Der beste "Insidious"-Film seit vielen Jahren!
Von Michael BendixWas ich an Horror-Reihen schätze, ist die Kombination aus Verlässlichkeit und Variabilität: Innerhalb klar definierter Regelsysteme können die einzelnen Einträge zum Spielfeld für neue Ästhetiken, Erzählstrategien und thematische Zugriffe werden, weshalb die Qualitätskurve selten linear verläuft – selbst der zehnte Teil eines etablierten Franchise kann einem Stoff noch neue Impulse abgewinnen oder das Bestehende zumindest reizvoll variieren. „Insidious 6: Out Of The Further“ ist dafür in seinen besten Momenten ein gutes Beispiel.
Mit „Insidious“ (2010) und „Conjuring – Die Heimsuchung“ (2013) trat Regisseur James Wan eine Welle von übernatürlichen, im Ansatz altmodischen Spukfilmen los, die das Horrorkino in der ersten Hälfte des Jahrzehnts entscheidend prägen sollte. Anderthalb Dekaden und zahlreiche Trends später ist die „Insidious“-Reihe bei ihrer sechsten Ausgabe angelangt und längst von jeglichem Relevanzdruck befreit: ein Horror-Franchise von vielen, das seine zunehmend verspulte Lore notgedrungen auf verschiedenen Zeitebenen ausbreitete, mit schwankendem Erfolg mal die Form eines Serienkiller-Thrillers (Teil 4) oder die eines Collegefilms (Teil 5) streifte. Das Gesicht der Reihe ist mit dem Medium Elise Rainier (Lin Shaye) ausgerechnet eine mittlerweile über 80-jährige Frau, die bereits im Auftaktfilm verstorben ist und deren unverhoffte Popularität die Verantwortlichen deshalb zu allerlei chronologischen Verrenkungen zwang.
Sony Pictures
„Insidious 6: Out Of The Further“ spielt nun einige Jahre nach „The Red Door“ und setzt noch einmal neu an, nachdem die Geschichte der Familie Lambert um Josh und Renai (Patrick Wilson und Rose Byrne) vorerst auserzählt schien: Als neue Protagonistin wird Gemma (Amelia Eve) eingeführt, die mit ihrer Tochter Maya (Island Austin) das Haus ihrer Kindheit bezieht, obwohl sie mit dem Ort ein traumatisches Ereignis verbindet, das sie bis heute mit sich herumschleppt. Somit ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis die verdrängten Erinnerungen wieder an die Oberfläche drängen.
Mehr noch: Als sie plötzlich von verstörenden Albträumen heimgesucht wird, entwickelt sie Verhaltensweisen, in denen sie auf beunruhigende Weise ihre Mutter wiedererkennt. Zunächst glaubt Gemma, dass sie im Begriff sei, ihre seelischen Erschütterungen an Maya weiterzuvererben – doch bald stellt sie fest, dass dämonische Kräfte hinter den Veränderungen stecken. Die Dentalhygienikerin hat einen Draht zum sogenannten Ewigreich (im Original: „the Further“), einer von Geistern bevölkerten Zwischenwelt. Und Gemma entdeckt sogar eine besondere Fähigkeit: Sie kann Gegenstände und auch Bewohner*innen mit in die Welt der Lebenden befördern und gerät so ins Visier von Cyrus (Sam Spruell), einer besonders mächtigen dämonischen Entität, die das Ewigreich nur zu gern verlassen würde. Unterstützung bei ihrem Kampf erhält sie von Elise, die seit ihrem Tod selbst auf der anderen Seite wandelt.
Regisseur Jacob Chase („Come Play“), der gemeinsam mit David Leslie Johnson-McGoldrick („Orphan – Das Waisenkind“) auch das Drehbuch verfasst hat, modifiziert die Gesetzmäßigkeiten der „Insidious“-Mythologie und erweitert so sukzessive den Möglichkeitsraum der Reihe. Dem Ewigreich werden dabei mehrere Funktionen zugeschrieben: Es ist eine Art Negativ der Wirklichkeit, ein Schaufenster in die Vergangenheit und ein diffuser Schwellenort, in dem die Grenzen von Raum, Zeit und Bewusstsein durchlässig werden – nicht zuletzt weiß Chase aber auch darum, dass er hier schlichtweg über ein äußerst ergiebiges Gruselkabinett verfügt, das sich nach Belieben mit Monstrositäten und Groteskerien aller Art befüllen lässt.
Seine größten Stärken spielt „Insidious 6“ aber aus, bevor die Tür zum Ewigreich überschritten wird: Schon die Eröffnungssequenz, die in Gemmas Kindheit spielt, verdient sich jeden ihrer zahlreichen Jumpscares, indem sie deren Wirkung durch desorientierende Kamerabewegungen und den suggestiven Einsatz von Stille geduldig vorbereitet. Dieses Muster setzt sich fort: Wenn Gemma erstmals mit dem Ewigreich in Kontakt gerät, nimmt sich der Film auffallend viel Zeit, um ihre Anspannung zu steigern. Gefühlt minutenlang lässt er seine Protagonistin nach der Taschenlampe fischen, über die sie gerade gestolpert und die daraufhin unters Bett gerollt ist, wobei er die Begrenzungen des Lichtkegels äußerst effektiv für die Verunsicherung des Blicks nutzbar macht.
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Eine tatsächlich brillant orchestrierte Spannungsszene, die sogar an die paradoxe Raumlogik der „Backrooms“ rührt, folgt nur kurze Zeit später: Gemma kriecht in eine von Maya gebaute Höhle aus Kissen, die sich um sie herum schließt und zu einem scheinbar endlosen Tunnel verengt. Und noch etwas ist neu im „Insidious“-Universum: die Freude am Abstoßenden – speziell in einer Szene, in der einer der drei seltsamen alten Menschen, die ständig um Gemmas Haus herumschleichen, in ihrer Praxis auf dem Behandlungsstuhl erscheint. Überraschend lustvoll kostet der Film den Ekel dentalen Verfalls aus und versetzt die Kamera dafür sogar kurzerhand in die faulende Mundhöhle des Patienten. Ein Moment körperlicher Drastik, wie man ihn in einem „Insidious“-Film eher nicht vermutet hätte.
Aber natürlich muss auch „Insidious 6“ gewissen Anforderungen gerecht werden, und so ist die zweite Hälfte deutlich weniger gelungen. Die Versuche, „Out Of The Further“ in ein Franchise-Kontinuum einzugemeinden und Wiedererkennbares zu reaktivieren, gehören auch hier zu den weniger produktiven Impulsen. Vor allem im konfusen, kaum enden wollenden Finale gibt Chase zudem vollends der Tendenz zum gleichförmigen Lärmen nach. Doch selbst darin versteckt sich eine gute Nachricht: Obwohl der Film zunächst die Nähe zum in den letzten Jahren überstrapazierten Subgenre des Trauma-Horrors sucht, benutzt er die psychischen Versehrungen seiner Figuren nicht als Beglaubigung für den eigenen Bedeutungsanspruch – und ist an handfestem Horror im Zweifel mehr interessiert als daran, seine Monster auf ihre Funktion als Chiffren zu reduzieren.
Fazit: „Insidious 6: Out Of The Further“ ist vor allem dort gelungen, wo er die vertrauten Pfade verlässt und Raum für inszenatorische Einfälle schafft. In der zweiten Hälfte holt ihn die eigene Franchise-Mechanik zwar wieder ein, bis dahin trotzt Jacob Chase dem Ewigreich aber noch einige erstaunlich unheimliche Bilder ab.