Screamboat
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Screamboat

So verkürzt man sich die Wartezeit auf "Terrifier 4"

Von Christoph Petersen

Nach 95 Jahren läuft das Copyright ab, und dann landen fiktive Schöpfungen in der Public Domain – daran kann nicht einmal der markenbewusste Mega-Konzern Disney etwas ändern. Und so ist in den vergangenen Jahren ein ganz neues Sub-Genre entstanden, in dem beliebte Kinderbuch- und Cartoon-Charaktere plötzlich als blutrünstige Monster auftreten. Losgetreten hat den Trend der ebenso superbrutale wie superbillige „Winnie The Pooh: Blood And Honey“, in dem die sadistischen Psycho-Killer nicht mal sonderlich aufwändig hergestellte Masken von Pu-Bär und Ferkel tragen. Das Ergebnis: Allein im Kino wurde mehr als das 50-Fache (!) des Mini-Budgets von 100.000 Dollar eingespielt. Kein Wunder also, dass damit noch lange nicht Schluss war. Stattdessen folgten im sogenannten Poohniverse anschließend auch noch „Winnie The Pooh: Blood And Honey II“, „Bambi: The Reckoning“ sowie „Peter Pan's Neverland Nightmare“.

Am 1. Januar 2024 bekam der Public-Domain-Horror noch mal einen ganz besonderen Push, denn an diesem Tag lief offiziell das Copyright für „Steamboat Willie“ aus dem Jahr 1928 ab. Das Besondere daran: In dem achtminütigen Cartoon von Walt Disney und Ub Iwerks hat niemand Geringeres als Micky Maus ihren ersten Auftritt – und so durfte plötzlich jeder die berühmteste aller Disney-Figuren für eigene Werke verwenden. Den Anfang machte der miserable „The Mouse Trap“, ein gewohnt billiger Slasher, in dem sich der Killer erneut einfach nur eine Micky-Maus-Maske überstreift, bevor er mit dem Metzeln beginnt – das braucht wirklich kein Mensch. Die Gore-Komödie „Screamboat“ hingegen stammt immerhin von den Produzenten von „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“ – und auch wenn am Ende trotzdem ein Film mit ziemlichen Längen herausgekommen ist, haben sie zumindest mal ein ganz anderes Maß an Aufwand betrieben.

Der mordlüsterne Willie wird von niemand Geringerem als Art-der-Clown-„Terrifier“-Star David Howard Thornton verkörpert. Tiberius Film
Der mordlüsterne Willie wird von niemand Geringerem als Art-der-Clown-„Terrifier“-Star David Howard Thornton verkörpert.

Auf der Suche nach Andenken, die man im Internet verticken könnte, entfesselt ein Dieb das unfassbare Grauen: Früher ist die Maus Willie (David Howard Thornton) stolz als erster Maat über die Weltmeere geschippert. Aber nachdem ihr Kapitän über Bord gegangen ist, wurde sie in einem winzigen Lagerraum der Staten Island Fähre eingesperrt. In völliger Isolation mutierte die liebenswürdige Maus zu einem rachsüchtigen Monster – und das ist nun frei, um auf einer nächtlichen, besonders stürmischen Überfahrt von Long Island nach Manhattan ihr blutiges Unwesen zu treiben…

Wie groß ist eigentlich Micky Maus?

In „Screamboat“ gibt sich Regisseur und Autor Steven LaMorte nicht damit zufrieden, seinem Killer einfach nur eine Micky-Maus-Maske aufzusetzen. Stattdessen wird das haarige Monster von Art-der-Clown-Darsteller David Howard Thornton höchstpersönlich verkörpert. In den Totalen sieht man, dass Micky in etwa die Größe eines Teddybären hat – und so muss Thornton für seine Nahaufnahmen natürlich ein ganzes Stück verkleinert werden. Das passiert hier nicht durch CGI-Tricks, sondern durch simple Green-Screen-Aufnahmen von Thornton im Maus-Kostüm, die anschließend – angesichts des Budgets sogar erstaunlich überzeugend – in die eigentlichen Filmbilder eingefügt werden. Nur die Größe variiert dabei von Einstellung zu Einstellung, weshalb sich bis zum Schluss kaum sagen lässt, wie groß genau die Figur nun wirklich ist. Zugleich verleiht diese Herangehensweise dem Film einen spielerisch-surrealen, passend cartoonhaften Effekt.

Wo David Howard Thornton als Art der Clown noch pantomimisch gelacht hat, pfeift er als Steamboat Willie den ikonischen Titelsong des Zeichentrick-Klassikers. Was sich hingegen nicht geändert hat, ist seine Vorliebe für Over-the-Top-Gore: In „Screamboat“ spießt er nicht nur zwei Köpfe mit den Zinken eines Gabelstaplers auf, er schlägt einem gerade noch sehr glücklichen Fähren-Kapitän mitten während eines Blowjobs seinen Penis ab – und damit ist das Spiel mit dem abgetrennten, aber gegen die Regeln der Biologie noch immer erigierten Glied noch lange nicht vorbei. Im Gegensatz zur „Terrifier“-Reihe schlägt der Gore hier zwar nie vom Augenzwinkernden ins Transgressive um, aber als Appetithappen während des langen Wartens auf „Terrifier 4“ liefert „Screamboat“ durchaus ab – auch dank der durchaus überzeugenden Make-up-Effekte.

Auch eine Geburtstagsparty-Gruppe mit an Disney-Prinzessinnen angelehnten Kleidern checkt auf der tödlichen Fähre ein… Tiberius Film
Auch eine Geburtstagsparty-Gruppe mit an Disney-Prinzessinnen angelehnten Kleidern checkt auf der tödlichen Fähre ein…

Dass „Screamboat“ hochwertiger anmutet als die meisten vergleichbaren Produktionen, liegt auch daran, dass er nicht in einem einzelnen Haus oder einer Lagerhalle, sondern tatsächlich auf einer ausgemusterten Staten Island Fähre gedreht wurde. Möglich wurde dies, weil Pete Davidson („Bodies Bodies Bodies“) die Fähre im Januar 2022 gemeinsam mit seinem „Saturday Night Live“-Kollegen Colin Jost (übrigens der Ehemann von Scarlett Johansson) sowie dem Comedy-Club-Besitzer Paul Italia für einen Betrag von 280.100 Dollar ersteigert hat. Nach eigenen Angaben war der Comedy-Superstar zu diesem Zeitpunkt „sehr bekifft“. Der Plan bei der spontanen Ersteigerung war damals jedenfalls, das Schiff in ein schwimmendes Unterhaltungszentrum mit Hotel, Restaurants, Bars, Kino und Veranstaltungsräumen umzubauen. Aber das ging bisher nur schleppend voran, weshalb „Screamboat“ die Fähre nun als Drehort nutzen konnte.

Das Problem ist nur, dass das Budget auf der anderen Seite nicht gereicht hat, das große Schiff auch mit einer entsprechend großen Gruppe an Statist*innen zu bevölkern. Es ist zwar mitten in der Nacht und es droht ein Unwetter, es ergibt also Sinn, dass die Fähre nicht komplett gefüllt ist. Aber in „Screamboat“ ist sie derart leer, dass die Sets und damit am Ende auch der ganze Film seltsam leblos wirken. Wo es an Statist*innen fehlt, ist der menschliche Cast hingegen unnötig aufgeblasen: Keine der Figuren ist auch nur im Ansatz interessant, sie sind offensichtlich allesamt nur dazu da, dass Micky sie auf möglichst kreative Art und Weise auseinandernehmen kann – und trotzdem bläst Steven LaMorte seinen Film mit diesem ausufernden Figuren-Arsenal immer weiter auf. Die Fahrt mit der realen Staten Island Fähre dauert im Schnitt 25 Minuten – wer zum Teufel ist da auf die Idee gekommen, dass 102 Minuten für „Screamboat“ eine passende Länge wären?

Fazit: „Screamboat“ macht vieles besser als die Konkurrenz im Genre des Public-Domain-Horrors. Nur ist er mit 102 Minuten leider viel zu lang geraten, weshalb dem Killer-Micky zwischendurch ständig die Puste ausgeht. Im Gegensatz zum superbilligen Slasher-Schrott „The Mouse Trap“ ist der sehr viel aufwändiger produzierte „Screamboat“ aber zumindest für Gore-Fans durchaus einen Blick wert.

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