Kleine Gesten in der großen Stadt
Von Michael MeynsKleine Gesten können Großes bewirken – so könnte man das Fazit benennen, die sich am Ende von Fernando Eimbckes „Flies“ auf unterschwellige Weise herauskristallisiert hat. Mit lakonischem Humor schildert der mexikanische Regisseur in seinem fünften Spielfilm, wie ein kleiner Junge einer unnahbaren Frau dabei hilft, sich ein wenig aus ihrer selbstgewählten Isolation zu lösen. Herausgekommen ist ein Film der leisen Töne und beiläufigen Beobachtungen, der betont langsam und elliptisch erzählt ist und mit schönen, streng komponierten Schwarz-Weiß-Bildern überzeugt.
In Mexiko-Stadt lebt die etwa 50-jährige Olga (Teresita Sánchez) in einem anonymen Apartment-Komplex direkt gegenüber einem Krankenhaus. Kontakt zur Außenwelt vermeidet sie, wann immer es ihr möglich ist. Die meisten ihrer Tage verbringt sie allein und löst Sudoku-Aufgaben auf einem Computer, der aus dem letzten Jahrtausend zu stammen scheint. Viel Geld hat sie nicht, weshalb sie trotz ihrer Berührungsängste auf ein Inserat antwortet, um ein kleines, offenbar seit Längerem unbenutztes Zimmer in ihrer Wohnung zu vermieten.
Teorema
Schnell meldet sich ein Mann (Hugo Ramírez), dessen Frau im Krankenhaus liegt. Auch er hat finanzielle Probleme und verheimlicht Olga daher, dass er einen neunjährigen Sohn namens Cristian (Bastian Escobar) hat, den er nachts ins Zimmer schmuggelt. Lange geht die Geheimniskrämerei nicht gut: Cristian wird entdeckt, darf aber dann doch bleiben – und wird für Olga zum Katalysator, ihre selbstgewählte Isolation infrage zu stellen.
Noch bevor man das erste Bild von „Flies“ sieht, hört man das monotone, unweigerlich an den Nerven zehrende Summen einer Fliege. Diese sitzt auf Olga, die mit einem Handtuch und bald auch einem Spray versucht, sich von dem lästigen Insekt zu befreien. Eimbcke spielt diese Szene so ausführlich aus, dass man sie unweigerlich als Allegorie auffasst. Nur wofür? Soll Cristian, der ebenfalls ein unerwünschter Besucher in der Wohnung Olgas ist, eine Art Fliege sein? Dafür nervt er zu wenig, dafür ist er für die Geschichte zu wichtig.
Ein schiefes Bild also, das unfreiwilligerweise ganz gut zu einem Film passt, der lieber andeutet als konkret zu werden, sich dabei aber manchmal in seinen Metaphern verläuft. Als Vorbilder nennt Fernando Eimbcke die beiden Klassiker „Gloria, die Gangsterbraut“ von John Cassavetes und „Alice in den Städten“ von Wim Wenders – zwei Filme, in denen ein Erwachsener plötzlich für ein Kind verantwortlich ist, das durch seine Unschuld die Welt des Erwachsenen verändert.
Auch Eimbcke hat nun einen Schauspielprofi neben einen Laien gestellt: In seinem Fall die in Mexiko sehr bekannte Teresita Sánchez und den tatsächlich erst neunjährigen Bastian Escobar. Der Junge scheint mit seiner Präsenz den gesamten Drehplan über den Haufen geworfen zu haben, wie Eimbcke berichtet. Geschriebene Dialoge aufzusagen fiel ihm schwer, seine Neugier war dagegen groß – zumal Escobar selbst aus dem ländlichen Bundesstaat Oaxaca stammt und er somit, genau wie seine Figur, die Metropole erst entdecken musste.
Die größte Qualität von „Flies“ liegt in den kleinen Begegnungen zwischen Menschen. Eimbcke inszeniert beiläufige Situationen zwischen einem Kind, das noch nicht von der Härte der Metropole geprägt ist, und den Menschen, die sich schon länger im Großstadtdschungel durchschlagen – seien es Ladenbesitzer, Krankenhausbesucher oder Angestellte in der Wäscherei. Immer wieder geht es um Geld bzw. den Mangel daran: Alles muss bar bezahlt werden, jeder Peso wird umgedreht – eine harsche Realität.
Doch Cristian schafft es immer wieder, eine entwaffnende Nähe herzustellen: Bei einem Spielzeugverkäufer tauscht er Bonbons gegen Aufkleber ein, mit denen er fortan seine Welt markiert – aber auch die Gehhilfe eines alten Mannes, der sich wiederum mit einem kleinen Ball revanchiert. Olga kann dem Charme Cristians nicht lange widerstehen. Nachdem der Vater für einige Tage verschwindet, ist es unweigerlich an ihr, dem Jungen beim Besuch der Mutter im Krankenhaus zu helfen. Wenn es endlich so weit ist, gelingen Eimbcke berührende, prägnante Momente, die auch die eigenbrötlerische Olga unweigerlich erweichen.
Fazit: Mit „Flies“ hat Fernando Eimbcke einen stilistisch markanten Film gedreht, der spät in Fahrt kommt und dann vom Talent seines neunjährigen Hauptdarstellers profitiert.
Wir haben „Flies“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.