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Er hätte für "Glass" auch ein vier Mal so hohes Budget haben können: Unser Interview mit M. Night Shyamalan
Von Christoph Petersen — 17.01.2019 um 20:15
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Mit „Glass“ bringt M. Night Shyamalan nach 18 Jahren seine mit „Unbreakable“ und „Split“ begonnene Superhelden-Trilogie zum Abschluss. Wir haben uns mit dem „The Sixth Sense“-Mastermind in München zum Vieraugengespräch getroffen.

Disney

FILMSTARTS: Mit „Glass“ bringst du gleich zwei Geschichten zu einem gemeinsamen Abschluss, nämlich die von „Unbreakable“ und „Split“. Aber funktioniert der Film auch für Zuschauer, die die Vorgänger nicht kennen? Habt ihr das extra in Testvorführungen ausprobiert?

M. Night Shyamalan: Ja, haben wir. Und interessanterweise gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen, die nur „Unbreakable“, nur „Split“ oder gar keinen von beiden gesehen haben. Das waren fantastische Nachrichten für mich, denn ich hatte schon das Ziel, dass jeder der Filme auch auf eigenen Beinen stehen können sollte. Genauso gut könnten wir heute miteinander über einen Film sprechen, der von einem Krankenhausflügel handelt, in dem Menschen behandelt werden, die sich für Charaktere aus Comics halten. Hätte ich diesen Plot Universal und Disney vorgeschlagen, ganz ohne Bezug zu „Unbreakable“ oder „Split“, hätten die den Film auch sofort mit mir gemacht.

FILMSTARTS: Hattest du eigentlich schon damals bei „Unbreakable“ den Plan, aus der Geschichte eine komplette Trilogie zu machen?

M. Night Shyamalan: Eigentlich schon. Aber ich fühlte mich damals sehr unsicher und verletzt. Als „Unbreakable“ in die Kinos kam, hatte ich das Gefühl, dass er wirklich gut geworden ist. Aber dann waren die Reaktionen sehr gemischt. Viele Zuschauer waren einfach nicht drauf vorbereitet, was da auf sie zukommt. Sie hatten keine Ahnung von Comics und die Struktur des Films fühlte sich für sie an, als wäre es nur der Anfang, der erste Akt einer Geschichte. Da fängt man automatisch an, sich selbst zu hinterfragen, ich war damals ja auch noch jung und unerfahren.

Die Marketingleute haben mir gesagt, dass wir den Film nicht als Comic-Stoff verkaufen werden, weil sowas niemand sehen will. Das war die Ära von Filmemachern wie Steven Spielberg und Ron Howard, während Regisseure wie Christopher Nolan oder David Fincher noch in der Ecke stehen mussten. Inzwischen bilden sie das Zentrum und der Massengeschmack hat sich in vielerlei Hinsicht in Richtung „Unbreakable“ entwickelt. Wenn ich in der Zeit zurückkehren könnte, würde ich meinem jüngeren Ich sagen, dass er einfach selbstbewusster an die Sache rangehen soll. Dann hätte es mit den Sequels bestimmt nicht so lange gedauert.

Die Idee zu „Split“ war auch schon 18 Jahre alt

FILMSTARTS: Stimmt es denn, dass du den Plot von „Split“ nicht einfach nur als Fortsetzung geplant hattest, sondern er ursprünglich sogar ein Teil von „Unbreakable“ sein sollte?

M. Night Shyamalan: Ja, das war am Anfang ein Teil des Konzepts. Da gab es in „Unbreakable“ diesen Typen, der Mädchen attackiert und ihnen erzählt, dass bald „die Bestie“ auftauchen wird. Und als es schließlich soweit ist, trifft er am Bahnhof auf David Dunn, der ihn nach einer Berührung zurück zu den Mädchen verfolgt.

FILMSTARTS: Das ist also in etwa der Part, den jetzt der serienmordende Müllmann in „Unbreakable“ innehat?

M. Night Shyamalan: Korrekt.

Bruce Willis schauspielert endlich wieder

FILMSTARTS: Wie haben denn Bruce Willis und Samuel L. Jackson auf die Sequel-Ankündigung reagiert? Hast du sie die ganzen 18 Jahre hindurch auf dem Laufenden gehalten?

M. Night Shyamalan: Die beiden lagen mir mit dem Wunsch nach einer Fortsetzung schon ewig in den Ohren. Das war schon fast eine Art Running Gag, immer wenn wir uns getroffen haben. Ich habe Sam „Split“ gezeigt, ohne ihm vorher etwas dazu zu sagen. Und am Ende sagte er nur: „Oh, mein Gott!“ Und ich meinte: „Ja, wir machen ein Sequel!“ Bruce wusste natürlich schon vorher Bescheid, er hat ja in „Split“ mitgespielt. Wir haben ihn ans Set geschmuggelt und nur mit einem sehr kleinen Team gedreht. Und selbst den wenigen anwesenden Crewmitgliedern haben wir nicht unbedingt verraten, was das alles eigentlich soll.

Selbst als ich „Split“ den verantwortlichen Leuten meines Studios Universal gezeigt habe, wussten sie nicht, dass diese Szene im Film sein wird. Sie dachten, ich mache einfach einen weiteren Thriller. Und als das Ende kam, fragten sie: „Was ist hier los? Ist das überhaupt legal? Wir müssen doch jetzt sofort mit Disney reden!“ Aber zum Glück hatte ich heimlich schon einen Deal mit Disney gemacht. Ich habe ja „Split“ selbst bezahlt und habe deshalb Disney gefragt, ob ich die Figur David Dunn für eine Szene verwenden dürfte? Und unglaublicherweise haben sie Ja gesagt.

FILMSTARTS: Wir hatten in den vergangenen Jahren wiederholt das Gefühl, dass Bruce Willis viele seiner Filme wirklich nur noch gelangweilt für den Gehaltscheck runterkurbelt. In „Glass“ hängt er sich hingegen wieder sichtlich rein. Glaubst du, dass sich Schauspieler speziell an deinen Sets einfach mehr Mühe geben?

M. Night Shyamalan: Ja, ich denke schon. Ich verlange Proben. Das Drehbuch wird nicht verändert. Ich überlege mir jede Einstellung vorab genau. Sie vertrauen mir. Wenn die Schauspieler spüren, dass man eine Vision hat und die Verantwortung übernimmt, dann überlassen sie dir auch das Ruder. Aber sobald sie das Gefühl haben, dass du keine Vision hast, dann greifen sie selbst nach dem Steuer. Sie müssen sich da auch einfach selbst schützen. Wenn man als Schauspieler einfach nur gesagt bekommt, dass man von hier nach dort rennen soll, dann ist die Motivation im Eimer. Sie wollen das „Wie“ und das „Warum“ wissen.

Hollywood-Blockbuster aus der eigenen Tasche bezahlt

FILMSTARTS: Seit „The Visit“ kommt du für das Budget deiner Filme vollständig selbst auf. Auch bei „Glass“ ist das nun wieder so. Wie anders fühlt sich das Filmemachen denn an, wenn man selbst für alles aus eigener Tasche bezahlt?

M. Night Shyamalan: Ich habe keinen Wohnwagen und bin immer am Set. Die Leute spüren durch mich, welche Bedeutung jeder einzelne Moment hat. Da schlürft niemand wohin, um etwas aufzuheben, er rennt und beeilt sich. Auch die Schauspieler spüren, dass ich ein persönliches Risiko eingehe. Ich bekomme ja auch keine Gage. Ich riskiere also nicht nur mein Haus, ich verdiene auch keinen einzigen Cent, solange das hier nicht gut ausgeht. Das sorgt dafür, das alle mit einer ganz anderen Energie ans Set kommen, fast so wie damals in der Filmschule, als wir alle noch diese „Lass uns loslegen“-Attitüde hatten. Der Zynismus so mancher Studioproduktion fehlt da einfach. Es ist nicht genug Geld da, um den Schauspielern noch dieses oder jenes Extra zu ermöglichen. Und sie haben auch nur eine gewisse Zeit, um eine Szene hinzubekommen - und weil sie das wissen, erscheinen sie immer super vorbereitet am Set.

FILMSTARTS: Planst du denn, diesen Ansatz auch in Zukunft beizubehalten, selbst wenn „Glass“ ein Superhit wird und die Studios dir wieder große Budgets anbieten?

M. Night Shyamalan: Das tun sie doch jetzt schon. Andauernd. Es gab nichts, was Disney und Universal lieber getan hätten, als für „Glass“ zu bezahlen. Sie haben mir sogar das Vierfache des jetzigen Budgets angeboten. Aber ich habe abgelehnt. Die Limitationen sind es ja gerade, was mich von anderen unterscheidet. Wenn ich schon einen Superheldenfilm mache und mich mit Marvel messe, dann muss es ein fairer Kampf sein - ihre Stärken gegen meine Stärken. Ich kann nicht einfach jede Menge Geld hinterherschmeißen, um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Darin sind sie einfach viel besser als ich. Wir machen es hingegen so „klein“ wie nur irgendwie möglich.

Markenzeichen: Twists, Twists, Twists

FILMSTARTS: Schon seit „The Sixth Sense“ bist du berühmt-berüchtigt für deine alles auf den Kopf stellenden Twists, mit den deine Filme häufig enden. Wo kommt die Inspiration dafür her?

M. Night Shyamalan: Die Leute reden darüber, als würde es sich da um den Moonwalk oder eine andere Form von ausgefallenem Tanzschritt handeln. Aber für mich ist das nicht so. Wenn ich schreibe, denke ich darüber nach, welche Ebenen der Figuren und der Geschichte ich noch freilegen könnte. Und dasselbe gilt auch für die dramaturgische Struktur. Man beginnt mit „Junge trifft Mädchen“ und dann erfindet man all diese weiteren Ebenen dazu. Außerdem mag ich es, wenn am Ende nicht nur der Protagonist eine Erleuchtung hat, sondern im selben Moment auch der Zuschauer.

FILMSTARTS: Filmemacher werden ja oft nach ihren Idolen gefragt. Aber wir wollen das heute mal andersrum machen. Kannst du uns heutige Filmemacher nennen, für die du ein Idol bist und die deine Art des Filmemachens fortführen?

M. Night Shyamalan: Viele Filmemacher sind sehr gütig, wenn sie mit mir über ihre Einflüsse sprechen und wie sie dieser oder jener Film von mir inspiriert hat. Aber da musst du schon sie selbst befragen. Trotzdem liebe ich die neue Generation von Filmemachern, es gibt so viele düstere Filme, die mich wirklich ansprechen: „Der Babadook“, „It Follows“, „Raw“, „The Witch“...

Glass“ läuft seit dem 17. Januar 2019 in den deutschen Kinos.

 

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