Nur ein kleines bisschen Glück
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Nur ein kleines bisschen Glück

Mit Humor gegen die Schrecken des Holocausts

Von Björn Schneider

Lachen über den Holocaust, ohne den Respekt vor den Opfern und die historische Dimension aus den Augen zu verlieren – geht das überhaupt? Ja, das geht! Der humorvolle Umgang mit dem dunkelsten Kapitel der Geschichte hat bekanntlich auch im Kino eine lange Tradition. Schon Meisterwerke wie „Der große Diktator“ von Charlie Chaplin, „Sein oder nicht sein“ von Ernst Lubitsch oder „Frühling für Hitler“ von Mel Brooks haben bewiesen, dass man dem Unfassbaren sehr gut mit beißender Ironie begegnen kann. Und vielleicht muss man das manchmal sogar, um das Leid und die Gräuel überhaupt ertragen zu können.

Auch die Oscarsieger „Das Leben ist schön“ (1997) und „Jojo Rabbit“ (2019) präsentierten den Überlebenskampf während des „Weltenbrands“ als starken Mix aus Drama und Komödie. Einen ähnlichen Ansatz wählt nun auch der Schauspieler und Filmemacher Pascal Elbé in seiner Historien-Dramödie „Nur ein kleines bisschen Glück“. Die vierte Regiearbeit des Franzosen ist eine tragikomische, bittersüße Verwechslungssatire mit vielen kreativen Einfällen, die von einem brillanten Benoît Poelvoorde in der Hauptrolle getragen wird. Demgegenüber steht ein nicht immer schlüssiges Drehbuch, das stellenweise ausgefranzt wirkt.

„Ach, Herr Offizier. Ich bin übrigens Jude!“ – sein gefährliches Halbwissen bringt Jean Chevalin (Benoît Poelvoorde) immer wieder aufs Neue in die Bredouille. Lighthouse
„Ach, Herr Offizier. Ich bin übrigens Jude!“ – sein gefährliches Halbwissen bringt Jean Chevalin (Benoît Poelvoorde) immer wieder aufs Neue in die Bredouille.

Frankreich 1940: Jean Chevalin (Benoît Poelvoorde) ist erst einen Tag in der französischen Armee und hat schon genug. Er desertiert und flüchtet zurück zu seiner Frau Paulette (Audrey Lamy) und seinem Sohn Marcel (Louis Douce Lagorce) nach Nordfrankreich, das bereits von den Nazis besetzt ist. Am liebsten würde er mit der Familie in den unbesetzten Süden reisen, die Frage ist nur: Wie soll das gelingen?

Da kommt dem blauäugigen Jean die Idee, sich und seine Liebsten als jüdisch auszugeben, schließlich gibt es spezielle Untergrund-Netzwerke, die allerdings nur Juden und Jüdinnen zur Flucht verhelfen. Was als vermeintlich simpler Plan beginnt, um in die „Freie Zone“ zu gelangen, entwickelt sich schnell zu einem Trip voller schräger Zufälle, naiver Irrtümer und brenzliger Situationen. Und hat Jean überhaupt daran gedacht, dass er als Jude ja eigentlich beschnitten sein müsste …

Die absurde Grundidee funktioniert!

Der Protagonist gibt sich während des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet als jüdischer Widerstandskämpfer aus, um sein Leben zu retten. Immerhin drohte Deserteuren zu jener Zeit die Todesstrafe oder lebenslange Zwangsarbeit, mindestens aber ein jahrelanger Gefängnisaufenthalt. Wieso sich also nicht als verfolgter Jude durch einen vorgetäuschten Opferstatus die Chance auf die lebensrettende Flucht erhalten? Diese eigentlich völlig hanebüchene Grundprämisse ist der Aufhänger der Geschichte und dient als Basis für die humoristische Umsetzung – die meist richtig gut funktioniert. Mit gefälschten Pässen macht sich die Familie auf den Weg zur anderen Seite der Demarkationslinie. Dort stellt sie allerdings fest, wie lebensbedrohlich das Dasein als Jude ist.

Pointiert und augenzwinkernd spielt Elbé, der auch selbst die Nebenrolle des jüdischen Flüchtlings Sam Goldstein übernimmt, mit vorherrschenden Ressentiments. Schließlich verfügt der nur auf den eigenen Vorteil bedachte Jean lediglich über gefährliches Halbwissen und hat eigentlich gar keine wirkliche Ahnung davon, was das Judentum ausmacht. Der ironische, fast zynische Tonfall zeigt sich beispielhaft in jener Szene, in der sich die Familie die Ausweispapiere ausstellen lässt. Jean wählt einen Namen, der seiner Ansicht nach „eindeutig und traditionell jüdisch“ klingt. Dasselbe bei der Berufswahl, an der sich Jeans klischeehaftes Denken abermals zeigt. Am Ende wählt er den Beruf des Zahnarztes. Eine Entscheidung, die er spätestens dann bereut, als immer mehr Menschen von Jean eine zahnmedizinische Behandlung verlangen.

Frau Paulette (Audrey Lamy) und Sohn Marcel (Louis Douce Lagorce) werden in den „genialen“ Fluchtplan des Vaters mit hineingezogen. Lighthouse
Frau Paulette (Audrey Lamy) und Sohn Marcel (Louis Douce Lagorce) werden in den „genialen“ Fluchtplan des Vaters mit hineingezogen.

Mit antisemitischen Stereotypen und den Vorbehalten einer engstirnigen, unwissenden Gesellschaft spielt der Film auch im weiteren Verlauf der Handlung. So stranden Jean und seine Familie in einer herrschaftlichen Villa, die einem verdeckt operierenden Schleuser-Netzwerk als Versteck dient. Dort sowie auf der weiteren Flucht gen Süden versucht die Familie alles, um möglichst glaubhaft jüdisch zu wirken. Dieses krampfhafte Verstellen und Aneignen bislang unbekannter Verhaltensweisen und Riten führt zu vielen heiteren Missverständnissen und amüsanten Momenten. Das Ziel lautet: vor Nachbar*innen, Widerständler*innen und Fluchthelfer*innen nicht aufzufliegen. Doch das ist schwerer als erwartet, gerade wenn man, wie Jean, die jüdischen Speiseregeln (Kaschrut) nicht kennt oder bei den jüdischen Feiertagen durcheinandergerät.

Daneben bekommen auch die Nazis gehörig ihr Fett weg, wenn Elbé sie als hörige, kognitiv beschränkte Befehlsempfänger*innen zeigt, die den Judenstern auch schon mal mit einem Weihnachtsstern verwechseln. Der Mix aus jenen humorvollen Spitzen und schwarzhumorigen Elementen mit nachdenklichen, beklemmenden Szenen gelingt darüber hinaus fast durchweg. Elbé baut sie an dramaturgisch klug gewählten Stellen ein. Der Terror der Besatzer und der kollaborierenden Vichy-Regierung zeigt sich in den Sequenzen, in denen die Bedrohung für die „echten“ jüdischen Menschen greifbar wird. Etwa bei den Selektionen an den Kontrollpunkten und den brutalen Razzien in den Durchgangslagern. Die Gefahr der Enttarnung und Deportation schwebt über weiten Teilen der Handlung.

Am Schluss gibt es noch eine Überraschung

Bisweilen verliert sich der Film allerdings in verzichtbaren Nebenhandlungen, darunter der Subplot um Sam Goldstein, der zu Jeans engem Vertrauten wird. Goldstein sucht seinen auf der Flucht verlorengegangenen Sohn, doch richtig nah geht einem dieses Schicksal nicht – dafür bleibt der Film hier viel zu sehr an der Oberfläche. Goldsteins Verzweiflung versandet in Dialoghülsen und Behauptungen, die das Publikum auf Abstand halten. Zudem schneidet der Regisseur gehäuft die Hintergrundgeschichten einiger anderer Unterstützer*innen und Widerständler*innen an, darunter die wohlhabende Besitzerin der Villa. „Nur ein kleines bisschen Glück“ reißt deren Biografien, Beweggründe und Charakterzüge aber lediglich an, weshalb einem die Nebenfiguren nie wirklich greifbar erscheinen.

Dafür bewegen die Wandlung und Läuterung der Hauptfigur. Der charismatische belgische Charaktermime Poelvoorde erweist sich als Idealbesetzung für eine heillos naive Figur, die erst nach und nach in einen ethisch-moralischen Konflikt gerät. Jean entwickelt sich vom engstirnigen, tölpelhaften Opportunisten und Zyniker zum liebenswerten, empathischen Kämpfer für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit. Besondere Erwähnung verdient zudem die couragierte Entscheidung Elbés, ganz zum Schluss mit einem traumhaften, surrealen Einschub zu überraschen. Dieser poetische Moment bricht mit dem bis dahin etablierten Stil und der Tonalität des Films, fügt sich aber dennoch stimmig in die Gesamtwirkung ein. Er zeigt Elbés Mut zum Unerwarteten und seine bedingungslose Zuneigung zu den eigenen, sich alles andere als tadellos verhaltenden Figuren.

Fazit: „Nur ein kleines bisschen Glück“ erzählt von einem alles andere als moralisch einwandfreien Deserteur in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, der vorgibt, ein französischer Jude zu sein. Die Tragikomödie lebt von unfreiwillig komischen Begegnungen und heiteren Missverständnissen, die sich aus der skurrilen Grundkonstellation ergeben. Sie verbindet humorvolle, absurd-abseitige Elemente fast durchweg gekonnt mit tragischen Einsprengseln und ernsten Themen wie Todesangst, Terror, Flucht und Antisemitismus. Lediglich die mitunter ausfransenden Nebenhandlungen hätte es nicht gebraucht.

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