Sacrifice
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Sacrifice

Doofe Öko-Terroristen gegen noch doofere Celebritys

Von Thorsten Hanisch

Mit dem im Wettbewerb des Filmfests in Venedig uraufgeführten „Athena“ machte Romain Gavras, Sohn der Regie-Legende Costa-Gavras („Z“), im Herbst 2022 erstmals auch über die Grenzen Frankreichs hinaus als Spielfilmregisseur auf sich aufmerksam. Man konnte den internationalen Wirbel um die hochexplosive Netflix-Produktion dabei durchaus nachvollziehen, schließlich glänzt das politisch aufgeladene Action-Drama durch eine beeindruckende technische Raffinesse. Das unbestrittene Highlight ist dabei direkt der Auftakt in Form einer elfminütigen Plansequenz, die die Plünderung einer Polizeistation sowie eine anschließende Straßenschlacht zwischen Beamt*innen und rebellierenden Teenager*innen einfängt – voller Rauch und Krawall, aber ohne einen einzigen Schnitt! Der erfahrene Musikvideo-Regisseur beherrscht sein Handwerk, keine Frage.

„Athena“ offenbart zugleich aber auch eine Schwäche: Das von Gavras mitverfasste Drehbuch schmiert nach dem furiosen Auftakt zusehends ab. Leider ist das nun bei der dunkelschwarzen Komödie „Sacrifice“, seinem ersten Film mit internationaler Besetzung, sogar noch schlimmer. Die mit dickem Pinsel gezeichnete, aber dank des Casts zumindest zeitweilig mild unterhaltsame Satire entwickelt sich mehr und mehr zu einem kaum greifbaren, ziellos schlenkernden Mix aus Ökothriller und Charakterdrama. Es wird nie wirklich klar, worauf der Film eigentlich hinauswill – und so setzt schnell Langeweile ein. Da nützt auch die erneute technische Virtuosität (wenn dieses Mal auch ohne vergleichbaren Augenöffner wie den „Athena“-Auftakt) nicht wirklich viel.

Hollywoodstar Mike Tyler (Chris Evans) soll in einen Vulkan geschmissen werden, um so die Erde vor dem Untergang zu retten. DCM
Hollywoodstar Mike Tyler (Chris Evans) soll in einen Vulkan geschmissen werden, um so die Erde vor dem Untergang zu retten.

Nach dem schrecklichen Feuertod ihrer Mutter folgen Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre Geschwister einer mysteriösen vulkanischen Prophezeiung, laut der es ihre Bestimmung ist, die Erde zu retten. Ihr Ziel ist eine Charity-Veranstaltung eines Milliardärs: Die Gruppe überfällt das Event und Joan nimmt drei Geiseln, die bei einem grausamen Ritual geopfert – also in einen Vulkan geschmissen – werden sollen: den Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), die Performerin Katie (Ambika Mod) und den schurkischen Gastgeber Ben Bracker (Vincent Cassel). Aber ist das wirklich der richtige Weg, um den Planeten vor dem vermeintlich sicheren Untergang zu retten? Die Frage muss sich irgendwann auch Mike stellen, der mit dem Gedanken spielt, dass eine solche Selbstopferung womöglich auch sein angekratztes Image aufpolieren könnte …

Ein großes Problem von „Sacrifice“ offenbart sich bereits in der ersten halben Stunde. Der Film ist letztlich genauso oberflächlich wie die Prominenten, die sich hier im Rahmen einer glamourösen Milliardärs-Gala in einem riesigen Marmorsteinbruch auf einer griechischen Insel treffen, um Geld für die Rettung des Planeten und gegen die Klimakrise zu sammeln. Dabei demonstrieren sie hauptsächlich deshalb Haltung, um sich selbst gut zu fühlen und vor anderen gut dazustehen – der thematische Anlass ist ihnen dabei eigentlich scheißegal.

Von der Realität gnadenlos überholter Humor

Natürlich ist die Darstellung der globalen Schickeria ironisch gemeint, dabei wurde der Humor jedoch längst von der Realität ein- und überholt. In Zeiten, in denen sich Milliardäre Megajachten zulegen, die in kaum einen Hafen der Welt mehr passen, oder versuchen, möglichst viele Kinder zu zeugen, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern, ist die Realität längst selbst zur Satire mutiert.

Da lockt höchstens noch die Jeff-Bezos-Gedächtnisglatze von Vincent Cassel („La Haine“) ein Schmunzeln hervor, denn den versierten französischen Star hat man so tatsächlich noch nie gesehen. Zugleich ist auch die Darstellung der Gegenseite, die die Gala sprengt, ein Griff ins Klo. Nach einem Sommer mit über 16.000 Hitzetoten will man eigentlich nicht mehr unbedingt sehen, wie Umweltaktivist*innen derart plump veralbert werden.

Ist Joan (Anya Taylor-Joy) tatsächlich dazu bestimmt, die Welt zu retten? Oder ist die Öko-Terroristin einfach nur irre? DCM
Ist Joan (Anya Taylor-Joy) tatsächlich dazu bestimmt, die Welt zu retten? Oder ist die Öko-Terroristin einfach nur irre?

Das größte Problem ist aber, dass Gavras‘ Film nicht im Geringsten weiß, was er eigentlich will. So irrt er nach besagter erster halber Stunde richtungslos vor sich her, um dann später mit einem schwachen Finale zu enden, bei dem die angepeilte Dramatik völlig ins Leere läuft. Nur die trotz des schwachen Skripts ungeheuer spielfreudige Besetzung überzeugt, wobei jede*r in seinem oder ihrem eigenen Universum unterwegs zu sein scheint. Vor allem MCU-Superheld Chris Evans („Avengers: Doomsday“) punktet als eitler, etwas einfältiger Kinostar mit Sinnkrise durch eine entspannt-charismatische Darstellung.

Anya Taylor-Joy („Das Damengambit“) holt mit teils theaterhaftem Overacting das Äußerste aus einer inkonsistent geschriebenen Rolle heraus, die unentschlossen zwischen psychotischer Sektenführerin und konventionellem Love Interest mäandert. John Malkovich dreht unterdessen wie so oft mit Wonne am Rad – aber seinen Oscar wird er dann wohl trotzdem für einen anderen Film gewinnen, den wir allen Fans von dem wohl auch in „Sacrifice“ angepeilten dunkelschwarzen Humor sehr viel eher ans Herz legen würden.

Fazit: In Romain Gavras‘ erstem Film mit internationaler Besetzung gibt es erneut beeindruckende Bilder zu sehen, aber auf inhaltlicher Ebene herrscht Brachland. Die Stars hängen sich zwar rein, können das Kind aber auch nicht aus dem Brunnen holen – dafür entpuppt sich „Sacrifice“ zu schnell als ebenso plumpe wie ziellose Satire auf Celebrity-Kult und Öko-Aktivismus.

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