Blue Moon
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Blue Moon

Vom Ende einer Karriere – in Echtzeit!

Von Michael Bendix

„Rodgers & Hammerstein“ ist eine Namenskombination, die für Musical-Kenner*innen kaum getrennt voneinander gedacht werden kann. Seit ihrem Durchbruch mit dem Stück „Oklahoma!“ haben Komponist Richard Rodgers und Liedtexter Oscar Hammerstein II zwei Jahrzehnte lang zusammengearbeitet. Dabei entstanden zahlreiche erfolgreiche Musicals mit großem (pop-)kulturellen Nachhall – darunter etwa „The Sound Of Music“. Es wäre ein Leichtes, diese Erfolgsgeschichte zu einem Film zu verarbeiten, zumal Musik-Biopics zurzeit ohnehin eines der erfolgversprechendsten Genres im Segment des mittel-budgetierten Hollywood-Kinos sind. Richard Linklater interessiert sich aber nicht für den Aufstieg des berühmten Duos, sondern für den Fall des oft vergessenen Dritten im Bunde: Lorenz Hart, der Rodgers' erster kreativer Partner war, bevor Hammerstein ihn im Jahr 1943 ablöste.

Doch auch dessen Geschichte vollzieht er nicht klassisch anhand biografischer Eckdaten nach: „Blue Moon“ ist benannt nach der wohl berühmtesten Komposition Harts, einem Song für Millionen, der am besten funktioniert, wenn man ihn allein hört. Deshalb ist es passend, dass Linklater Harts Lebens- und Karriereweg auf die Innenräume des New Yorker Restaurants Sardi's konzentriert. Dort nimmt ein Konversationsstück in Echtzeit seinen Lauf, das so altmodisch, reduziert und theatral – inklusive Auftritten und Abgängen – daherkommt, dass man sich nicht wundern würde, wenn es seinen Ursprung ebenfalls auf der Bühne gehabt hätte.

Lorenz Hart (Ethan Hawke) ist zwar homosexuell, aber auch Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) hoffnungslos verfallen. Sabrina Lantos / Sony Pictures Classics
Lorenz Hart (Ethan Hawke) ist zwar homosexuell, aber auch Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) hoffnungslos verfallen.

Seinen Anfang nimmt „Blue Moon“ aber zunächst mit dem Ende. Nachdem gleich drei Zitate von Weggefährten Harts das Bild eines geselligen, aber vereinsamten Menschen zeichnen, sehen wir den Protagonisten (Ethan Hawke) in geducktem Gang durch eine verregnete Gasse stolpern und schließlich zusammenbrechen. Eine Nachrichtenstimme fasst seine musikalischen Verdienste zusammen, und bald wird klar: Wir hören eine Todesmeldung. Wenige Tage später wird der Autor und Songwriter den Folgen seines exzessiven Alkoholkonsums erliegen.

Im Anschluss springt die Handlung drei Monate zurück, und wir befinden uns im Sardi's, das wir für die folgenden knapp 90 Filmminuten nicht mehr verlassen werden. Es ist der Abend nach der Premiere von „Oklahoma!“, dem ersten Stück, das Rodgers (Andrew Scott) ohne die Beteiligung von Hart auf die Bühne gebracht hat. Die Gründe für ihre Trennung erfährt man nicht direkt, aber sie deuten sich schnell an – etwa darin, wie Hart zunächst eine ganze Weile demonstrativ der Versuchung widersteht, einen Schluck aus dem Whiskyglas vor seiner Nase zu nehmen, bevor er dann doch einen Bourbon nach dem anderen herunterkippt.

Ein Bonmot folgt auf das andere

Hart redet unentwegt, und wirklich jeder seiner Sätze landet auf einer Pointe. Nie stolpert er über seine Worte oder verheddert er sich in einem Gedanken. Manchmal wirkt es fast, als sei er ein Automat, der auf das Produzieren von geistreichen Bonmots programmiert ist. Im Gespräch mit Barmann Eddie (Bobby Cannavale) und dem Pianisten Weegee (John Doran) geht es um homosexuelle Subtexte in „Casablanca“, die Schönheit halb erigierter Schwänze, den noch immer andauernden Zweiten Weltkrieg und natürlich immer wieder um Musik – Kenntnisse über „Oklahoma!“ im Speziellen und die amerikanische Musical-Historie im Allgemeinen können zumindest nicht schaden, wenn man dem Dialog-Dauerfeuer folgen möchte.

Doch so wie das reichlich in seinen Haaren verteilte Gel nur ungenügend eine Halbglatze kaschiert, mischen sich irgendwann Wehmut und Bitterkeit in sein mondänes Auftreten. Vor allem dann, wenn Hart immer wieder zu spöttischen Verrissen über „Oklahoma!“ ansetzt, das seinen ehemaligen Partner voraussichtlich in den Olymp tragen wird, während das Ende von Harts Karriere besiegelt scheint. Aber auch, wenn er Andeutungen über seine im Amerika des mittleren 20. Jahrhunderts natürlich kaum offen ausgelebte Homosexualität macht oder seine unerwiderte Liebe zu der gerade 20 gewordenen Studentin Elizabeth Weiland („The Substance“-Star Margaret Qualley) betrauert.

Die Worte stehen im Zentrum

Richard Linklater ist das Gegenteil eines Regisseurs, der sich nach vorne spielt. Kein Stilist, sondern ein guter – manchmal auch sehr guter – Handwerker, dessen Mangel an Eitelkeit und unauffällig-elegante Formsprache sich mit nahezu jedem Genre vertragen. Somit stehen und fallen seine Werke oft mit ihren Drehbüchern, was im Falle eines dialog- und performancegetriebenen Films wie „Blue Moon“ besonders stark ins Gewicht fällt. Linklater erweitert die vielen, vielen Worte nur selten visuell, sondern beschränkt sich meist auf schlichte Schuss-Gegenschuss-Arrangements.

Die werden nur manchmal interessant, wenn sie beispielsweise Größenunterschiede konstituieren (vor allem den zwischen Lorenz und Elizabeth). In einer Szene wiederum scheint sich das Restaurant buchstäblich in zwei Hälften zu teilen, wenn sich die eine Seite schlagartig mit zahlreichen den Triumph von „Oklahoma!“ feiernden Menschen füllt, während Hart in der anderen weiter am Tresen vereinsamt. Wenn er dann zu den Feiernden (und Rodgers) hinübertritt, wirkt es tatsächlich so, als beträte er einen anderen Ort, der eigentlich nicht für ihn bestimmt ist.

Ein wenig Trost zum Schluss

Ohnehin scheint Hart, sobald er sich von der Bar entfernt, kaum irgendwo richtig dazuzugehören: Gleichermaßen komisch und grausam ist die Szene, in der er Rodgers (den er erfolglos zu einem neuen gemeinsamen Stück zu überreden versucht) und Elizabeth (die ihn liebt, „aber nicht so“) miteinander bekannt macht und diese augenblicklich in den Flirtmodus wechseln, sodass Lorenz nicht nur aufgrund seiner geringen Körpergröße beinahe zwischen ihnen verschwindet. Manchmal wünschte man sich aber doch zumindest ein bisschen was von der transformativen Kraft der zahlreichen Musicals, die in den Dialogen immer wieder referenziert werden – ein bisschen mehr „Oklahoma!“.

Somit ist es an Robert Kaplows tragikomischem, dann und wann vielleicht etwas zu geschliffenem Skript, den Film zu tragen – und vor allem an Ethan Hawke, der hier u. a. nach „Before Sunrise“ und „Boyhood“ zum neunten Mal in einem Film von Richard Linklater zu sehen ist. Er zeigt Hart als einen Mann, der dazu verdammt ist, verloren zu sein, weil alles, woran er sich noch festhalten könnte, entweder in der Vergangenheit liegt oder unerreichbar geworden ist. Obwohl wir aber schon wissen, dass er noch im selben Jahr aus dem Leben scheiden wird, endet „Blue Moon“ auf einer hoffnungsvollen Note, wenn noch einmal das titelgebende Lied zum Einsatz kommt. Dass alle Anwesenden den Text kennen, ist vielleicht kein Grund, noch ewig weiterzuleben – aber vielleicht doch genug, noch ein bisschen länger an der Bar sitzen zu bleiben.

Fazit: Richard Linklater erzählt vom Ende der Karriere des Liedtexters Lorenz Hart – nicht in Form eines klassischen Biopics, sondern als tragikomisches, sowohl räumlich als auch zeitlich begrenztes Dialogstück, das vor allem von Ethan Hawkes Performance angetrieben wird.

Wir haben „Blue Moon“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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