Echte TEAM-Arbeit!
Von Christoph PetersenDer Sololauf von Lothar Matthäus im Spiel gegen Jugoslawien, der Spuck-Skandal um den angerotzten Rudi Völler sowie schließlich der Elfmeter von Andreas Brehme im Finale gegen Argentinien, der uns nach 1954 und 1974 zum dritten Mal zum Weltmeister machte: Das sind die aus deutscher Sicht ikonischsten Momente der WM 1990, die sich seitdem tief ins kollektive Gedächtnis einer damals im Taumel der Wiedervereinigung berauschten Nation eingebrannt haben. Die größte Stärke der Kino-Doku „Ein Sommer in Italien - WM 1990“ ist es allerdings, dass sich das Regie-Duo Nadja Kölling und Vanessa Goll nicht auf diesen altbekannten Highlights ausruht, sondern einen ganz eigenen Zugang findet – und zwar, indem die damaligen Geschehnisse ausschließlich aus der Perspektive des Teams nachvollzogen werden.
Keine sonstigen Expert*innen, kein übergeordneter Kontext – nur die Erinnerungen der damaligen Spieler sowie noch nie veröffentlichte Aufnahmen, die Torwart Bodo Illgner mit seiner privaten Videokamera im WM-Hotel am Comer See angefertigt hat. Das Ergebnis ist kein aggressives Euphorie-Dauerfeuer wie „Deutschland. Ein Sommermärchen“ oder „Die Mannschaft“, bietet dafür aber tatsächlich frische Einblicke in ein Team, wie es in Zeiten von (anti-)sozialen Medien und allgegenwärtigen (Handy-)Kameras vermutlich gar nicht mehr zusammenwachsen kann. Im 1990er-Kader steckt ganz offensichtlich jene „Mannschaft“, nach der Oliver Bierhoff in seinem gleichnamigen PR-Super-GAU zweieinhalb Jahrzehnte später vergeblich gesucht hat.
Tobis Film
Das Fazit der FILMSTARTS-Kritik zu „Die Mannschaft“, dem offiziellen DFB-Film zum WM-Sieg 2014 in Brasilien, lautet: „Bietet wenig neue Einblicke in das Innenleben einer Mannschaft von Profisportlern, aber dafür leben die Euphorie und die Gänsehaut-Momente des Turniers noch einmal auf.“ Bei „Ein Sommer in Italien - WM 1990“ ist nun genau das Gegenteil der Fall – und deshalb ist auch der bessere Film dabei herausgekommen: Natürlich werden die ganz zentralen Momente nicht ausgespart, aber Kölling und Goll verzichten sogar auf das Zeigen einiger nicht ganz so wichtiger deutscher Tore, um stattdessen so tief in das Innenleben einer Mannschaft vorzudringen, wie man es in Sport-Dokus bislang nur selten erlebt hat.
Lothar Matthäus, der sich damals als Kapitän auch um die gute Laune der Spieler Nr. 13, 15 und 18 gekümmert hat, was zentral für die Verhinderung des berüchtigten Lagerkollers war, veranstaltet bis heute ein jährliches Treffen der Weltmeister – und der 1991 zum ersten Weltfußballer der Geschichte gewählte Mittelfeld-Superstar war es auch, der jetzt die Kino-Doku maßgeblich mit angeschoben hat: Der kollektive Stolz und die positive Energie beim Erinnern an die sechs gemeinsamen Wochen bei der WM sind unübersehbar – und springen deshalb auch auf das Publikum über, selbst wenn die Doku eben gerade nicht wie vergleichbare Produktionen schamlos auf das Euphorie-Gas steigt. „Ein Sommer in Italien - WM 1990“ erinnert tonal so mehr an den andächtig-melancholischen Platzspaziergang von Franz Beckenbauer nach dem Finalsieg – als einfach nur an einen eh immer ähnlichen Reißschwenk über die jubelnden Massen.
Tobis Film
Einmal leihen sich die Spieler spontan – ganz sicher nicht verkehrstüchtige – Motorroller von campenden Fans aus, um damit in die nächste Stadt zu brausen. Der Trainerstab bekommt von der Sache Wind, aber statt Suspendierungen auszusprechen, stehen am nächsten Tag straßentaugliche Roller samt Helmen zur freien Nutzung bereit. Nun bin ich sicher nicht für plumpe Früher-war-alles-besser-Nostalgie zu haben – aber selbst, wenn es vielleicht nicht zwingend für bessere Leistungen auf dem Platz sorgt, ist es für den Film auf jeden Fall gut, wenn sich die Spieler wie Erwachsene in einem sonnigen Ferienlager und nicht wie Roboter in einem durchoptimierten Unternehmen verhalten (man mag es kaum glauben, aber einige rauchen sogar).
Selbst ein Andreas Möller, der als kommender Superstar zum Turnier kam, sich dann aber mit der Ersatzbank anfreunden musste, verzichtete in dieser gemeinschaftlichen Atmosphäre darauf, einfach wutentbrannt abzureisen – und auch die Tränen, wenn man sich an den 2024 verstorbenen Andreas Brehme erinnert, wirken jederzeit authentisch. Hoffentlich kommt irgendwann ein fünfter Weltmeistertitel für das deutsche Nationalteam, aber eine solche MANNSCHAFT wie 1990 werden wir dafür wohl kaum zusammenbekommen – da kann der DFB als PR-Slogan draufpappen, was immer er will.
Fazit: Empathische Einblicke statt endloser Euphorie – und mittendrin eine Mannschaft, wie es sie wohl heutzutage leider kaum noch geben kann.