Zu wenig, zu spät
Von Christoph PetersenMan kennt das vor allem aus romantischen Komödien: Das Publikum ahnt längst, dass die beiden Protagonist*innen perfekt zusammenpassen würden, nur sie selbst brauchen noch 90 Minuten, um das Naheliegende ebenfalls einzusehen. Erstaunlicherweise ergeht es einem zu Beginn von „Zikaden“ ganz ähnlich, selbst wenn Regisseurin Ina Weisse nach ihrem abgründig-druckvollen Geigenlehrerin-Psychogramm „Das Vorspiel“ diesmal ein eher sprödes Drama abliefert.
Die als Maklerin tätige Architektin Isabell (Nina Hoss) benötigt ganz dringend eine Pflegekraft für ihren Vater (gespielt vom Vater der Regisseurin), einen ehemaligen Architekten von gewissem Rang, der in seiner Berliner Wohnung seit einem Schlaganfall rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist. Anja (Saskia Roesendahl) wiederum ist eine arbeitssuchende alleinerziehende Mutter mit Anpack-Attitüde, die zudem noch aus jenem brandenburgischen Dorf stammt, in dem Isabells Vater einst das selbst designte Wochenendhaus der Familie hat bauen lassen. Zwei Fliegen mit einer Klappe und so.
DCM
Die Auflösung ist allerdings nicht so simpel wie in einer typischen RomCom. Das Wort Twist wäre wahrscheinlich zu hoch gegriffen, aber „Zikaden“ endet trotzdem auf einer überraschenden Note – und zwar in einem Moment, wo man unheimlich gern wissen würde, wie es jetzt wohl weitergeht. Eigentlich wurde so ein guter Zeitpunkt für den Abspann gefunden. Das Problem ist nur, dass sich diese Neugierde erst in der letzten Viertelstunde der 100-minütigen Laufzeit entwickelt. Dabei stochert Anjas kurzzeitig verloren gegangene Tochter direkt in der ersten Szene mit einem Stock in einem von Maden befallenen Kleintierkadaver herum – eine Auftakt-Metapher, nach der man sich sicher sein kann, dass hier irgendetwas unter der Oberfläche gärt.
Doch danach plätschern die Alltagsbeobachtungen über Isabelles Eheprobleme mit ihrem französischen Mann Philipp (Vincent Macaigne) und Anjas Schwierigkeiten mit ihrem übergriffigen Chef im Bowlingzentrum (Thorsten Merten) nur gemächlich dahin. Es gibt zwar eine Reihe stark beobachteter Momente, die von der wie immer tollen Kamerafrau Judith Kaufmann („Die Herrlichkeit des Lebens“) zudem in Bilder gefasst werden, die der brandenburgischen Provinz definitiv Kinoformat verleihen. Die nach der Ekel-Eröffnung immer latent mitschwingende Spannung, dass hier vielleicht irgendetwas nicht stimmt, entfaltet sich hingegen erst so richtig, wenn man vom Ende her noch einmal an die früheren Ereignisse zurückdenkt.
Ist „Zikaden“ womöglich (noch) subtiler geraten als geplant? So klar wie in der Beschreibung auf der Berlinale-Website geschrieben, ist das alles jedenfalls nicht: „Je mehr Anja und ihre Tochter Greta Teil von Isabells Leben werden, desto unsicherer wird sie in Bezug auf alles vermeintlich Bekannte, das sie sich so sorgfältig aufgebaut hat. Isabell spürt, wie sich der Boden unter ihr auftut, während sie zunehmend die Kontrolle verliert“, heißt es da. Stattdessen erinnert „Zikaden“ in seiner Wirkung eher an das Konzept, das Isabells Vater beim Designen des Wochenendhauses verfolgt hat: Er wollte nicht vorgeben, welche Funktionalität die einzelnen Räume haben, sondern nur einen Rahmen schaffen, den dann jeder selbst mit seinen Vorstellungen füllen kann.
Passend dazu geben auch die beiden Hauptdarstellerinnen zurückhaltende Performances: Gerade im Vergleich zu ihrem haltlos-getriebenen Vorwärtsdrängen in „Das Vorspiel“, für den sie beim Filmfestival in San Sebastián als Beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, drückt Nina Hoss („Tár“) diesmal doch spürbar auf die Bremse. Saskia Rosendahl, die 2021 (für „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“) und 2022 (für „Niemand ist bei den Kälbern“) zwei Jahre in Folge als Beste Schauspielerin für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, bringt vor allem das Rastlose gut rüber, wenn Anja irgendwie versucht, sich an ihre wenigen beruflichen Chancen zu klammern, dann aber doch wieder den nächsten Nackenschlag verpasst bekommt. Dass in ihr womöglich noch mehr schlummert, deutet sie lange Zeit nur so subtil an, dass ihre Figur erst spät wirklich neugierig macht.
Fazit: Trotz starker Bilder und zweier wahnsinnig guter Schauspielerinnen kommt „Zikaden“ erst auf der verkürzten Zielgeraden richtig in Fahrt – wenn’s gerade interessant wird, rollt der Abspann.
Wir haben „Zikaden“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo der Film in der Sektion Panorama gezeigt wurde.