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    Die süße Haut
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die süße Haut
    Von Gregor Torinus
    Mit seinen ersten drei Langfilmen „Sie küssten und sie schlugen ihn" (1959), „Schließen sie auf den Pianisten" (1960) und „Jules und Jim" (1962) wurde François Truffaut zum neben Jean-Luc Godard wichtigsten Regisseur der Nouvelle Vague. Diese „neue Welle" machte sich im Frankreich der ausklingenden fünfziger Jahre daran, dem als verstaubt empfundenen französischem „Qualitätskino" eine neue, frische Art des Filmemachens entgegen zu setzen. Im direkten Vergleich mit seinen ersten Filmen wirkt Truffaults Liebesdrama „Die süße Haut" allerdings selbst fast wie ein Vertreter des verpönten „Qualitätskino", was selbst Truffaut im Nachhinein eingestand. Doch auch wenn „Die süße Haut" alles andere als revolutionäre sein mag, verhelfen ihm Truffauts feine Ironie zu ganz eigenen Qualitäten.

    Der angesehene französische Literaturkritiker und Wissenschaftler Pierre Lachenay (Jean Desailly) hält in Lissabon einen Vortrag über Balzac. Auf seinem Hinflug fällt ihm die Stewardess Nicole (Françoise Dorléac) auf, der er im Fahrstuhl seines Hotels wieder begegnet. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht kehrt Pierre in Paris zu einer Frau Franca (Nelly Benedetti) und der kleinen Tochter Sabine (Sabine Haudepin) zurück. Doch er kann Nicole nicht vergessen. Die beiden beginnen eine heimliche Liebesaffäre, die immer mehr auf eine Katastrophe hin zusteuert.

    „Die süße Haut" ist Truffauts Verbeugung vor Alfred Hitchcock. Seine Bewunderung für den britischen Regisseur zeigte sich nicht zuletzt in dem aus Interviews Truffauts mit Hitchcock hervorgegangenem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?", bis heute ein essentielles Standardwerk über den Meister des Suspense. Und wie die Werke Hitchcocks besticht auch „Die süße Haut" durch seine technische Perfektion: Die von Raoul Coutard (dem Kameramann der frühen Nouvelle Vague) komponierten schwarzweiß Bilder bestechen durch ihre Brillanz und werden durch den fabelhaft fließenden Schnitt von Claudine Bouché perfekt miteinander verbunden. Das Ganze wird untermalt von einem atmosphärischen Score von Georges Delerue.

    Und auch die beiden Hauptdarsteller überzeugen: Jean Desailly spielt seine Figur als ebenso sensiblen, wie im Grunde biederen Mann aus der gehobenen Gesellschaft, der den Reizen einer jungen Schönheit erliegt. Im Prinzip hätte er solch eine Affäre gar nicht nötig, hat er doch eine ebenso intelligente, wie attraktive Frau. Doch die von Catherine Deneuves älterer Schwester Françoise Dorléac gespielte Nicole vermittelt einen jugendlichen Charme, der auf nachvollziehbare Weise die Aufmerksamkeit des Literaturwissenschaftlers erweckt.

    Die Glaubwürdigkeit der Geschichte ist dabei zugleich Stärke und Schwäche. Auf der einen Seite werden real wirkende Charaktere gezeigt, deren Emotionen nachvollziehbar sind. Auf der anderen Seite ist die Geschichte aber auch ähnlich bieder, wie der als Lebemann vollkommen ungeeignete Pierre Lachenay. So erscheinen seine Handlungen gleichzeitig nachvollziehbar, gerade deswegen aber auch wenig interessant. Mit seinen fast zwei Stunden wirkt „Die süße Haut" so zunehmend zäh, ein Manko, dass wohl auch Truffaut bemerkte: Das Finale des Films ähnelt einem Thriller, eine weitere Verbeugung vor Alfred Hitchcock, doch in diesem Fall eine wenig überzeugende.

    Fazit: Der ein wenig in Vergessenheit geratene frühe Truffaut-Film „Die süße Haut" gehört fraglos nicht zu den Hauptwerken des französischen Regisseurs. Doch während die eigentliche Geschichte nur wenig interessant ist, ist besonders die visuelle Ebene einfallsreich und gerade in ihrer gediegenen Inszenierung untypisch für die Entstehungszeit.
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