Bubbles ...wir waren doch Freunde
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Bubbles ...wir waren doch Freunde

Mehr "Get Out" wagen

Von Sidney Schering

Die titelgebenden Blasen in „Bubbles ...wir waren doch Freunde“ haben eine Doppelbedeutung. Zum einen sind damit jene den (politischen) Diskurs dominierenden Filterblasen gemeint, in denen schon mal die gesamte ostdeutsche Dorfbevölkerung zum rechtsradikalen Fackelmob stilisiert und alle Großstadtmenschen als vegane Yoga-Hippies in polygamen Beziehungen abgestempelt werden. Zugleich sind es aber auch ganz einfach jene Blubberblasen, die sich in der Gischt der schäumenden See des Wattenmeeres bilden, dessen braune Plörre auf matschigem Grund in „Bubbles“ immer wieder für unheilvolle Schnittbilder verwendet wird.

Leider wird das von verlorener Empathie, politischer Entfremdung und unüberbrückbaren Konflikten handelnde Langfilm-Regiedebüt von Sebastian Husak der bedeutungsvollen Mehrdeutigkeit seines Titels nicht gerecht. Stattdessen verrät es seine wichtigste Figur, während es sich an seinen Themen verhebt und auf eine bemüht-konstruierte Spannungs-Triebfeder setzt.

Das Wiedersehen der Kindheitsfreunde Fiete (Leonard Scheicher) und Luca (Johannes Nussbaum) wird eher kein gutes Ende nehmen… Schmidbauer-Film GmbH & Co. KG
Das Wiedersehen der Kindheitsfreunde Fiete (Leonard Scheicher) und Luca (Johannes Nussbaum) wird eher kein gutes Ende nehmen…

Bislang leben Fiete (Leonard Scheicher) und seine Freundin Amiri (Zeynep Bozbay) in verschiedenen Wohnungen in Berlin. Aber jetzt ist in Amiris WG ein Platz frei geworden und Fiete hofft heimlich, dass sie ihn bittet, zu ihr zu ziehen. Sie hingegen überlegt vielmehr, aus der monogamen eine offene Beziehung zu machen. Bevor die wegweisenden Entscheidungen gefällt werden müssen, steht aber zunächst noch ein Abstecher in Fietes alte Heimat am Wattenmeer an.

Hier will er im alten Häuschen seiner Familie klar Schiff machen, wo sich auch Fietes einst bester Freund Luca (Johannes Nussbaum) eingenistet hat. Das bedeutet ein ebenso unerwartetes wie unangenehmes Wiedersehen: Während Luca wie früher raufen und saufen will und gerade Amiri gegenüber extrem schroff auftritt, kommt Fiete aus der Fremdscham nicht heraus. Als Luca zudem eine uralte Schuld anspricht, die Fiete verdrängen wollte, ist klar: Dieses Aufeinandertreffen wird böse eskalieren...

Wenn sich Figuren so verhalten, wie es das Drehbuch braucht

Auch wenn es sich dabei um eine Horror-Satire handelt, hätten Sebastian Husak und sein Schreibpartner Leonard Hettich bei der Entwicklung von „Bubbles“ eine wertvolle Lektion aus Jordan Peeles „Get Out“ ziehen können: Wenn der von Daniel Kaluuya gespielte Protagonist dort die Eltern seiner Freundin besucht, klingeln bei ihm zwar ununterbrochen die Alarmglocken und er sieht sich von Beginn an auf rassistisches Unheil zusteuern. Aber wenn er zugleich durch sozialen Druck, Manipulation und Aggressivität immer wieder daran gehindert wird, seinem Fluchtimpuls nachzugeben, macht das den narrativ ansonsten komplett freidrehenden „Get Out“ emotional komplett glaubhaft.

Die Story von „Bubbles“ ist zwar sehr viel bodenständiger, aber trotzdem unterläuft Husak und Hettich früh ein fataler Fehler: Vom Wiedersehen mit Luca sichtlich aufgerüttelt und von dessen feindseligen Äußerungen aufgeschreckt, schlägt Fiete seiner Freundin schon wenige Stunden nach Ankunft eine schnellstmögliche Rückfahrt vor. Amiri reagiert verdattert und fragt Fiete ratlos, weshalb er seinen Plan über den Haufen werfen will – und regt stattdessen an, bei Luca zu bleiben (offenbar allein deshalb, weil es sonst keinen Film gäbe). In diesem Moment zerplatzt die illusorische Seifenblase und „Bubbles“ platscht auf den kalten Boden der Unglaubwürdigkeit.

Das Problem ist nur, dass niemand versteht, warum Fiete (Leonard Schleicher) und Amiri (Zeynep Bozbay) nicht einfach wieder nach Hause fahren… Schmidbauer-Film GmbH & Co. KG
Das Problem ist nur, dass niemand versteht, warum Fiete (Leonard Schleicher) und Amiri (Zeynep Bozbay) nicht einfach wieder nach Hause fahren…

Auf die Gefahr hin, dass es einem Filterblasenphänomen angelastet wird: Dem Verfasser dieser Kritik fällt keine Frau aus seinem Umfeld ein, die trotz Alternative mit dem im siffig-geiferndem Tonfall sprechenden Luca, der begeistert von ungeschütztem Geschlechtsverkehr ohne Konsens singt und Klimakativist*innen „im Spaß“ den Tod wünscht, unter einem Dach schlafen würde. Zumal Luca auch noch jene Art Jacke trägt, wie sie auf dem Dorf und am Stadtrand seit Jahrzehnten nicht nur, aber primär von Typen bevorzugt wird, die im herablassenden Tonfall „Aber wo kommst du WIRKLICH her?“ fragen.

Dass Migrantentochter Amiri zunächst aktiv gegen Fietes Abfahrtplan eintritt, ist schlichtweg unglaubwürdig – und ein deutliches Symptom für die magere Beobachtungsschärfe des „Bubbles“-Skripts. Dass Amiris Blick auf das Geschehen sowieso meist in den Hintergrund rückt, gereicht „Bubbles“ weiter zum Nachteil: In einem Drama über verhärtete Fronten und hochkochenden rechten Hass sollte keinesfalls die Zielscheibe rassistischer „Leute wie du!“-Sprüche zum fünften Rad am Wagen verkommen – wobei lobend festzuhalten ist, dass „Damaged Goods“-Mimin Zeynep Bozbay trotz allem bemerkenswert engagiert aufspielt.

Zumindest die Flunkyball-Szene rockt!

Fiete und Luca sind in ihrem Umgang miteinander dezent glaubhafter geschrieben: Auf dem Papier ist es durchaus plausibel, dass sich die Jugendfreunde unter Alkoholeinfluss trotz Meinungsverschiedenheiten wiederholt in ihre verkumpelten Teenie-Ichs zurückversetzen. Bedauerlicherweise wird wenig aus dem erzählerischen Konfliktpotential geschöpft, da die Filterblasen-Kabbeleien alsbald von einem konstruierten, überdeutlich telegrafierten Geheimnis um einen folgenschweren Autounfall überschattet werden. Noch dazu spielen die Hauptdarsteller selbst in den harmonischen Zwischenphasen zu antagonistisch, als dass „Bubbles“ Fietes Dilemma befriedigend verhandeln könnte: Ständig ächzend, schmatzend, rülpsend und Flaschen zerdeppernd, ist Luca selbst dann, wenn er keinen Stunk sucht, zu abstoßend, als dass man es dem als Duckmäuser erzählten Fiete abkaufen würde, wenn er doch wieder Lucas Nähe sucht.

Husak versucht das mit grobem Karikatur-Handwerk auszugleichen, wenn er beispielsweise in einer Sequenz den in kümmerlich-gekrümmter Sitzhaltung pinkelnden Fiete dem ungeduldig ins Waschbecken strullernden Luca gegenüberstellt. Dass in Husak sehr wohl das Talent schlummert, packend zu erzählen, beweist eine schummrig ausgeleuchtete Runde Flunkyball, bei der die Figuren all ihren angestauten Frustrationen im Zuge des temporeichen Trinkspiels Luft machen und so den Konflikt doch nur immer weiter hochschaukeln. Diese stressig inszenierte, selbstbewusst-ausgedehnte Sequenz bleibt aber leider ein einsames Highlight.

Fazit: Tragische Jugendgeheimnisse, politischer Zündstoff und trunkene „Lasst uns einfach Kumpels sein!“-Verzweiflung ergeben in „Bubbles ...wir waren doch Freunde“ aufgrund reißbrettartiger Figuren und schwammiger Beobachtungen eine wenig überzeugende Mischung – trotz einer bisweilen starken Inszenierung, die uns wünschen lässt, dass Sebastian Husak nach diesem Debüt am (Flunky-)Ball bleibt.

Wir haben„Bubbles ...wir waren doch Freunde“ auf dem Filmfest Aachen gesehen, wo er im Wettbewerb lief.

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