After This Death
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
After This Death

Eine halbgare Hommage an David Lynch

Von Christoph Petersen

Es gab selten bis nie einen Todesfall, der in der cinephilen Social-Media-Blase so sehr betrauert wurde wie der von David Lynch. Aber auch darüber hinaus nahm das Ableben des „Twin Peaks“-Masterminds eine besondere Stellung ein: So gab es etwa in so ziemlich jeder größeren Stadt spontane Kino-Retrospektiven, wo dann Meisterwerke wie „Eraserhead“, „Blue Velvet“ oder „Mulholland Drive“ vor erstaunlich gut gefüllten Sälen gespielt wurden. Fast auf den Tag genau fünf Wochen nach der Todesnachricht feierte mit „After This Death“ ein Film auf der Berlinale Weltpremiere, der ziemlich offensichtlich in die (über-)großen Fußstapfen von David Lynch treten will – und uns so noch einmal schmerzhaft vor Augen führt, dass den monolithischen Leinwand-Visionär so schnell wohl niemand wird ersetzen können.

Ja, David Lynch war für seine verschachtelt-mysteriösen Geschichten so berühmt-berüchtigt, dass der Begriff „Lynchian“ inzwischen fast schon so geläufig ist wie „Hitchcockesk“ oder „Shakespearesk“. Aber man sollte nicht den Fehler machen zu glauben, dass Lynchs unvergleichlicher Stil nur darin bestand, ein paar mit Symbolen vollgestopfte, surrealistisch aufgeladene Handlungsfäden durcheinanderzuwirbeln. Stattdessen beschwor er mit seinen labyrinthischen Erzählungen eine unentrinnbare, traumhafte Sogwirkung sowie eine tief verstörende, aber zugleich hypnotische Atmosphäre herauf. Aber genau das gelingt dem argentinischen Regisseur Lucio Castro („End Of The Century“) in „After This Death“ zu selten.

Auf dem Papier ist die Story durchaus vielversprechend

Isabel (Mia Maestro) ist mit dem wohlhabenden, ständig dienstreisenden Geschäftsmann Ted (Rupert Friend) verheiratet. Als sie auf einer Wanderung dem mysteriösen, aber freundlichen und wahnsinnig attraktiven Elliott (Lee Pace) begegnet, hinterlässt er ihr am Ende des Pfads seine Nummer auf einem Zettel. Er ist genau so versteckt, dass nur sie ihn auf jeden Fall finden kann. Aber obwohl die ziemlich selbstbewusste und forsche Synchronsprecherin Fremdflirtereien nicht unbedingt abgeneigt ist, ruft sie zunächst nicht an. Stattdessen trifft sie Elliott nur durch Zufall wieder, als sie ihre beste Freundin, die Musikjournalistin Alice (Gwendoline Christie), zum Konzert eines eher esoterisch anmutenden Rockband begleitet.

Elliott ist der Frontsänger der Gruppe, die zwar sehr treue Fans hat, aber trotzdem nicht erfolgreich genug ist, um sich Roadies zum Schleppen der Ausrüstung leisten zu können. Die hochschwangere Isabel beginnt mit ihm eine leidenschaftliche Affäre, die jedoch eine unerwartete Wendung nimmt, als Elliott – kurz vor der Fertigstellung seines elften Albums – spurlos verschwindet. Die Fans sind sich sicher, dass die Lösung für seinen Verbleib irgendwo in seinen Songtexten verborgen sein muss. Außerdem glauben sie, dass auch Isabel einen möglichen Hinweis zum Entschlüsseln des Rätsels besitzen könnte, weshalb sie plötzlich erste kryptische und zunehmend verstörende und bedrohliche Nachrichten erhält…

Isabel (Mia Maestro) trifft bei einem Konzert auf den Sänger Elliott (Lee Pace), dessen Fans jedes Wort seiner Songs auf versteckte Botschaften abklopfen. Likeliness Increases, LLC
Isabel (Mia Maestro) trifft bei einem Konzert auf den Sänger Elliott (Lee Pace), dessen Fans jedes Wort seiner Songs auf versteckte Botschaften abklopfen.

Es geht eigentlich richtig vielversprechend los. Beim Flirt auf dem Parkplatz nach dem Konzert steigt Lee Pace („Guardians Of The Galaxy“) als Esoterik-Barde mit Crazy-Nicolas-Cage-Gedächtnis-Frisur direkt damit ein, dass er ein „great pussy eater“ sei. Aber auch Isabel ist nicht auf die Nase gefallen. Ohne mit der Wimper zu zucken, dreht sie sich zu Elliott um, zieht sich das Höschen unter dem Rock herunter und spreizt wortlos ihre Beine. Sind wir nach „Babygirl“ tatsächlich wieder in einer Zeit, in der – auch mal Grenzen austestender – Sex im Kino erlaubt ist? Doch den leidenschaftlichen Drive des gleichermaßen erotischen wie gefährlichen Auftakts kann Lucio Castro nicht lange aufrechterhalten. Dafür sind die potenziell unheilverkündenden Bilder einfach nicht stark genug, bleiben die eingestreuten mysteriösen Symbole viel zu beliebig.

Wo David Robert Mitchell seine Popkultur-Schnitzeljagd durch die sonnige Oberwelt und den an einen Höllenschlund gemahnenden Unterbau von Los Angeles in „Under The Silver Lake“ eher zu ausführlich und detailreich zelebriert, ist es bei „After This Death“ genau andersherum: Die auf Albumcovern und in Songtexten versteckten Hinweise bleiben ebenso vage wie die Andeutung auf ein immer nur live gespieltes und nie aufgezeichnetes spezielles Lied der Band. Das lädt nicht zum Miträtseln ein, sondern verliert bereits zur Hälfte der Spielzeit an Reiz. Für „Mulholland Drive“ gibt es auch 24 Jahre nach Kinostart noch immer aktive Reddit-Threads, wo verschiedene Interpretationsmöglichkeiten diskutiert werden. Wir bezweifeln, dass jemals ein vergleichbarer Thread zu „After This Death“ eröffnet wird.

Fazit: Eine lynchesk verschachtelte Mystery-Erzählung mit einem Schuss esoterische Popkultur-Schnitzeljagd à la „Under The Silver Lake“, die ihrem wohl größten Vorbild „Mulholland Drive“ aber trotz der tollen Besetzung um Mia Maestro und Lee „Pussy Eater“ Pace nicht ansatzweise das Wasser reichen kann.

Wir haben „After This Death“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Berlinale Special gezeigt wurde.

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