Everybody Digs Bill Evans
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Everybody Digs Bill Evans

Was passierte, als einer der berühmtesten Jazz-Musiker aller Zeiten für Monate verschwand?

Von Lutz Granert

Am 25. Juni 1961 wurde im New Yorker Jazzclub Village Vanguard ein Stück Musikgeschichte geschrieben. Am Nachmittag und am Abend trat hier das perfekt harmonierende Bill Evans Trio auf – und entfesselte mit seinem intuitiven, äußerst geschmeidigen Zusammenspiel eine regelrecht hypnotische Atmosphäre. Zwischen dem virtuos über die Tasten gleitenden Bill Evans am Piano, Scott La Faro am Kontrabass sowie Paul Motian am Schlagzeug stimmte einfach die musikalische Chemie – was man bis heute nachhören kann. Aus dem Gig gingen mit „Sunday At The Village Vanguard“ sowie „Waltz For Debby“ gleich zwei Live-Mitschnitte hervor, die bis heute zu den besten Jazz-Alben überhaupt zählen. Der legendäre Auftritt markiert zugleich Höhepunkt als auch Ende einer sich musikalisch blind verstehenden Jazz-Formation.

Am 7. Juli 1961 starb Scott LaFaro bei einem Autounfall – und stürzte damit zugleich den exzentrischen Bill Evans in eine Krise. Dieser verschwand für mehrere Monate von der Bildfläche, bis schließlich gar Gerüchte von seinem Tod die Runde machten. Durch ein Foto von Lee Friedlander aus dem Jahr 1962 wurde der britische Dokumentarfilmer Grant Gee („Innocence Of Memories“) auf diese interessante Leerstelle in Evans’ Biografie aufmerksam: Vor den beiden lachenden Mitgliedern seiner (neuen) Band blickte er so entrückt und verdutzt drein, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Damit war die Idee für den visuellen Stil seines teils virtuos montierten, aber gerade bei den ständigen Zeitsprüngen etwas unsouveränen Spielfilmdebüts „Everybody Digs Bill Evans“ geboren.

Das gestochene Schwarz-Weiß von „Everybody Digs Bill Evans“ wird sicherlich längst nicht nur Jazz-Superfans begeistern. Shane O’Connor 2026 Cowtown Pictures_Hot Property
Das gestochene Schwarz-Weiß von „Everybody Digs Bill Evans“ wird sicherlich längst nicht nur Jazz-Superfans begeistern.

1961: Nach dem Tod Freundes Scott La Faro vegetiert Bill Evans (großartig: Anders Danielsen Lie) lethargisch in seinem kleinen New Yorker Apartment vor sich hin. Sein besorgter Bruder Harry Jr. (Barry Ward) nimmt ihn vorübergehend in seiner Familie auf – bemerkt aber bald, dass Bill seinen Schmerz bei seinen heimlichen nächtlichen Ausflügen in die Stadt mit Kokain betäubt. Für einen Tapetenwechsel setzt er Bill kurzerhand in einen Flieger nach Florida, wo Bill für ein paar Monate bei seinen Eltern Harry (Bill Pullman) und Mary (Laurie Metcalf) unterkommt. Nach einem kalten Entzug erholt sich Bill zunehmend – bis irgendwann seine On-Off-Freundin Ellaine (Valene Kane) mit einem Vertrag der Plattenfirma vor der Tür steht …

Ein grandioser Einstieg

Grant Gee inszenierte zu Beginn seiner Regiekarriere mehrere Musikvideos unter anderem für Blur, Radiohead oder Nick Cave & The Bad Seeds. Gerade die ersten Minuten von „Everybody Digs Bill Evans“, wenn während des Vorspanns der Song „Jade Visions“ auf der Bühne gespielt wird, dürfen deshalb als Reminiszenz ans eigene Oeuvre verstanden werden: In fließenden, virtuosen Montagen der sorgsam komponierten Schwarz-Weiß-Bilder wandeln sich die Saiten des Kontrabasses zu Fahrbahnmarkierungen oder aufzeichnende Magnetköpfe eines Tonbandgeräts in drehende Reifen, bis die Zeitebenen vom legendären Konzert und dem tödlichen Autounfall zu einer unauflösbaren Einheit verschmelzen (ganz so wie das Bill Evans Trio bei seinen Auftritten).

Sind die Übergänge von Cutter Adam Biskupski („We Need To Talk About Kevin“) hier noch ungeheuer geschmeidig, fallen die immer wieder eingestreuten Zeitsprünge in die Zukunft mit dem Knistern eines Schallplattenspielers als holpriger Übergang umso abrupter aus. Hier springt der Film, wie aus bemühter Chronistenpflicht, über ein Jahrzehnt in die Zukunft und zeigt das Ableben von Harry Jr., Ellaine und Robert Evans selbst. Die Szenen muten jedoch nicht nur durch ihre intensive Farbigkeit und den kontrastarmen Retro-Look, sondern auch dramaturgisch wie Fremdkörper an.

Unnötige Zeitsprünge

Diese (morbiden) Einschübe hätte es in dem fokussierten Psycho-Drama rund um Trauer, (unausgesprochene) Familienkonflikte und Lebensziele eigentlich gar nicht gebraucht. Anders Danielsen Lie („Der schlimmste Mensch der Welt“) legt Bill Evans mit stets etwas heiserer Stimme ebenso zart wie introvertiert an, gewährt vor allem über kleine Gesten wie eine Träne beim Hören des neu veröffentlichten Live-Albums Einblicke in sein Innenleben. Das gilt besonders bei seinem Verhältnis zu Scott La Faro: Während sie musikalisch bestens zusammenpassten, scheinen ansonsten Probleme in ihrem Verhältnis abseits der Bühne durch. Als ungeahnt vielschichtig erweist sich der sichtlich in die Jahre gekommene Bill Pullman („Independence Day“) als Harry Senior: Unter der Fassade eines grell angelegten Grantlers, der etwa über Marotten anderer Golfspieler herzieht und damit für etwas auflockerndem Witz sorgt, rumort es spürbar.

Trotzdem dauert es, bis sich seine Geheimnisse und Lebenslügen bei einem musikalischen Vater-Sohn-Gespräch Bahn brechen. Tatsächlich gelingt es Grant Gee, seiner Titelfigur in Szenen gespannter Ruhe und stark konturierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen zumindest ein Stück weit näherzukommen. So wie es auch der 2013 erschienene, multiperspektivische Roman „Intermission“ des walisischen Autors Owen Martell vermochte, der als Vorlage für „Everybody Digs Bill Evans“ diente. Dabei lehnen sich weder Buch noch Film zu weit aus dem Fenster: Gänzlich entzaubert oder sogar erklärt wird der Ausnahmemusiker in dem (weitgehend) ruhig und unaufgeregt erzählten Drama zum Glück nicht.

Fazit: Gerade weil die bis heute nie wirklich aufgeklärte, mehrmonatige Leerstelle in der Biografie des titelgebenden Ausnahme-Jazzpianisten nicht allzu konkret aufgefüllt wird, gelingt dem erfahrenen Musik-Dokumentarfilmer Grant Gee ein stark besetztes Spielfilmdebüt, das nur bei seinen Sprüngen an die Lebensenden seiner Protagonist*innen den Bogen unnötig überspannt.

Wir haben „Everybody Digs Bill Evans“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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