-Lokführer einsetzt, wirkt somit behauptet und bringt kaum zusätzliche Brisanz in die behäbig vorgetragene Geschichte. Und dann ist da noch die einmal mehr indiskutable Synchronisation der schwyzerdütschen Originalfassung für das deutsche Fernsehpublikum, bei der die Lippen der Schauspieler und die Tonspur oft zwei verschiedene Geschichten zu erzählen scheinen: Der 1028. „Tatort“ ist fast in jeder Hinsicht ein Reinfall und dürfte wohl nur bei wahren Fans der Schweizer Kommissare (und davon gibt es hierzulande nicht sehr viele) auf Gegenliebe stoßen.

    Fazit: Walter Webers „Tatort: Zwei Leben“ ist ein mehr als enttäuschender Krimi und zugleich einer der schwächsten Fälle der Schweizer Kommissare.

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