Um Welten besser als der erste Teil!
Von Markus TschiedertHape Kerkeling („Kein Pardon“) hat schon so manche unvergessene Kunstfigur kreiert: den rothaarigen Hannilein, die schlagersingende Uschi Blum oder den geschwätzigen Siegfried Schwäbli. Aber keine davon erreichte einen solchen Kultstatus wie Horst Schlämmer, jener chronisch kränkelnde und grantelnde stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts, der 2009 sogar seinen eigenen Kinofilm bekam: „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ wurde zwar von der Kritik zerrissen, beim Publikum aber kam die Politsatire drei Monate vor der 17. Bundestagswahl trotzdem gut an. Mehr als 1,3 Millionen Besucher*innen strömten damals in die Lichtspielhäuser. Das allein wäre natürlich Grund genug, sofort mit einer Fortsetzung weiterzumachen. Aber seitdem sind eben 17 Jahre vergangen –in der Popkultur eine verdammt lange Zeit, was zu der Frage führt, warum der rasende Reporter (erst) so spät wieder von der Leine gelassen wird.
Hape Kerkeling hat sein Kino-Comeback nach 16-jähriger Leinwand-Pause gerade erst gehabt. Anfang des Jahres bekam er seine „Extrawurst“, womit er auf Anhieb einen Superhit landete. Nun also gleich sein zweiter Filmstreich, und nach seinem Hors-d'œuvre im „Extrawurst“-Ensemble will er den Hunger seiner in „Horst Schlämmer sucht das Glück“ Fans diesmal wieder im Alleingang anregen. Dabei zeigt sich Kerkeling zugleich aber auch bescheiden: Sein ungepflegter Trenchcoat-Trottel will diesmal nämlich nicht Bundeskanzler werden, sondern sucht „nur“ das filmtitelgebende Glück wie einst das Cartoon-Männchen Herr Rossi. Das ist nicht nur bodenständiger, sondern birgt dank des komödien- und kinderfilmerprobten Regisseurs Sven Unterwaldt („Die Schule der magischen Tiere 3“) auch deutlich mehr Routine und Tempo als noch beim ersten Schlämmer-Schlamassel.
Leonine
Ausschlaggebend für die Handlung ist die COVID-19-Pandemie, die auch Horst Schlämmer (Hape Kerkeling) in ein tiefes Loch stößt. Als die Maskenpflicht aufgehoben wird, will auch er wieder ins blühende Leben durchstarten, muss aber schnell feststellen, dass nicht nur er immer noch leidet: Überall herrscht nur noch miese Laune! Die Deutschen sind unzufrieden, nichts funktioniert mehr, alles wird teurer. Als stellvertretender Chefredakteur will Schlämmer deshalb durchs ganze Land auf Reportage gehen – live mitgefilmt von seiner Kamerafrau Anna (Laura Thomas, die wir aber nie zu Gesicht bekommen).
Sein erster Trip führt ihn nach München, wo er sich von Markus Söder politische Floskeln abholt. Danach folgt Berlin, wo er in die düsteren Gefilde eines Clans gerät. Verbrechen zahlen sich eben nicht aus. Aber auch Geld macht nicht glücklich, wie Schlämmer schließlich auf Sylt feststellen muss, als er sich unter die Reichen und Schönen begibt. Bleibt also nur noch die Religion – und wer sollte ihm da besser Auskunft geben können als Kardinal Woelki in Köln …
Das Konzept des ersten Films findet also auch in „Horst Schlämmer sucht das Glück“ wieder Anwendung. Doch statt im Wahlkampf auf Stimmenfang zu gehen, ist es diesmal die Stimmung selbst, der Kerkeling bundesweit auf den Zahn fühlen will. Wohl auch, um uns einen Spiegel vorzuhalten, was seit Corona in unserem Land alles so schiefläuft. Eine abschließende Antwort kann er nicht geben, denn „Horst Schlämmer sucht das Glück“ will in letzter Konsequenz keine gesellschaftsrelevante Politsatire, sondern doch nur ein Potpourri aus schrulligen Szenen und sonderbarer Situationskomik sein.
Im typischen Mockumentary-Stil wackelt die Kamera, wenn Schlämmer auf berühmte Persönlichkeiten wie den CSU-Chef Markus Söder oder (scheinbar) ganz normale Leute auf der Straße trifft. Gern wird vorgetäuscht, das sei jetzt authentisch und spontan. Da aber auch Meltem Kaptan („Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“) als Zugschaffnerin, Jochen Busse („Das Amt“) als Theaterschauspieler, Norbert Heisterkamp („7 Zwerge – Männer allein im Wald“) als Kneipenwirt und viele andere bekannte Schauspieler*innen in konzipierten Rollen mitwirken, ist anzunehmen, dass hier nicht allzu viel tatsächlich dem Zufall überlassen wurde.
Leonine
Darauf kann man sich einlassen, aber damit sich die Rundfahrt durch die Republik nicht totläuft, träumt sich Horst Schlämmer zwischendurch immer wieder in Fantasien, die alle um seine Lieblingsschauspielerin Gaby Wampel (Tahnee Schaffarczyk) kreisen. Das bietet im Gegensatz zum „Schlämmer“-Film von 2009 tatsächlich die nötige Abwechslung. Denn Kerkeling kann hier verstärkt seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, für die ihn auch seine Fans lieben: Er verkleidet sich! Farbenfrohe Frauen-Fummel stehen dem Komiker dabei genauso gut wie die klobigen Klamotten derber Pfundskerle.
Damit zieht Kerkeling beim Vorbeigehen die deutsche Fernseh-Kultur durch den Kakao, denn seine Gaby ist doch nur der Star peinlicher Heimatfilme und billiger Telenovelas. Ein Seitenhieb, den aber wohl nur noch die ältere Zuschauerschaft kapiert, die mit Fernsehen großgeworden ist. Der Höhepunkt in „Horst Schlämmer sucht das Glück“ wird schließlich erreicht, wenn der falsche Horst auf den echten Hape trifft. Hape Kerkeling gibt in einem Kaufhaus eine Signierstunde für sein neues Buch „Glücklichkeit kennt keine Grenzen“ – und auch Horst Schlämmer stellt sich brav an.
Abgesehen davon, dass der Star des Films hier in Personalunion viel Selbstironie beweist und mit heutiger Tricktechnik beim Film sowieso alles möglich ist, spürt man in diesem Moment erst, wie gut Kerkelings Kunstfigur im Rededuell mit sich selbst funktioniert. Man nimmt beide Herren wirklich als unterschiedliche Charaktere wahr, wie zwei gegensätzliche Pole, die sich unweigerlich abstoßen.
Und apropos abstoßend: Da sind wir abschließend wieder bei Horst Schlämmer! Der ist ebenfalls einfach nur abstoßend – nicht nur äußerlich, sondern vor allem mit seinen übergriffigen Bemerkungen und plumpen Macho-Sprüchen. „Das geht heute gar nicht mehr“, wird er gleich zu Beginn ermahnt. Die Welt ist inzwischen eine andere als noch bei seinem ersten Kinoabenteuer vor 17 Jahren. Horst Schlämmer, der erstmals 2005 in der RTL-Show „Hape trifft!“ in Erscheinung trat und einst gewiss der Entlarvung des deutschen Spießertums diente, ist vielleicht doch nur noch ein Relikt seiner Zeit. Schauen wir also, ob seine Kalauer im Kino noch ankommen.
Fazit: 17 Jahre nach „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ tritt der zweifelhafte Typ mit schlechten Zähnen und billiger Herrenhandgelenktasche wieder ins Rampenlicht. Mit einem stringenteren Handlungsverlauf sowie einem temporeicheren Auswurf von Gags funktioniert das viel besser als noch 2009. Dennoch darf man nicht zu viel erwarten. Nicht jede Zote zündet, schon gar beim jüngeren Publikum.