The Last House
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
The Last House

Der wahre Star von Netflix’ Mystery-Thriller ist das titelgebende Haus!

Von Lutz Granert

Zuletzt war „The Transporter“-Regisseur Louis Leterrier an zahlreichen Hollywood-Produktionen mit oft gigantischen Budgets beteiligt. Seine Material-Schlacht „Fast & Furious 10“ soll sogar geschätzte 340 Millionen Dollar verschlungen haben (was übrigens einer der Hauptgründe ist, warum Fans weiter auf den geplanten Franchise-Abschluss „Fast Forever“ warten müssen). Selbst die Produktionskosten der zehn Folgen der Netflix-Serie „Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands“ kratzten aufgrund handgemachter Puppen, gebauter Sets und des Verzichts auf CGI an der 100-Millionen-Dollar-Marke. Trotzdem ächzte der Franzose gegenüber The Hollywood Reporter, dass der nun direkt auf Netflix gestartete und dabei vergleichsweise bescheidene Sci-Fi-Thriller „The Last House“ wegen des betriebenen Aufwands sein bislang schwierigster Dreh gewesen sei.

Und tatsächlich setzt er auch diesmal wieder weitestgehend auf praktische Effekte: Nicht nur das sich im Laufe des Films immer stärker verändernde Gebäude wurde mit Einwegbeton und Holz im Studio errichtet, auch der Garten und die Nachbarschaft wurden nachgebaut. Und das, obwohl dafür im Vergleich zu seinen anderen Projekten nur ein Bruchteil des Budgets zur Verfügung stand. Das Ergebnis ist dennoch durchwachsen: Das Setdesign der titelgebenden Bruchbude macht tatsächlich viel her, während der Filmemacher in seinem rätselhaften Mystery-Szenario zugleich immer wieder an den intimen Momenten des Familienalltags scheitert – und gerade die machen ja immerhin fast die Hälfte der kompletten Laufzeit aus.

Von einem Moment auf den anderen ist die Familie Delgado in ihrem Haus eingeschlossen. Netflix
Von einem Moment auf den anderen ist die Familie Delgado in ihrem Haus eingeschlossen.

Familie Delgado will gerade zum Weihnachtsbaum-Einkauf aufbrechen, als sie bemerkt, dass sowohl die Türen als auch die Fenster ihres Hauses verriegelt sind. Seit einem einsetzenden Dauerregen scheint nicht nur bei ihnen, sondern auch in ihrer Nachbarschaft eine rätselhafte Barriere rund um ihre eigenen vier Wände zu bestehen, welche die Bewohner gefangen hält.

Mit zunehmender Dauer ihres Eingesperrtseins entwickeln Vater Jason (Wagner Moura), Mutter Ann (Greta Lee) und ihre Kinder Ruth (jung: Riley Chung, später: Emma Ho) und Graham (jung: Noah Alexander Sosnowski, später: Gabriel Barbosa) immer neue Überlebensstrategien, um den drohenden Hungertod zu vermeiden. Doch bald stellt sich heraus: Die wahre Gefahr lauert draußen im Regen ...

Bei der Hundeszene werden manche abschalten

Fische und Wasser sind die metaphorischen Hauptmotive im Drehbuch von Matthew Robinson („Love And Monsters“), der die ersten Ideen zu seinem Skript passenderweise während der Corona-Pandemie entwickelte. So zeigt der passionierte Angler Jason seinen Kindern zum Zeitvertreib, wie ein Fisch ausgenommen wird – nur gibt es ohne Internet keine YouTube-Videos und auch echte Tiere sind nicht vorhanden, weshalb er kurzerhand zerfetzte Plüschtiere als Anschauungsmaterial verwendet. Die erste Filmhälfte ist voll von solchen Gemeinschaftsaktivitäten, die erst einmal spannungsarm aneinandergereiht werden, bis schließlich die ersten vagen Hinweise gestreut werden, was dort vor den verriegelten Fenstern im Regen eigentlich wirklich abgeht.

Zur Familie zählt auch der herzkranke Hund Cassidy, dessen Medikamente alsbald zur Neige gehen. Der liebenswerte Vierbeiner quält sich bald nur noch winselnd, weshalb ihn Jason mit seiner Handfeuerwaffe von seinem Leid erlösen soll. Der Rest der Familie sitzt unterdessen vorm Fernseher und schaut das 1982er-Musical „Annie“ (eine von zwei DVDs im Haus), das zur Übertönung des Schusses auf volle Lautstärke gedreht wird. Eigentlich eine bewegende, dramatische Szene – die aber wie die meisten potenziell anrührenden Momente von Leterrier vollkommen empathielos und hastig herunterinszeniert wird. Unruhige Einstellungen mit einer Länge von nur wenigen Sekunden, unterlegt mit anschwellender Streichermusik – das ist einfach zu wenig, um uns auch emotional daran teilhaben zu lassen, dass den vier Protagonisten plötzlich die Tränen in den Augen schießen.

Regnet es einfach nur ohne Unterlass – oder versteckt sich in dem andauernden Unwetter womöglich sogar noch eine ganz andere Bedrohung? Netflix
Regnet es einfach nur ohne Unterlass – oder versteckt sich in dem andauernden Unwetter womöglich sogar noch eine ganz andere Bedrohung?

Selbst wenn eine Montage rund um das immer weiter perfektionierte „Schornsteinfischen“ mit improvisierten Fallen in Anbetracht des näher rückenden Hungertods für etwas Dramatik sorgt: Mitfühlen fällt schwer, wenn „Narcos“-Serienstar Wagner Moura als impulsiver Ingenieur und „Past Lives“-Entdeckung Greta Lee als unterkühlte Moralapostel-Mutter ebenso wenig liebenswürdige Eigenschaften an sich haben wie ihre pubertierenden Filmkinder. Das erinnert gerade emotional nur sehr, sehr entfernt an die Steven-Spielberg-Klassiker wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) oder „E.T. – Der Außerirdische“ (1982), an denen sich Leterrier nach eigener Aussage auch beim verwendeten technischen Setup orientierte.

Leterrier ist bisher vor allem als Genre-Regisseur mit Hang zum Spektakel in Erscheinung getreten – von der Martial-Arts-Brachialität in „Unleashed“ bis zum Illusions-Overkill in „Now You See Me“. Genau das merkt man „The Last House“ nach einem Zeitsprung in der spürbar effektlastigeren und weniger zähen zweiten Hälfte deutlich an. Die inzwischen regelrecht zum improvisierten Indoor-Gemüsebeet der Marke Eigenbau umgestaltete Bauruine der Familie Delgado zieht in Sachen Setdesign alle Register, das Szenario gerät auch durch die sich auftürmenden Wassermassen zunehmend beklemmend – und da kommt das actionfokussierte Finale erst noch. Spätestens hier ist Leterrier dann wieder ganz in seinem Element, quasi wie ein Fisch zurück im Wasser – während er mit menschlichen Emotionen weiter spürbar fremdelt.

Fazit: In der ersten Hälfte ein eher zähes Kammerspiel mit ein paar Survival-Tipps, wandelt sich „The Last House“ in der spürbar temporeicheren zweiten Hälfte zu handfester Sci-Fi-Action. Unter der Regie von Louis Leterrier hinterlässt das beeindruckend wandlungsfähige Haus-Set einen bleibenden Eindruck – während die vier Protagonisten weitgehend austauschbar bleiben.

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