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    "Tenet" hat einen noch besseren Score als "Inception": Der Cameo von Christopher Nolan ist auf der Tonspur versteckt!
    Von Christoph Petersen — 24.08.2020 um 15:00
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    Noch besser als das „Inception“-Dröhnen von Hans Zimmer: „Tenet“ setzt neue Maßstäbe, was experimentelle Blockbuster-Scores angeht! Wir haben im Rahmen einer Pressekonferenz mit Christopher Nolan und Ludwig Göransson über den Sound gesprochen.

    Warner Bros.

    In „Tenet“ gibt es nicht nur vorwärts oder rückwärts. Ganz besonders faszinierend wird es vielmehr immer dann, wenn die Dinge im selben Moment vorwärts und rückwärts ablaufen. Das Ergebnis sind Actionszenen, wie man sie noch nie auf der großen Leinwand gesehen hat – und dazu gehört eben auch ein Score, wie man ihn noch nie im Kino gehört hat.

    Wir haben in der vergangenen Woche an einer Zoom-Pressekonferenz mit Christopher Nolan, seinen Stars und seinem für die Filmmusik von „Black Panther“ oscarprämierten Komponisten Ludwig Göransson teilgenommen. Dabei ging es nicht nur um die Entstehung des bahnbrechend-treibenden Experimental-Scores – sondern auch darum, wie sich Christopher Nolan persönlich auf der Tonspur seines neuen Science-Fiction-Spionage-Blockbusters verewigt hat.

    Sound, wie es sie noch nie gab

    Ludwig Göransson: „Ich bin sehr früh im Prozess zum Film gestoßen. Schon sechs Monate, bevor Chris losgezogen ist, um mit den Dreharbeiten zu beginnen. Nach dem Lesen des Skripts habe ich schnell verstanden, dass das eine Welt ist, wie wir sie noch nie gesehen oder erlebt haben. Also brauchten wir einen andersartigen Sound, eine ganz andere Qualität von Musik. Einen Sound, der sich von allem abhebt, was wir jemals zuvor gehört haben.

    Am Anfang habe ich einmal die Woche mit Chris gearbeitet – und ich habe sehr früh mit dem Komponieren von Demos angefangen. In seinem Büro haben wir die Musik seziert, was funktioniert und was nicht funktioniert. Wir haben sehr früh unsere ganz eigene Welt aus Sound und Musik kreiert.“

    Die Atemgeräusche von Christopher Nolan

    Ludwig Göransson auf die Frage, welche technischen Spielzeuge er für den Score verwendet hat:

    „Eine Menge Spielzeuge. Aber auch viele organische Instrumente. Ich mag es, Geräusche zu verwenden, die wir gut kennen, und sie dann so sehr zu manipulieren, dass man sich nicht mehr wirklich sicher sein kann, was genau es ist. Zu Beginn haben Chris und ich viel darüber diskutiert, wie man die Gitarre auf eine neue Weise einsetzen könnte – also habe ich viel mit Gitarren experimentiert. Ich habe sie durch eine Reihe von Spielzeugen, Effekten und Audiomanipulationen gejagt.

    Ein Großteil des Scores besteht aus Gitarren und Umgebungsgeräuschen, bei denen man nie genau weiß, womit man es gerade zu tun hat. Wir nutzen zudem auch einige menschliche Geräusche – zum Beispiel, wie jemand sehr heftig in ein Mikrofon atmet. Das war Chris‘ Idee für den Bösewicht des Films – ein Teil des Scores ist tatsächlich Christopher Nolan, den ich so manipuliert habe, dass dieser wirklich ungemütliche Atemsound dabei herauskommt.

    Christopher Nolans Vision für einen guten Score

    Christopher Nolan: „Für mich ist es wichtig, dass die Musik sich mit dem allgemeinen Sounddesign zu einer Einheit zusammenfügt. Deshalb haben wir unseren Sounddesigner Richard King sehr früh mit einbezogen, um herauszufinden, wo wir uns mit dem ganzen Ding hinbewegen. Eine der Sachen, die ich an der Arbeit mit Ludwig besonders genossen habe, ist sein Ansatz, Geräusche von Grund auf neu zu erschaffen. Es gibt nichts, was spezifische Assoziationen beim Zuhörer auslöst – in gewisser Weise ist alles vollkommen frisch.

    Das hat zur Folge, dass die Musik mehr die Funktion eines traditionellen Sounddesigns übernimmt. Sie wirkt direkt auf das Unterbewusstsein. Sie bildet die DNA des Films. Dass Ludwig so früh anfangen musste, liegt daran, dass ich beim Schnitt keine temporäre Musik nutze. Ich verwende also keine Musik aus anderen oder früheren Filmen als Platzhalter, bis der neue Score geschrieben wird. Stattdessen baute Ludwig die Geräusche – und wir schnitten den Film direkt mit den originalen Demos. Das verbindet die Musik sehr eng mit dem Sound der Welt, die wir zu kreieren versuchten.

    Ist es normal, dass Hollywoodstudios ihren Regisseuren erlauben, bei ihren 200-Millionen-Dollar-Blockbustern auf experimentell-avantgardistische Filmmusik zu setzen? Eine rhetorische Frage, denn die Antwort lautet natürlich „Nein“. Vermutlich wäre außer Christopher Nolan niemand damit durchgekommen. Deshalb sieht man bei ihm nicht nur Dinge, die man noch nie gesehen hat, man hört auch Dinge, die man noch nie gehört hat.

    Wobei sich das nach den Kinostarts dann oft auch sehr schnell ändert: Nach dem Erfolg von „Inception“ tauchte das ikonische Hans-Zimmer-Dröhnen in den folgenden Jahren schließlich in fast jedem zweiten Hollywood-Blockbuster auf…

    „Tenet“ läuft ab dem 26. August 2020 in den deutschen Kinos.

    Die FILMSTARTS-Kritik zu "Tenet"

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    Kommentare
    • Mac-Trek
      Hab mir Tenet heute angesehen. Zu einem genialen Score gehört für mich, dass er nicht nur mit dem Film verwächst, sondern man ihn auch solo genießen kann. Das hat Hans Zimmer mit seinen Scores (bis auf Dunkirk, der funktioniert nur mit Film) bisher super geschafft. Der Tenet-Score passt ebenso gut zum Film, lässt sich aber nicht solo genießen und ist mir auch zu synthetisch. Interessanterweise habe ich zwischendurch, bei den einzigen Sequenzen, bei denen eine Melodie ausgemacht werden konnte, Anleihen aus Zimmers X-Men Dark Phoenix-Score vernommen. Zufall, oder stammt Ludwig Göransson aus Hansis Think Tank und haben sich bei beiden Filmen gegenseitig unterstützt?Ganz furchtbar finde ich den Song von Travis Scott. Bei gemorphten Gesangsstimmen kriege ich einfach nur das würgen.
    • HalJordan
      Ach was, weshalb sollte enttäuscht sein? Freut mich, wenn dir der Score gefällt.
    • Ben Koben
      Gib´s zu, das hast du dir gerade einfallen lassen.Nein, ich stehe dazu: Der Dunkirk-Score ist künstlerisch herausragend. Und ich mag ihn. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. ;-)
    • HalJordan
      Gib´s zu, das hast du dir gerade einfallen lassen. 😁Ich fand den Dunkirk-Score mit der Zeit unheimlich nervig, glaube allerdings das war beabsichtigt.
    • Ben Koben
      Ach ja, und Interstellar hat einen durch die Orgel ganz exzellenten symphonischen Einschlag erhalten, den ich sehr schätze. Das war endlich mal was Neues, anstatt die x-te generische Orchester-Einspielung, wo meist das eine wie das andere klingt.
    • Ben Koben
      Lustigerweise kenne ich niemanden, der seinen Score zu 'Dunkirk' mag.Das wird sich mit meinem Kommentar jetzt wohl ändern: Der Dunkirk-Score ist hervorragend, weil er künstlerisch eng mit der Vision Nolans verknüpft ist, der einen möglichst unterkühlten, rauen und emotionslosen Score haben wollte - das ist Zimmer perfekt gelungen. Eine große Leistung!
    • HalJordan
      Bei Zimmer denke ich eher an solche tollen Werke, wie Batman v Superman, Man of Steel und The Dark Knight Rises. Die stellen seine Arbeit bei Interstellar locker in den Schatten. Ich weiß allerdings, was du meinst. Lustigerweise kenne ich niemanden, der seinen Score zu Dunkirk mag. Woran das wohl liegt? ;-D
    • WhiteNightFalcon
      So ähnlich geht mir das mit dem viel gelobten Interstellar. Ein starkes Stück, der Rest ganz okay.
    • HalJordan
      Ich finde es immer wieder interessant, wie unterschiedlich die Geschmäcker doch sind. Gerade mit Zimmers Arbeiten Anfang der 2000er kann ich eher weniger anfangen. Mir geht es ähnlich, wie Felix Haberkorn. Ich liebe Zimmers Arbeiten an Interestellar, The Dark Knight Rises etc.
    • HalJordan
      Ja, Göransson ist wirklich fähig und hat ein paar wirkliche tolle Scores zu verwantworten. Ich mag seine Black Panther-Musik und ich liebe seine Arbeit an The Mandalorian.Interessant, Inception gehört für mich eher zu den schwächeren Scores. Bis auf zwei drei Themes, werde ich mit diesem nicht warm.
    • Ben Koben
      Lieber 007,von besser habe ich auch nicht gesprochen - sie sind alle auf höchstem Niveau, also auch Zimmer. Genau das meinte ich mit Kompositionsstil: Zimmer ist - vereinfacht ausgedrückt - intuitiv/instinktiv, eben impressionistisch, Morricone und Williams zielen jedoch auf große Melodien ab, die für sich allein stehen können - leider ist halt oft verbrämt-pompöser Orchester-Schmalz dabei. Zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen, die nicht miteinander vergleichbar sind.
    • Bond, James Bond
      Diese drei ragen wohl heraus, aber ich finde auch diese Scores sehr gut:Planet der Affen: Revolution & Survival, The Dark Knight Rises, Interstellar, Mission: Impossible - Fallout, die Star Wars Filme (dazu zähle ich besonders Giacchinos Arbeit zu Rogue One), Halloween (2018), Doctor Strange (das beste am Film ist Giacchinos Score), X-Men: First Class & Days Of Future Past. Dazu noch Diango Unchained, aber da ist es freilich die Ansammlung der alten Songs (besonders der Titelsong von Django und Die rechte und die linke Hand des Teufels erfreut mich).
    • Bond, James Bond
      Schlecht nicht, aber nicht besser als Morricone oder Williiams :-PIch mag die Kombo Nolan/Zimmer aber auch sehr gerne, für mich passt das.Aber zu behaupten Morricone oder Williams Lieder würden die Filme Leones und Spielbergs NICHT begleiten und überlagern, möchte man glatt als Lüge bezeichnen ;-)Große Filmmusik besteht übrigens auch ohne die Bilder dazu. Sprich, man schließt die Augen und kann die Szenen sehen. DAS sind Morricone und Williams.
    • Sentenza93
      Seine besten Arbeiten lieferte Zimmer für mich zwischen Ende der 80er bis Anfang der 2000er ab. Mittlerweile ist er für mich leider ziemlich abgefallen.
    • Felix Haberkorn
      So unterschiedlich kann mans sehen. Ich persönlich finde gerade die Kombi Zimmer/Nolan genial. Zimmer hat seit den 2000ern mit seine besten Arbeiten (meiner Ansicht nach) unter Nolan geliefert. Aber definitiv tut Abwechslung auch mal zwischendurch gut. Zimmer war ja zeitlich verhindert. Und der Kamerawechsel vom genialen Pfister zu Hoyte van Hoytema hat ja auch nicht geschadet.
    • Ben Koben
      Das sehe/höre ich aber anders. Zimmer mit Morricone oder Williams zu vergleichen, hinkt doch ziemlich, denn die beiden genannten Komponisten mögen zwar tolle Melodien aus den Ärmeln geschüttelt haben, jedoch war auch viel süßlicher Kitsch dabei.Bei der Kombi Nolan/Zimmer ist mir so etwas bisher kaum aufgefallen. Zimmer ist zudem eher experimentell und impressionistisch veranlagt. Er braucht keine großen Melodien, die vom Film ablenken, sondern Sounds und Motive, die der jeweiligen Situation angemessen sind. Seine Musik unterstreicht die Szenen, begleitet sie und überlagert sie nicht. Somit basieren seine Scores auf einem völlig anderen Kompositionsstil. Man kann zwar sagen, dass einem Zimmers Stil nicht gefällt, nicht jedoch, dass er per se schlecht oder schlechter ist als Morricones oder Williams'.
    • Tobias D.
      Tron Legacy hatte wirklich einen Hammer Score.
    • Rockatansky
      Hört sich gut an. Auch wenn ich Zimmer sehr mag und Seinen Score (bis auf Interstellar vielleicht) stets sehr passend zu Nolans Filmen fand, kann eine Neuausrichtung sicher nicht schaden. Man darf hier aber auch nicht unerwähnt lassen, dass es Zimmer selbst war, der seinerzeit mit Backdraft die Filmmusik zu Actionfilmen mehr oder weniger revolutionierte.
    • Sentenza93
      Ich persönlich freue mich sehr, dass Nolan endlich mal wieder mit wem anders bezüglich Score arbeitet. Bisschen Abwechslung schadet nichts.So Kombis wie Spielberg - Williams oder Leone - Morricone kommen halt nicht oft vor. Und das Level haben Nolan und Zimmer für mich nicht/nie erreicht.
    • WhiteNightFalcon
      Was ich bisher an Scores von Göransson gehört habe, gefiel mir. Bin gespannt, was er diesmal abliefert. Bisschen was Neuartiges wäre cool, nachdem mich die Scores im Allgemeinen zu Filmen in letzter Zeit eher kalt ließen, weil nur einzelne Stücke heraus ragten. Inception, Tron Legacy oder Oblivion sind so Scores der letzten zehn Jahre, die für mich herausragend waren, aber dann kommt länger nix.
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