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    I'm Thinking Of Ending Things
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    I'm Thinking Of Ending Things

    Ein Netflix-Meisterwerk, das viele ratlos zurücklassen wird

    Von Björn Becher

    Schon mehrfach haben wir auf FILMSTARTS kritisch angemerkt, dass die große kreative Freiheit, die Filmschaffende bei Netflix offenbar genießen, nicht nur Vorteile für den Zuschauer hat. So gibt es etwa immer wieder Filme, die unnötig ausufern („The Last Days Of American Crime“) oder schlicht und einfach viel zu lang sind („The Kissing Booth 2“). Auch bei „I’m Thinking Of Ending Things“ werden viele Zuschauer aufstöhnen, weil sie den Film als zu lang und vor allem zu langwierig empfinden werden. Aber das Ausufern ist hier nicht nur Teil des Programms, das Konzept geht auch voll auf.

    Charlie Kaufman, der verschrobene Autor hinter „Being John Malkovich“, „Adaption.“ und „Vergiss mein nicht“, erschafft auch in seiner dritten eigenen Regiearbeit mal wieder ein ganz eigenes Universum, in dem Zeit eine ganz eigentümliche Rolle spielt und es wieder tief hinab in die Innenwelt der Figuren und des Autors selbst geht. Wie schon bei „Synecdoche, New York“ und dem Stop-Motion-Puppen-Highlight „Anomalisa“ erfordert dies nicht nur die Bereitschaft, sich auf Kaufmans rätselhaftes Erzählen einzulassen, sondern wohl auch mehrere Durchläufe, um zumindest möglich viel zu durchdringen. Aber wenn einen die komplexe Romanadaption trotz (oder gerade wegen?) ihrer Langsamkeit einmal über 134 Minuten hinweg gefesselt hat, dann wird man sich dem gerne auch noch mal aussetzen – alleine schon deshalb, weil der Film so fabelhaft ausschaut.

    Ganz so skurril hat sich die junge Frau das Treffen mit den Eltern ihres Freundes ganz sicher nicht vorgestellt...

    Eine junge Frau (Jessie Buckley) macht sich mit ihrem Freund Jake (Jesse Plemons) auf den Weg zum Kennenlernbesuch bei seinen Eltern, obwohl sie eigentlich gerade darüber nachdenkt, die erst wenige Wochen alte Beziehung schon wieder zu beenden. Nach einer sehr langen Fahrt durch den Schnee kommt das Paar auf der abgelegenen Farm von Jakes schrägen Eltern (Toni Collette und David Thewlis) an. In dem Haus gibt es unter anderem eine von Kratzspuren übersäte Tür in den Keller, die der Gast auf keinen Fall öffnen soll - und draußen tobt ein Schneesturm, der die Heimreise ab einem gewissen Punkt unmöglich machen könnte…

    Rund 20 Minuten lässt Charlie Kaufman seine Hauptfiguren durch den Schnee fahren. Rund zehn weitere Minuten sind sie am und im Haus, bevor die Eltern endlich die Treppe aus dem 1. Stock herunterkommen. Dieser lange Auftakt ist fast so etwas wie eine Prüfung: Wer sich da schon fragt, wann es endlich losgeht, sitzt sehr wahrscheinlich im falschen Film und kann eigentlich hier schon abbrechen. Wer dagegen an den Lippen der beiden Hauptfiguren hängt, kein Wort der ausufernden Dialoge verpassen will und womöglich vor Anspannung auf der heimischen Couch schon etwas weiter vorgerückt ist, wird „I’m Thinking Of Ending Things“ hingegen nicht nur einmal, sondern wahrscheinlich sogar mehrfach mit größter Begeisterung schauen.

    Mindfuck für Fortgeschrittene

    Mehrere Durchgänge sind auch bitter nötig, um nur ansatzweise zu erfassen, in welche Richtungen Charlie Kauman mit seinem exzentrischen Mindfuck diesmal alle ausschlägt: So beschäftigt er sich unter anderem erneut mit der Welt der Gedanken und der Frage, was eigentlich so in unserem Kopf vorgeht. Aber zugleich geht es immer auch um seine eigene Rolle als Filmemacher, die Adaption eines Romans und das Erschaffen eines Films selbst. Dazu verwendet Kaufman Elemente des Horrorkinos, schmuggelt aber auch ein Musical ein und beschert uns als Film-im-Film eine schnulzige RomCom, die angeblich von Robert Zemeckis inszeniert wurde, aber so überhaupt nicht zum Stil des „Zurück in die Zukunft“-Machers passt.

    Dass die Romanvorlage „The Ending - Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum“ von Iain Reid ein gefeierter Psycho-Thriller ist, scheint Kaufman wenig zu interessieren. Immerhin borgt er sich die intensive Spannung und das Gefühl, dass man nie weiß, was als nächstes passieren wird. Der neuerliche Meta-Kommentar des Regisseurs, der sich in „Adaption.“ einst (gespielt von Nicolas Cage) selbst aufs Korn genommen hat, gipfelt in einer Szene, in der Jake und die junge Frau über den John-Cassavetes-Klassiker „Eine Frau unter Einfluss“ diskutieren und sie schließlich einen Verriss der legendären Filmkritikerin Pauline Kael zitiert, der sich zugleich aber auch als Loblied auf die Leistung von „I’m Thinking Of Ending Things“-Hauptdarstellerin Jessie Buckley zu verstehen ist.

    Mit solchen Bildauschnitten hält Charlie Kaufman den Zuschauer auf Distanz, während er ihn gleichzeitig in die Enge treibt.

    Oft als „billig“ verschmähte Stilmittel – wie umfangreiche Voice Over oder Dialogszenen in reiner Schnitt-Gegenschnitt-Abfolge – sind Programm. Und sie ergeben Sinn. Dass wir die Gedanken der Protagonistin hören, ist nicht nur schon im Filmtitel begründet, sondern wir steigen ja gerade in ihre Gedankenwelt hinab. Und wenn das junge Paar zu Beginn im Auto durch den Schnee fährt, wird die reine Schnitt-Gegenschnitt-Abfolge allein schon dadurch variiert, dass die Kamera meist außerhalb des Fahrzeugs ist und aus immer neuen Perspektiven die Figuren durch den Schnee und die zunehmend verdreckte Scheibe filmt. Dadurch wird der Zuschauer zugleich auf Distanz gehalten, während die Figuren im selben Moment durch das enge 4:3-Fernsehformat ganz nah an uns heranrücken: Oft füllt eine Person das Bild nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Breite fast komplett aus.

    Das Gros der Spannung resultiert aus der mysteriösen Welt, die am Anfang so völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint – bis dann plötzlich doch noch ein modernes Smartphone gezückt wird. Immer mehr Fragen werden aufgeworfen: Warum wird die junge Frau mal Lucy, mal Luise, mal Lucia genannt? Warum ist sie angeblich mal Malerin, mal Kellnerin? Warum studiert sie mal Quantenphysik, mal Gerontologie? Gerade diese beiden angeblichen Studiengänge verweisen auf Kaufmans Spiel mit der Zeit, bei dem man nur darauf wartet, dass zwischen all den Unterhaltungen über das Musical „Oklahoma!“ und den Autor David Foster Wallace auch noch jemand Christopher Nolans „Tenet“ erwähnt, der mit ebenfalls namenlosem Protagonisten (zufällig?) parallel zum Netflix-Start von Kaufmans Mindfuck in den Kinos läuft.

    Verlorengehen ist Teil der Filmerfahrung

    Stattdessen fällt ein Satz wie „Wir sind unbeweglich und die Zeit geht durch uns hindurch.“ Irgendwann sind die Eltern von Jake plötzlich von einer Szene zur nächsten Jahrzehnte älter. Es gibt immer wieder vermeintlich (?) losgelöste Momente, in denen ein Hausmeister (Guy Boyd) in einer Schule putzt und dem Zuschauer suggeriert wird, womöglich einen sehr alten Jake zu sehen. Wer genau hinschaut, wird neben solchen offensichtlichen Spielereien auch sehr subtile Veränderungen bei der Wohnungsdekoration oder bei den Outfits des jungen Paares bemerken.

    Was dahinter steckt, löst Kaufman auch in dem durchaus verrückten, von ihm komplett neu erfundenen Schluss nicht wirklich auf. Er überlässt es seinem Publikum, seinen eigenen Zugang zu finden – und eine eindeutige Erklärung wird wohl auch von der Schwarmintelligenz nie gefunden werden. Dafür gibt es viel zu viele Lesarten, die sich anbieten und bei jedem weiteren Schauen wahrscheinlich sofort wieder über den Haufen geworfen werden können. Es sind 134 Minuten, von denen keine überflüssig scheint, auch wenn nicht jede Szene Sinn ergibt. Doch selbst wenn man zwischendrin mal völlig verlorengeht in diesem Gedankenlabyrinth, kann man sich immer noch ganz den allesamt Poster-tauglichen Bildern hingeben, die Kameramann Lukasz Zal (oscarnominiert für „Cold War“) im Zusammenspiel mit der sensationellen Ausstattung immer wieder erschafft.

    Fazit: Mit „I’m Thinking Of Ending Things“ legt Mindfuck-Mastermind Charlie Kaufman seine bislang stärkste Regie-Arbeit vor – und auch wenn wir den Film allein aufgrund seiner Bilder gerne auf einer großen Leinwand gesehen hätten, bietet sich Netflix natürlich insofern an, dass man den Film dort immer wieder und wieder anschauen kann.

     

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