Der verrückteste "Dracula"-Film aller Zeiten
Von Michael MeynsKaum ein zeitgenössischer Regisseur arbeitet in solch eigenen Gefilden wie der Rumäne Radu Jude. Mit dem Coming-of-Age-Film „The Happiest Girl In The World“ oder historischen Stoffen wie „Aferim!“ hatte er seine Karriere begonnen – klassisches narratives Kino, stilistisch bemerkenswert, inhaltlich aber noch vergleichsweise konventionell. Dann jedoch streifte Jude das Korsett des für seinen Naturalismus bekannten Neuen Rumänischen Kinos ab und ging neue, experimentelle, fast anarchistische Wege.
Doch selbst wer seinen Berlinale Gewinnerfilm „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ zu schätzen wusste, könnte angesichts von Judes neuem Film an Grenzen stoßen. Der heißt zwar scheinbar einfach und unkompliziert „Dracula“, hat mit der berühmten und zigfach verfilmen Vampirgeschichte jedoch alles und nichts zu tun. In einem überbordenden, oft faszinierenden, ebenso oft ermüdenden Exzess spielt Jude auf postmoderne Weise mit Motiven des kanonischen Blutsauger-Romans von Bram Stoker, gemixt mit popkulturellen Referenzen, Vulgärhumor und betont schlechten KI-Bildern. Fans von Judes Werk werden angetan sein – wer hier aber auch nur im Entferntesten einen „Dracula“-Film im Stil von Robert Eggers' „Nosferatu – Der Untote“ oder der ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Version von Luc Besson erwartet, wird mehr als irritiert sein...
Saga Film / RT Features
Ein namenloser Regisseur (Adonis Tanta) sitzt allein in seiner Kammer und spricht mit einer auf einem Tablet installierten KI. Er hat den Auftrag, einen kommerziellen „Dracula“-Film zu drehen – und damit einen Stoff, den internationale Regisseure seit rund hundert Jahren in immer wieder neuen Varianten verfilmen, endlich einmal aus rumänischer, aus transsylvanischer Perspektive zu erzählen. Dementsprechend füttert er die KI mit Prompts, die daraufhin allerlei Varianten des Stoffes ausspuckt, die mal mehr, mal scheinbar gar nichts mit der Geschichte vom unglücklich verliebten Untoten gemein haben.
Parallel findet in Cluj (der Hauptstadt der Region Transslylvanien) allabendlich eine Amateuraufführung von „Dracula“ statt, bei der ein sich nebenbei als OnlyFans-Content-Creators verdingendes Paar (Oana Maria Zaharia und Gabriel Spahiu) eine sexuell aufgeladene Version darbietet, bald aber von einem ob der enttäuschenden Performance aufgebrachten Mob durch die nächtlichen Straßen der Stadt gejagt wird...
Wenn sich das eher nach dem Mob aus „Frankenstein“ anhört, ist das nicht falsch – Radu Jude zitiert sich in den 170 Minuten seines völlig chaotischen, im besten Sinne freidrehenden Films quer durch Kino- und Kunstgeschichte, erwähnt hier mal Donald Trump, dort Martin Heidegger, scheut weder vor erstaunlich romantischen noch plakativen Momenten zurück. Und irgendwie führt tatsächlich praktisch alles in diesem Potpourri zur Legende von Dracula zurück.
Manchmal ganz konkret, wenn es um die Bedeutung des Untoten für die rumänische Tourismusindustrie geht – inklusive eines geplanten, aber nicht fertiggestellten Dracula-Parks (so auch der Arbeitstitel von Judes Film). Manchmal auch hintersinniger, wenn etwa von einem Sanatorium die Rede ist, in dem im noch von Diktator Nicolae Ceaușescu beherrschten Rumänien der 1970er Jahre wohlhabende und manchmal prominente Westler – unter ihnen tatsächlich Charlie Chaplin! – Verjüngungskuren machten. Und was ist der Dracula-Mythos anderes als der Wunsch nach ewiger Jugend…
Saga Film / RT Features
In über einem Dutzend Kapiteln tobt sich Radu Jude aus und experimentiert dabei nicht zuletzt mit den Möglichkeiten, Gefahren und Absurditäten von KI und Deepfakes. Einen „richtigen“ „Dracula“-Film zu drehen, wäre in der eher prekären rumänischen Filmindustrie kaum möglich, also nutzt Jude für alle aufwändigen Szenen künstliche Intelligenz – allerdings betont schlechte.
Selten wirkte Dracula lächerlicher als hier, womit Jude am Ende auch den Hang Hollywoods zu IP-Filmen, Fortsetzungen und Remakes hinterfragt. Je blutrünstiger die Bilder eigentlich sind, umso alberner wirken sie durch ihre betonte Künstlichkeit. Nicht jeder Einfall wirkt zwar überzeugend, manches scheint so abstrus, dass es vermutlich von Jude verfasste Fußnoten brauchen würde, um die Bezüge verständlich zu machen. Doch für Freunde seines experimentellen, sich völlig frei von erzählerischen Konventionen bewegenden Kinos funktioniert auch „Dracula“ als cleveres, ungezügeltes, verweisreiches Spiel.
Fazit: Nur Kennern und Fans des filmischen Kosmos Radu Judes kann man diesen Film empfehlen, der zwar einladend „Dracula“ heißt, aber sicherlich die absurdeste „Verfilmung“ des zeitlosen Stoffes darstellt. Statt eine weitere nur minimal andere Variante zu drehen, öffnet Radu Jude eine postmoderne Wundertüte voller Verweise und Bezüge, die manchmal nur in seinem Kopf funktionieren, oft aber auf clevere Weise den Dracula-Mythos umkreisen und dekonstruieren.