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    "Avengers 3: Infinity War: Darum ist ein depressiver Waschbär die beste Figur im MCU
    Von Christian Fußy — 06.05.2018 um 14:22
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    In nur drei Filmen hat es Marvel geschafft, aus Rocket Raccoon, dem witzigen Waschbärmann aus „Guardians Of The Galaxy“, einen vielschichtigen und faszinierenden Antihelden zu schmieden. Auch in „Infinity War“ sind seine Szenen ein Highlight.

    Marvel Studios 2017

    Trotz Helden im Überfluss, wird in „Avengers 3: Infinity War“ jeder Figur genügend Zeit eingeräumt, um beim Zuschauer einen Eindruck zu hinterlassen, sei es durch eine clevere Actionsequenz, einen emotionalen Moment oder einen lässigen Spruch. Dass es die Regisseure Joe und Anthony Russo darüber hinaus schaffen, die Charakterentwicklung aus früheren Filmen beizubehalten und zudem Figuren wie Star-Lord, Iron Man und Gamora noch weitere Facetten abgewinnen, grenzt dann fast schon an Angeberei. Am Ende ist es aber genau diese Kontinuität der Persönlichkeiten, die Fans immer wieder ins Kino lockt und nachhaltig für Gesprächsstoff sorgt.

    Ein Held, der in „Infinity War“ eine besonders starke Szene bekommt und meiner Meinung nach zu den am besten geschriebenen Figuren im gesamten MCU zählt, wird in Diskussionen über die Blockbuster-Reihe jedoch immer noch zu häufig übergangen: Rocket Raccoon (per Motion-Capture gespielt von Sean Gunn und gesprochen von Bradley Cooper in der Original- und Fahri Yardim in der deutschen Fassung). Er hat nicht nur die mit Abstand düsterste Hintergrundgeschichte der Guardians-Familie, seine Wandlung vom suizidalen Arschloch zum liebenswürdigen Schelm, der für seine Freunde alles tun würde, ist ähnlich interessant wie Tony Starks Handlungsbogen aus den „Iron Man“-Filmen und, für mich zumindest, noch ein ganzes Stück beeindruckender.

    Marvel Studios 2018

    Der Weltschmerz-Waschbär und seine Entwicklung

    Eingeführt wird Rocket nebst Kumpel und Geschäftspartner Groot (Vin Diesel) in „Guardians Of The Galaxy“. Als opportunistischer Outlaw hat er es auf die Belohnung abgesehen, die auf Peter Quills (Chris Pratt) Kopf ausgesetzt ist. Letztendlich endet sein Plan jedoch für alle Beteiligten im Gefängnis, wo sich der Jäger und seine Beute eine Zelle teilen müssen. Dort zeichnet sich zum ersten Mal ab, dass Regisseur und Drehbuchautor James Gunn Rocket nicht einfach nur als potentiell putzige Kultfigur sieht, sondern vor allem die zugrundeliegende Tragik des Wesens in den Vordergrund stellen will. An Rockets Rücken erkennt Quill die metallenen Bolzen, die seinen kleinen Körper zusammenhalten, die Waschbär-Kreatur wurde durch ein Experiment erschaffen und ist - soweit bekannt - die einzige ihrer Art.

    Seine Herkunft macht Rocket zur einsamsten Figur im gesamten Universum. Drax (Dave Bautista), Star-Lord und Gamora (Zoe Saldana) haben ebenfalls traurige Hintergrundgeschichten voller Missbrauch, Ablehnung und Verlust, keiner von ihnen wurde jedoch schon vor seiner Geburt durch schöpferische Willkür dazu verdammt, ein Außenseiter zu sein. So abgefuckt Gamoras Familienverhältnisse auch sein mögen, in Nebula (Karen Gillan) hat sie immerhin eine Adoptiv-Schwester, die ihr Schicksal teilt. Außerdem hat sie die Stärke, sich nicht durch ihre Herkunft oder ihren grausamen Steifvater definieren zu lassen – eine Stärke, die dem wandelnden Minderwertigkeitskomplex Rocket sichtlich fehlt.

    Walt Disney Studios Motion Pictures

    Statt das Beste aus seinem Leben zu machen, verflucht der seine eigene Existenz. In der besten Szene von „Guardians Of The Galaxy“ zieht Rocket beim gemeinsamen Umtrunk mit dem Rest der Helden im Streit mit Drax seine Waffe und verkündet, er sei bereit, auf der Stelle zu sterben, da er den Tod ohnehin seinem Leben vorziehen würde – harter Stoff für einen Film, der sich primär an Kinder richtet.

    Selbst gegen Ende der Geschichte schleppt Rocket diesen Selbsthass noch mit sich herum und Gunn macht überhaupt keine Anstalten, diesen für die Jüngsten im Publikum zu kaschieren. In der finalen Schlacht mit Ronan steuert der weltüberdrüssige Waschbärmann seine Flugmaschine direkt in das Raumschiff des Feindes, in vollem Bewusstsein, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Ende bedeutet. Diese Rücksichtslosigkeit bezahlt sein bis zu diesem Zeitpunkt einziger richtiger Freund, der einsilbige Baummensch Groot, mit seinem Leben. Die Erkenntnis, dass Groot bereit war, für ihn zu sterben, die Schwere des Verlustes und die daraus resultierende Verantwortung für Groots Sprössling Baby Groot lösen in Rocket dann erstmals ein kleines Umdenken aus und er beschließt, sich Star-Lords Besatzung anzuschließen.

    The Walt Disney Company France

    We Would Never Break The Chain

    In „Guardians Of The Galaxy 2“ sind die Guardians für Rocket bereits so etwas wie eine Familie geworden. Gemeinsam bilden sie eine gut organisierte Einheit und kümmern sich aufopferungsvoll um Tanzbaum Baby Groot. Wie viele Personen mit depressiven Neigungen setzt Rocket jedoch alles daran, dieses Glück zu sabotieren. Er stellt seine Freundschaft mit Peter Quill konstant auf die Probe, indem er bei jeder sich bietenden Möglichkeit dessen Autorität untergräbt und das Team absichtlich in Gefahr bringt. Weil er mit seinen neu entdeckten Gefühlen von Freundschaft nicht klarkommt, versucht er seine Mitstreiter durch absolut abscheuliches Verhalten von sich wegzustoßen. Erst durch seine Begegnung mit Yondu (Michael Rooker), der Zeit seines Lebens ein mindestens genau so großes Arschloch war und sich nicht eingestehen wollte, wie viel ihm sein Adoptivsohn Peter bedeutet, lernt Rocket, dass er sich ändern kann und muss.

    In der letzten Szene gesteht sich der sonst so distanzierte Maulheld auf Yondus Beerdigung ein, dass ihn der Rest der Guardians trotz seiner Verfehlungen bedingungslos akzeptiert und liebt und dass sein Tod zwangsläufig ein Loch in der Welt und im Herzen seiner Freunde hinterlassen wird. Mit der Entscheidung, den Film auf dieser emotionalen Note (und noch dazu mit einem herzzerreißenden begleitenden Bild) enden zu lassen, beweist James Gunn erneut richtig dicke Klöten und beschert seinem Publikum einen für Superheldenfilme untypischen, aber gleichzeitig absolut fantastischen Charaktermoment.

    Walt Disney Studios Motion Pictures

    Lust For Life

    Es ist überaus erfreulich, dass die Russos in „Infinity War“ genauso sensibel mit der Figur umgehen, wie Gunn in seinen „Guardians“-Filmen. Auch wenn Rocket für einen Großteil der Handlung isoliert von seinen Mitstreitern agiert, kann man den Einfluss, den das Zusammenleben mit Peter, Drax und Co. auf ihn hatte, in jeder Szene spüren. Besonders berührend ist sein Kommentar zu Thors Entscheidung, den Sonnenstrahl, der Eitris (Peter Dinklage) Schmiede mit Energie versorgt, durch seinen Körper durchfließen zu lassen und dabei sein Leben zu riskieren: Als der Gott des Donners behauptet, ohnehin nichts mehr zu verlieren zu haben, geht Rocket kurz in sich und erwidert: „Aber ich habe eine ganze Menge zu verlieren“ – eine Aussage, die er noch vor zwei Filmen so niemals getroffen hätte. Ein weiteres Beispiel dafür, wieviel Mühe sich Marvel mit seiner Geschichte gibt.

    ACHTUNG! Es folgen Spoiler zum Ende von „Infinity War“

    Am Ende von „Infinity War“ gehört Rocket zu den wenigen Überlebenden von Thanos‘ Attacke. Alle anderen Guardians sind entweder direkt ermordet (Gamora) oder durch einen Fingerschnipser in Asche verwandelt worden (Drax, Mantis, Star-Lord, Teenie Groot). Es bleibt abzuwarten, ob ihn der Verlust seiner Freunde wieder in alte Muster zurückfallen lässt und er sich selbst die Schuld gibt an der Tragödie – oder wie er damit umgeht, dass Star-Lords Wutausbruch indirekt dafür mitverantwortlich ist, dass die Hälfte der Weltbevölkerung, darunter der seiner Obhut unterstellte Teenie Groot, der Vergangenheit angehört. Auch das unausweichliche Treffen mit Nebula birgt zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterentwicklung beider Figuren.

    Marvel Studios 2018

    Dass Rocket nicht nur ein knuffiger sprechender Waschbär ist, der in erster Linie Disneys Spielzeugverkäufe ankurbeln soll, ist schon ein kleiner Triumph für sich und zum größten Teil James Gunn und seiner Co-Autorin Nicole Perlman zu verdanken, die Tatsache, dass er möglicherweise in „Avengers 4“ eine zentrale Rolle neben Iron Man und dem Rest der Ur-Avengers bekommen wird, löst in mir so sogar zum ersten Mal in langer Zeit wieder richtig große Vorfreude auf einen Superheldenfilm aus – und das haben zuletzt nicht einmal das Gipfeltreffen von Batman, Superman und Wonder Woman, der gefeierte „Black Panther“ oder eben jener, auf den ersten Blick figurenüberladene „Infinity War“ geschafft, der mich dann gerade mit dem Portrait der Figuren, allen voran Rocket, überrascht hat.

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