Im Schatten des Vulkans
Von Michael BendixDrei Jahre lang hat der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi am Rande des Vesuvs zugebracht, dem einzigen noch immer aktiven Vulkan auf dem europäischen Festland. „Auf der Suche nach den Spuren der Geschichte“, wie der sowohl mit dem Goldenen Bären der Berlinale („Seefeuer“) als auch dem Goldenen Löwen von Venedig („Das andere Rom“) ausgezeichnete Regisseur in einem Statement schreibt. Seine meist statische Kamera scheint allerdings weniger eine Suchende zu sein als eine geduldige Beobachterin, die sich nicht einmischt, die eher eine Minute zu viel als zu wenig auf Landschaften und Subjekten verharrt. Spuren der Geschichte finden sich in „Below The Clouds“ trotzdem zuhauf.
Im Jahr 79 nach Christus hat ein Ausbruch des Vesuvs die römische Stadt Pompeji zerstört. Rund 2.000 Menschen wurden unter Asche und Bimsstein begraben, manche von ihnen sind in Form von Gipsabdrücken in ihren letzten Momenten erhalten. Schon seit 1748 arbeiten Archäolog*innen und Historiker*innen daran, die Ruinen der antiken Stadt – und damit eingefrorene Zeit – freizulegen. Fast zwei Jahrtausende nach der Katastrophe strömen noch immer unablässig Dämpfe und Gase aus den kleinen Öffnungen am Kraterrand des Vesuvs – und erinnern daran, dass der zuletzt 1944 ausgebrochene Vulkan zwar ruht, aber immer noch am Leben ist.
Eine noch größere Bedrohung für die Einwohner*innen von Neapel stellen allerdings die sogenannten Phlegräischen Felder dar, ein Supervulkan, dessen unterirdische Aktivität sich immer wieder in Erdbeben und Bodenhebungen bemerkbar macht. In den in einer Notrufzentrale angesiedelten Szenen hören wir zahlreiche besorgte Menschen, die von kleineren und größeren Erschütterungen aus dem Schlaf gerissen werden. Und doch ist Gefahr eine relative Größe: Einer der syrischen Seeleute auf einem Getreideschiff äußert am Handy seine Erleichterung, zumindest kurzzeitig in einer „sicheren Stadt“ zu sein, nachdem er gerade erst das vom Ukraine-Krieg gezeichnete Odessa verlassen hat.
Besagte Notrufzentrale ist einer der zentralen Orte von „Below The Clouds“, der neben den Interaktionen zwischen Nachhilfelehrer Titti und seinen Schüler*innen die lebendigsten Momente birgt. Hier bekommen wir nicht nur Einblicke in eine Gemeinschaft im Zustand der ständigen Alarmbereitschaft und ihren ganz unterschiedlichen Umgang damit, sondern werden auch emotional hin und her geworfen – gerade lacht man noch über einen von den Disponent*innen „Mr. What's The Time“ getauften Anrufer, der sich regelmäßig nach der Uhrzeit erkundet, im nächsten Moment bangen wir um eine Frau, die von ihrem betrunkenen Ehemann geschlagen wird.
Météore Films
Das so entworfene Stadtpanorama schließt Rosi kurz mit den andauernden Ausgrabungen. Assoziativ verknüpft die Kamera durch Vertiefungen einer Straße rinnenden Regen mit Aufnahmen fließender Lava, das Abkratzen von Getreideresten an der Schiffswand mit der minutiösen Freilegung uralter Fundstücke. Ein verfallenes Kino zeigt Szenen aus Roberto Rossellinis „Stromboli“, älteren Dokumentationen und dem Monumentalfilm-Klassiker „Die letzten Tage von Pompeji“. Gegenwart wird Geschichte, Geschichte zu Kunst. Die Beschäftigung mit beidem beinhaltet immer auch eine Konfrontation mit der Vergänglichkeit.
So ist den extrem kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihre Vergangenheitswerdung immer schon eingeschrieben, und auch die konservierten Körper von Pompeji, jäh aus ihrem Alltag gerissen, erinnern an die Flüchtigkeit der Zeit, die Rosi mit seinen langen, wiederkehrenden Tableaus zu überwinden versucht. Ein filmischer Fluss ergibt sich daraus nicht immer, und auch so manche Redundanz kann das Seherlebnis erschweren. Die observierende statt kommentierende dokumentarische Form, die „Below The Clouds“ repräsentiert, kennt zwingendere Vertreter. Und doch findet Rosi immer wieder Motive, die hängen bleiben – ganz besonders in der atemberaubenden Schlusssequenz, für die sich der Blick schon lohnt.
Fazit: Nach seinen großen Festival-Gewinnern „Das andere Rom“ und „Seefeuer“ widmet sich Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi der ständig mit der Gefahr eines Vulkanausbruchs konfrontierten Region um Neapel – und geht dabei erneut eher beobachtend und assoziativ vor. Immer dann, wenn es doch mal langweilig zu werden droht, überrascht „Below The Clouds“ aber mit einem nachhallenden Bild.
Wir haben „Below The Clouds“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.