Sex ist nur noch eine Nacht pro Jahr erlaubt!
Von Christoph PetersenZumindest Horrorfans sollte die Prämisse von „One Night Only“ bekannt vorkommen. Schließlich hat sich das „The Purge“-Franchise bereits in fünf Kinofilmen und zwei Serienstaffeln an der titelgebenden Gesetzgebung abgearbeitet, laut der in einer fiktiven Version der USA einmal im Jahr für zwölf Stunden alle in diesem Zeitraum begangenen Verbrechen straffrei bleiben. In dieser einen Nacht voller Mord und Totschlag soll sich all der angestaute Druck und Hass entladen, sodass zumindest an den übrigen 364 Tagen ein friedfertiges Zusammenleben möglich wird. Aber apropos Druck: In der neuen romantischen Komödie von „Peter Hase“-Regisseur Will Gluck ist es nun nicht länger Gewalt, sondern außerehelicher Beischlaf, der nur einmal im Jahr für zwölf Stunden erlaubt ist. Ansonsten sorgen zwangseingepflanzte Biosensoren dafür, dass schon beim Gedanken an Single-Sex sofort eine Spezialeinheit an die Tür klopft.
Dabei drückt man den Stars alle Daumen, dass sie in dieser New Yorker Nacht endlich miteinander in der Kiste landen. Schließlich sind Callum Turner und Monica Barbaro nicht nur unverschämt attraktiv, sie haben ab der ersten Begegnung auch eine nicht zu leugnende Chemie. Oder anders: Trotz Sushi-Kotze beim ersten Flirt springt der Funke über – auch aufs Publikum! Was dann folgt, ist allerdings sehr viel weniger politisch als im „Purge“-Vorbild. Denn selbst wenn ein Sex-Verbot in den USA inzwischen erschreckend plausibel erscheint, werden die Details des Szenarios nur grob umrissen – trotz der Piktogramme im Polizeipräsidium, welche Stellungen und Spielarten erlaubt sind und welche nicht. Ungeachtet seiner High-Concept-Prämisse fällt „One Night Only“ deshalb in das gängige Genre der Coitus-Interruptus-Comedy, bei der immer absurdere Gründe aufgefahren werden, warum die Hauptfiguren schon wieder nicht zum Höhepunkt kommen.
Universal Pictures
Seit drei Jahren gibt es nun schon das neue Gesetz, laut dem Sex nur noch in der Ehe erlaubt ist. Um eine Revolte der unbefriedigten Massen zu verhindern, gibt es jedoch eine Ausnahme: Einmal im Jahr darf – mit Kondompflicht! – für zwölf Stunden frei drauflos gevögelt werden. Der Pizzabäcker Owen (Callum Turner) lebt mit seiner Verlobten (Maya Hawke) sogar schon in einer gemeinsamen Wohnung – und geht deshalb davon aus, mit ihr auch diese besondere Nacht zu verbringen. Aber Pustekuchen! Im Sushi-Restaurant wird ihm wenige Minuten vor Ende des Sex-Countdowns eröffnet, dass sie stattdessen mit einem Nachbarn schlafen will, der verdächtig wie Glen Powell aus Will Glucks vorherigem Komödien-Superhit „Wo die Lüge hinfällt“ aussieht.
Owen muss sich also wohl oder übel neu orientieren – und tatsächlich trifft er nur wenige Minuten später zufällig auf die Werbejingle-Sängerin Allie (Monica Barbaro). Alles deutet darauf hin, dass das Schicksal die beiden füreinander bestimmt hat – und der Film wäre wohl auch nach 20 Minuten schon wieder vorbei gewesen, wenn Owen aus lauter Frust nicht nur sein eigenes, sondern auch noch das stehengelassene Sushi seiner Jetzt-wohl-nicht-mehr-Verlobten heruntergeschlungen hätte. Stattdessen folgt eine Nacht voller skurriler In-letzter-Sekunde-doch-kein-Sex-Zwischenfälle, in der sich Owen und Allie immer wieder zufällig über den Weg laufen oder sich auch mal ein erbittertes Duell um das offenbar letzte verbliebene Verhüterli in ganz Manhattan liefern …
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Mit Callum Turner („Emma.“) und Monica Barbaro („Like A Complete Unknown“) würden wir jede Nacht zusammen abhängen – und wenn sie gemeinsam einen Ecksupermarkt-Heist anleiern, nur um ein völlig überteuertes Kondom zu erbeuten, gerät das daraus resultierende Chaos auch durchaus lustig. Aber der eigentliche Hemmschuh von „One Night Only“ ist ein anderer – und dafür müssen wir ein wenig zurückschauen: 2011 kamen kurz nacheinander zwei sehr ähnliche Komödien in die Kinos, in denen die Protagonist*innen zwar nur befreundet sind, aber trotzdem Sex miteinander haben. Im Fazit der Kritik zu „Freundschaft Plus" mit Natalie Portman und Ashton Kutcher habe ich damals geschrieben: „Schade, dass die Komödie erst auf ‚modern‘ macht, nur um schlussendlich dann doch wieder die immer gleiche Hollywoodmoral zu bedienen. Wir sind gespannt, ob Will Glucks ‚Freunde mit gewissen Vorzügen‘ mit Justin Timberlake und Mila Kunis mehr Mut beweisen wird.“
Die Antwort sieben Monate später lautete: nicht so wirklich. Trotzdem hatten wir große Hoffnungen für „One Night Only“. Schließlich hat Will Gluck 13 Jahre nach dem doch eher verklemmten „Freunde mit gewissen Vorzügen“ mit der Hot-as-Fuck-Shakespeare-Adaption „Wo die Lüge hinfällt“ gerade erst den größten Erfolg seiner Karriere gelandet – allein in Deutschland reichte es für unglaubliche 1,6 Millionen verkaufte Kinotickets. Mit so einem Hit im Rücken würde man doch meinen, dass er es sich nun erst recht traut, einem Anti-Sex-Gesetz ordentlich was entgegenzusetzen. Aber noch mal Pustekuchen: „One Night Only“ ist nicht nur den ganzen Film hindurch auffällig zahm, am Ende fragt man sich sogar, ob die Macher*innen den Erlass nicht zumindest unterbewusst doch ganz gut finden. Aus europäischer Sicht wirkt das alles jedenfalls verklemmt-amerikanisch – und in Frankreich sollte man vermutlich besser direkt einen Alternativ-Cut in die Kinos bringen.
Fazit: Zumindest die Chemie zwischen Callum Turner und Monica Barbaro ist absolut grandios. Die von Vornherein zum Scheitern verurteilten Versuche, irgendwie mit irgendwem im Bett zu landen, sind zumindest leidlich amüsant. Aber für eine Sex(verbot)-Komödie kommt „One Night Only“ zugleich auch erstaunlich spießig daher.