Zweigstelle
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Zweigstelle

Die bayerisch-jenseitige Antwort auf Wes Anderson

Von Ulf Lepelmeier

Tod und Bürokratie sind zwei Themen, über die man sich eher ungern austauscht und die man erst recht nicht mit Spaß assoziiert. Doch in der Sektion „Neues Deutsches Kino“ des Filmfests München setzen sich in diesem Jahr gleich zwei Regiedebüts auf sehr unterschiedliche Weise mit genau diesen unbequemen Themenkomplexen auseinander. Während das Drama „Sechswochenamt“ von Jacqueline Jansen die Trauer um die verstorbene Mutter in eine stille, zermürbende Auseinandersetzung mit Verlust und den bürokratischen Hürden nach dem Tod übersetzt, schlägt Regisseur Julius Grimm mit seinem Debüt „Zweigstelle“ einen ganz anderen Ton an und verwandelt die düstere Themenkombi kurzerhand in eine bayerische Afterlife-Komödie.

Hier landen vier Freunde nach einem tödlichen Autounfall nicht etwa im weißen Licht, sondern in der Zweigstelle Süddeutschland III/2 – und dürfen sich dort erst mal eine Wartenummer ziehen. Mit langen, kargen Gängen, genervten Sachbearbeiter*innen sowie jeder Menge AGBs bastelt Grimm eine schräge Komödie über verpasste Chancen, Glaubensfragen und die Allmacht der Bürokratie. Nicht jede Pointe sitzt, der Mittelteil verliert an Drive, und das an sich tragische Schicksal der gerade verstorbenen Protagonistin will im überdrehten Setting der Behördensatire emotional nicht recht zünden. Doch das spielfreudige Ensemble sorgt dafür, dass die eigenwillige Grundidee funktioniert – und der letzte Behördengang so überraschend amüsant gerät, dass am Ende sogar der Publikumspreis des Festivals dafür rausgesprungen ist.

Die Bestatter (Rick Kavanian, Florian Brückner) erweisen sich in „Zweigstelle“ als besonders gewitzt und geschäftstüchtig. Weltkino
Die Bestatter (Rick Kavanian, Florian Brückner) erweisen sich in „Zweigstelle“ als besonders gewitzt und geschäftstüchtig.

Eigentlich wollte Resi (Sarah Mahita) sich von Michi (Julian Gutmann) trennen und hatte das sogar schon mit ihrer besten Freundin Sophie (Hong Nhung) durchgespielt. Doch dann erzählt Michi ihr von seiner Krebsdiagnose und sie bleibt an seiner Seite. Drei Jahre später ist er tot. Resi entwendet aus der Urne seine Asche, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen und diese auf einem Berg zu verstreuen.

Gemeinsam mit ihrer Clique macht sie sich auf den Weg in die Alpen. Doch die vier Freunde verunglücken tödlich mit ihrem Auto. Als sie wieder zu sich kommen, finden sie sich in einer Jenseits-Behörde wieder. Dort müssen sie sich mit Wartenummer dem bürokratischen Wahnsinn nach dem Tod stellen. Unglücklicherweise hat keiner von ihnen jemals an etwas geglaubt – und wer im Leben nichts geglaubt hat, für den ist nur noch ein Platz im Nichts vorgesehen…

Nur 8 Minuten pro Fall

„Zweigstelle“ erzählt von vier jungen Menschen, die gerade erst gestorben sind und sich kurz darauf in einer Art jenseitigem Amt wiederfinden. In Feinripp-Unterhemden und verständlicherweise sehr irritiert, bekommen sie von der Empfangsdame sogleich vorgehalten, dass sie sich noch in der wohlverdienten Mittagspause befinde, bevor sie ihre Wartetickets ziehen dürfen: Willkommen in der Behörde nach dem Tod! Was als skurrile Idee beginnt, entpuppt sich als erstaunlich stimmiges Szenario. Die beiden Sachbearbeiterinnen Rita und Silvia, herrlich überzogen gespielt von Luise Kinseher („Karli & Marie“) und Johanna Bittenbinder („Hindafing“), haben im Schnitt acht Minuten pro Fall, um herauszufinden, woran die jeweilige Person geglaubt hat.

Denn wer an nichts geglaubt hat, dem bleibt nur die Tür ins Nichts. Mit trockenem Humor und einem feinen Gespür für absurde Situationen inszeniert Regisseur Julius Grimm die Zweigstelle Süddeutschland III/2 als Bürokratie-Vorhölle, inklusive Aktenchaos und überforderter Sachbearbeiter*innen. Dass dieses Konzept aufgeht, liegt insbesondere auch an dem konsequent umgesetzten Look: symmetrische Einstellungen, blasse Farben sowie absurde Gänge und Kammern erzeugen eine sonderbare Atmosphäre zwischen Amtsstube und Zwischenwelt, quasi die bayerisch-jenseitige Antwort auf Wes Anderson.

Der symmetrische Look von „Zweigstelle“ erinnert an die Filme von Meisterregisseur Wes Anderson. Weltkino
Der symmetrische Look von „Zweigstelle“ erinnert an die Filme von Meisterregisseur Wes Anderson.

Die Darsteller*innen der vier gerade verstorbenen Freunde, die alle versuchen, um sich doch noch aus dem für sie drohenden Nichts herauszumanövrieren, überzeugen mit Frische und Spielfreude. Sarah Mahita („Alter weißer Mann“) verleiht ihrer Resi eine Mischung aus Trotz, Trauer und Widerstand. Rainer Bock („Karla“) entwickelt sich als freundlicher Hausmeister vom Randphänomen zur Schlüsselfigur. Für absurde Spitzen sorgen ein bockiges Kleinkind auf dem Stuhl des Behördenleiters, ein frustrierter Notarzt und zwei gewitzt-geschäftstüchtige Bestatter (Rick Kavanian, Florian Brückner), während die Band „Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys“ immer wieder im Hintergrund lässig Musik anspielt und damit das bayerische Flair der Afterlife-Amtskomödie unterstreicht.

Die mit trockener Komik gestaltete Jenseits-Behörde besticht durch einen ganz eigenen, eigensinnigen Charme. Während der Film in seinen satirischen Szenen gut funktioniert, verliert er gegen Ende etwas an Kontur, insbesondere dann, wenn Protagonistin Resi mit ihrem Tod und dem Gefühl hadert, ihr Leben nicht selbst gelebt zu haben. Dieser emotional-ernste Unterton fügt sich nicht ganz schlüssig in den überdrehten, humorvollen Rahmen.

Fazit: „Zweigstelle“ ist eine amüsante Jenseitskomödie mit absurd-bürokratischem Setting. Nicht alle Späße sitzen, und die ernsten Untertöne wollen sich nicht ganz flüssig in das Geschehen einfügen, doch die originelle Grundidee eines bayerischen Afterlife-Amtes, das Verstorbene verschiedenen Jenseitsvarianten zuordnet, trägt definitiv.

Wir haben „Zweigstelle“ auf dem Filmfest München 2025 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.

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