… und dann kommen die Zombies doch noch!
Von Christoph PetersenDie Leinwand bleibt erst einmal schwarz. Auf der Tonspur wütet hingegen ein Unwetter. Der Regen ist zwar nie zu sehen, sehr wohl aber die Folgen der Überschwemmungen, die am 1. September 2024 in allen 23 Provinzen des Tschad durch die stärksten Niederschläge seit mehr als 40 Jahren ausgelöst wurden. Auch den Lehmhütten im Wüstendorf der 17-jährigen Schülerin Kellou (Maïmouna Miawama), die regelmäßig von albtraumhaften Visionen heimgesucht wird, sieht man die Flutschäden an. Noch schwerer wiegt allerdings, dass in letzter Zeit bereits fünf Babys aus ungeklärter Ursache verstorben sind. Für den Dorfvorsteher ist die Sache deshalb klar:
Die Schuld muss bei der nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrten Kräuterkundlerin Aja (Achouackh Abakar Souleymane) liegen. Sie soll deshalb gefälligst wieder verschwinden; die Jugend des Dorfes bewirft ihr Haus bereits mit Steinen. Nur die junge Protagonistin steht der Frau bei, die schon damals als Hebamme tätig war, als Kellous Mutter bei der Entbindung ums Leben kam. Mahamat-Saleh Haroun, der den Tschad 1982 wegen des Bürgerkriegs in Richtung Frankreich verließ, aber einen Großteil seiner Filme dennoch in seiner alten Heimat ansiedelt, setzt in „Soumsoum, The Night Of The Stars“ auf einen betont einfachen Plot und ebenso reduzierte Figuren.
Pili Films
Stattdessen inszeniert er das Coming-of-Age seiner Protagonistin als sonnendurchflutet-spirituellen Wüstentrip, der sich trotz der spektakulären Schauplätze phasenweise durchaus ein wenig hinzieht, bevor er in den letzten 15 Minuten plötzlich doch noch mit einigen Überraschungen aufwartet – Zombies inklusive. Während ein besonders kühner CGI-Einsatz (Stichwort: Rabenkopf) tatsächlich wie aus dem Nichts kommt, kündigen sich die Untoten schon früh in einer der ersten von Kellous Visionen an: Eine Handvoll Männer in weißer Kleidung taumelt mit verrenkten Gliedmaßen auf sie zu.
Der Verwischungseffekt in dieser Szene ist eines der wenigen auffälligen inszenatorischen Stilmittel, die Mahamat-Saleh Haroun in den ersten eineinhalb Stunden seines Films bemüht. Ansonsten geht der Regisseur, der seit Werken wie „Bye Bye Africa“ (Preis für das beste Debüt in Venedig), „Daratt“ (Spezialpreis der Jury in Venedig) und „Ein Mann, der schreit“ (Preis der Jury in Cannes) längst zu den üblichen Verdächtigen im internationalen Festivalbetrieb zählt, diesmal ganz besonders zurückhaltend vor. Gerade der Plot wirkt extrem karg, vieles bleibt im Vagen, auch die Emotionen kochen – trotz der existenziellen Situation der Beteiligten – weitestgehend auf Sparflamme.
Das Problem ist nur: Bis es Kellou schließlich allein in die Wüste verschlägt, wo die surrealen Elemente unter dem titelgebenden Sternenhimmel deutlich zunehmen, hat man das alles eigentlich schon zu oft gesehen, um sich die heruntergedampfte, wenig spezifische Version davon zu Gemüte zu führen. Hier ist die junge Außenseiterin, die seit dem Tod ihrer Mutter als „im Blut Geborene“ beschimpft wird, und deren Visionen metaphorisch das Weibliche und Naturgebundene abbilden. Im Gegensatz dazu steht der zerstörerische Aberglaube der Männer des Dorfes, die mit ihrem Dämonengefasel ausgrenzen und aufwiegeln. All das sind bekannte Themen und Tropen des (Festival-)Kinos.
Da braucht „Soumsoum, The Night Of The Stars“ einfach zu lange, um schließlich doch zu etwas ganz Eigenem zu werden …
Fazit: Ein traumwandlerischer Film zwischen Dorfdrama und Wüstenmärchen, abergläubischem Patriarchat und weiblicher Solidarität, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Angesiedelt in einem spektakulär-sonnigen Setting ist „Soumsoum, The Night Of The Stars“ jederzeit wahnsinnig schön anzusehen, die reduzierte, parabelhafte Handlung entwickelt aber zwischendrin durchaus spürbare Längen, bevor die finale Viertelstunde doch noch Unerwartetes bereithält.
Wir haben „Soumsoum, The Night Of The Stars“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.