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    Der weiße Hai
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Der weiße Hai
    Von Björn Becher
    Es ist eigentlich im Nachhinein betrachtet ein Wunder, dass Steven Spielberg mit „Der weiße Hai“ („Jaws“) im Jahr 1975 einen der damals größten Hits aller Zeiten gelandet hat. Erst versuchte der Regisseur vergeblich von seinem Vertrag mit Universal wegzukommen. (Nach eigener Aussage spielte er sogar mit dem Gedanken, sich das Bein zu brechen.) Er wollte den Film schon kurz nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte auf keinen Fall mehr machen. Er wollte ein künstlerisches, persönliches Werk schaffen wie sein Weggefährte Martin Scorsese und hatte keine Lust auf den B-Film „Der weiße Hai“. Doch Universal ließ ihn nicht aus seinem Vertrag („Gott sei Dank“, sagt Spielberg heute dazu). Dann verkrachte er sich mit dem Studio bei der Wahl der Darsteller, denn das wollte unbedingt Charles Bronson (Das Dreckige Dutzend, Spiel mir das Lied vom Tod) als Kassenmagneten im Film haben. Spielberg setzte sich durch. Doch das war erst der Anfang der Probleme. Er fand das erste Skript von Peter Benchley miserabel und ließ es von mehreren Drehbuchautoren umschreiben (die alle nicht im Vorspann genannt werden) [1], doch keines der Ergebnisse war zu seiner Zufriedenheit. Schließlich fing er an ohne ein richtiges Drehbuch zu filmen, schrieb während der Dreharbeiten gemeinsam mit Carl Gottlieb (als Drehbuchautor genannt) abends nach dem letzten Cut die Szenen für den nächsten Tag. Auch die Dreharbeiten wurden unter diesen Voraussetzungen ein Desaster. Immer mehr Zeitverzögerungen und Probleme am Set ließen die Kosten explodieren. Irgendwann hatten sogar die Hauptdarsteller die Nase voll. Robert Shaw bezeichnete den Film schon während der Dreharbeiten als „erbärmliches Machwerk“, Richard Dreyfuss sagte dem Film voraus, „der schlechteste Film des Jahres zu werden“. Dazu widersetzte sich Spielberg energisch den Anweisungen des Studios in einem Wasserbecken zu drehen. Er bestand darauf auf dem Ozean zu drehen, was hohe Kosten bedeutete.

    Dazu kamen große Probleme mit dem Hai. Die Attrappe musste laufend repariert werden, was zu weiteren Verzögerungen der Dreharbeiten führte. Schon im Vorfeld gab es mit der Attrappe Probleme als Spielberg seinen Freunden Martin Scorsese, George Lucas und John Milius den Hai zeigte, diese neugierig daran herumspielten und dabei das teure Stück beschädigten. Dazu kamen die ersten Bilder, die Spielberg an das Studio schickte. Sie waren wohl fürchterlich. Der Hai sah schrecklich aus. Spielberg rechnete eigentlich jeden Tag damit, dass er gefeuert würde und es ist bis heute unerklärlich, warum Universal nicht die Notbremse gezogen hat. Zum Glück muss man sagen, denn die Geschichte ab dem Kinostart ist bekannt. „Der weiße Hai“ wurde ein Riesenerfolg, Spielberg der wohl bestbezahlte Regisseur aller Zeiten. [2]


    Dabei ist „Der weiße Hai“ eigentlich, wie Spielberg sagte, wirklich nur ein B-Film. Das fängt schon mit der eigentlich trivialen Story an: In den Gewässern vor dem kleinen Badeort Amity Island schwimmt ein großer Hai herum, doch der örtliche Bürgermeister (Murray Hamilton, Die Reifeprüfung) will davon - trotz eines Todesopfers - nichts wissen. Die Badesaison beginnt gerade, der Unabhängigkeitstag steht vor der Tür, zahlreiche Touristen werden erwartet. So verbietet der Bürgermeister dem örtlichen Polizeichef Martin Brody (Roy Scheider, French Connection), der erst seit wenigen Tagen im Amt ist, den Strand zu sperren. Erst als ein Kind getötet wird, reagiert auch er. Für einen Tag wird der Strand abgeriegelt, Suchtrupps sollen den Hai finden. Da die Mutter des Kindes ein Kopfgeld auf den Hai aussetzt, wimmelt es am nächsten Tag nur so von Leuten in der Stadt. Jeder will das Ungeheuer finden und töten, Unmengen von Menschen gehen auf Boote und machen sich auf die Jagd nach dem Hai. Die Hatz scheint schnell erfolgreich zu sein, ein Hai wird getötet, Aufatmen bei der Bevölkerung und beim Bürgermeister!

    Doch der Haiexperte Matt Hooper (Richard Dreyfuss, American Graffiti), extra zur Untersuchung der Falles angereist, bezweifelt, dass der richtige Hai ins Netz gegangen ist. Das gefangene Exemplar sei zu klein. Der Bürgermeister stellt sich taub, am nächsten Tag ist der 4. Juli und die Badegäste werden in die Stadt strömen. So gibt er offiziell Entwarnung und animiert persönlich die Leute dazu wieder ins Wasser zu gehen. Doch schnell zeigt sich, dass Hooper Recht hatte. Der Hai schlägt wieder zu und tötet beinahe Brodys ältesten Sohn. Nun beschließt Brody zu handeln. Der eigentlich wasserscheue aus New York City stammende Mann fährt mit Cooper und dem alten Seebären Quint (Robert Shaw, Der Clou) aufs Meer hinaus, um den Hai zu jagen. Ein tagelanger Kampf beginnt gegen eine Bestie, die größer, stärker und gefährlicher ist, als es sich die drei Männer vorstellen können.

    Wenn man „Der weiße Hai“ gesehen hat, weiß man, dass die Schwierigkeiten im Vorfeld zu einem Großteil zum Glücksfall wurden. Man kann dies an der Zweiteilung des Films sehr gut festmachen. In der ersten Hälfte, die im Küstenort spielt, ist der Hai so gut wie gar nicht, und wenn, dann nur ganz kurz und nur in winzigen Ausschnitten zu sehen. Eine Folge der Probleme, die es mit der billig aussehenden Attrappe und deren ständigen Reparaturen gab. Doch genau diese Probleme sorgten dafür, dass der Film seine stärksten Szenen hat. Die Bilder zu den Sequenzen, in denen der Hai angreift, meistens von unten im Wasser aus der Perspektive des Haies gefilmt, sind zu Recht legendär geworden. Dadurch, dass Spielberg in der ersten Hälfte darauf verzichtet den Hai zu zeigen, spielt sich der Horror im Kopf des Zuschauers ab und kann dort viel mehr Wirkung entfalten als es wohl beim Anblick des Monsters der Fall gewesen wäre. Dies wird durch den Score von John Williams noch merklich unterstützt.

    Mann gegen Tier

    Die zweite Hälfe des Films spielt auf dem offenen Meer, die drei Männer kämpfen gegen den Hai, der mit Dauer des Films immer öfter, immer länger und immer größer zu sehen ist. Diese zweite Hälfte ist zwar ebenfalls sehr gut gelungen und weist eine hohe Spannung auf, doch sie hat nicht die gleiche Horrorwirkung wie die Szenen der ersten Hälfte. Es ist mehr der unerbittliche Kampf Mann gegen Tier, der diesem Teil des Films seine Wirkung gibt. Dabei fällt es schwer zu sagen, die eine oder die andere Hälfte sei besser. Beide Teile sind für sich hervorragend. Während der Film in der ersten Hälfte noch ein Horror-Thriller ist, entwickelt er sich langsam fast hin zu einem Abenteuerfilm mit vielen Schockmomenten. Leider muss man aber zur zweiten Hälfte sagen, dass die Haiattrappe wirklich nicht in allen Einstellungen gelungen ausschaut.

    Es erweist sich ebenfalls als Glücksfall, dass Spielberg hartnäckig blieb und die Szenen alle auf dem Ozean drehte. Dies lässt den Film authentisch wirken und Spielberg konnte das Meer zu seiner Unterstützung nutzen. Wenn der Hai am Boot zieht und das Wasser darauf niederprasselt, dann erzeugt dies das richtige Mitfiebern mit den Charakteren.

    In den Charakteren liegen die großen Unterschiede zwischen „Der weiße Hai“ und den üblichen B-Filmen wie Roger Corman sie in Dutzendware in wenigen Tagen für die amerikanischen Autokinos drehte. Natürlich ist „Der weiße Hai“ von der Story her ein typisches B-Movie, nichts Besonderes, ohne jeglichen Anspruch, Massenware. Doch Spielbergs Film ist Dank der Ausgestaltung der Charaktere deutlich vielschichtiger. Dass die Hauptfigur Brody eigentlich ein wasserscheuer Stadtmensch ist, der sich in seiner neuen Heimat nicht wohl fühlt, kann man dabei noch vernachlässigen. Ausschlaggebend ist die Gegenüberstellung der Charaktere von Shaw und Dreyfuss. Auf der einen Seite ist der reaktionäre, von Shaw gespielte Kriegsheld Quint als Vertreter der Konservativen und auf der anderen Seite ein junger bärtiger, jüdischer Mann namens Hooper als Vertreter der neuen Linken. Bei Hooper kann man sogar vermuten, dass dieser das filmische Alter Ego von Regisseur Spielberg ist: Bärtig, nicht gerade groß, zwar intellektuell, aber die meiste Zeit zu schüchtern und zurückhaltend, um seine Meinung vorzubringen, nur wenn die Ansichten hart auf hart aufeinanderprallen, dann entschieden und bestimmt. Hooper und Quint sind in einem Dauerstreit, durch den immer wieder auf die Hintergründe der beiden Personen angespielt wird. Dieser trägt dazu bei, dass die Simplizität der eigentlichen Story übertüncht wird, was man auch sehr gut im Vergleich zum Sequel aus dem Jahre 1978 sehen kann, welches fast nur noch die Grundstory bietet.

    ACHTUNG SPOILER
    Ungewöhnlich für die „New Hollywood“-Filme der damaligen Zeit ist das Ergebnis dieses Konflikts. Keiner der beiden Männer, die den Hai besiegen wollen, schafft es. Der konservative Quint fällt dem Hai zum Opfer, der linke Hooper ist im entscheidenden Moment nur Statist und hält sich irgendwo außerhalb des Geschehens versteckt. Stattdessen bleibt nur der „Normalo“ Brody, ein Mann wie der Nachbar auf der anderen Straßenseite, übrig um den Hai zu töten. Nach der Meinung von Peter Biskind [3], der man vollauf zustimmen kann, wohl mit der Grund, warum es dieser Film schaffte, so viele Zuschauer ins Kino zu locken. Da keines der beiden Extreme obsiegte, konnten sich sowohl die linken, intellektuellen Filmkritiker der New Hollywood - Ära, als auch die konservativen Nixon-Anhänger und Filmkritiker des Old Hollywood mit dem Film anfreunden, genauso wie er den Zuspruch aus beiden Lagen des Publikums bekam.
    SPOILER – ENDE

    Typisch für die Filme der damaligen Zeit ist aber die Person des Bürgermeisters. Ein korrupter Politiker, dem das Geld über Menschenleben geht, und der aus Profitgier alle Warnungen ignoriert und die Menschen sogar persönlich auffordert ins Wasser zu gehen. Neben dem Hai der einzige Bösewicht des Films und die einzige Person, der man wünscht, dass sie dem Hai zum Opfer fällt (über das ursprüngliche Skript sagte Spielberg mal, dass er es so schlecht fand und die Charakterisierung der Personen als so böse, dass er dem Hai die Daumen drückte).

    „Der weiße Hai“ wurde zu einem Phänomen. Ein Publikumserfolg und vor allem ein unglaublich spannender Film, der zwar seine Verwandtschaft zu den schäbigen B-Filmchen nicht ganz verleugnen kann (siehe auch einige kleine Continuity-Fehler), aber immer wieder nervenzehrende Spannung bietet.

    [1]im Einzelnen waren dies wohl Howard Sackler, Matthew Robbins, Hal Barwood. Des Weiteren steuerten Darsteller Robert Shaw und Spielbergs Freund John Milius Szenen bei (beide auch ungenannt).

    [2]sehr interessant zu den ganzen Hintergründen: die Extra-Sektion der DVD und Peter Biskind, „Easy Riders, Raging Bulls“ erschienen bei Heyne, ISBN 3-453-87785-3

    [3]nachzulesen in Peter Biskind, „Easy Riders, Raging Bulls“ erschienen bei Heyne, ISBN 3-453-87785-3
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