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    Fahrenheit 451 - Wissen ist eine gefährliche Sache
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Fahrenheit 451 - Wissen ist eine gefährliche Sache
    Von Carsten Baumgardt

    Als Donald Trump im Januar 2017 ins Amt des US-Präsidenten eingeführt wurde, schossen die großen Drei der dystopischen All-Time-Buchklassiker in den Bestsellerlisten raketenartig wieder nach oben: George Orwells „1984“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“. In Zeiten des politischen Umbruchs und der gesellschaftlichen Spaltung bekommt die mahnende Literatur neue Relevanz, denn sie warnt vor dem, was noch kommen könnte. Und wenn eine Regierung neue Wahrheitsformen wie „Alternative Fakten“ (erfunden von Trumps Beraterin Kellyanne Conway) einführt und der Präsident höchstpersönlich jegliche negative Berichterstattung über sich zu „Fake News“ erklärt, dann sind wir von den Totalitarismus-Szenarionen der erwähnten Autoren nicht mehr allzu weit entfernt. Insofern passt eine Neuverfilmung von Bradburys „Fahrenheit 451“ durchaus in die Zeit. Dennoch weiß Regisseur Ramin Bahrani („99 Homes“) mit dieser Steilvorlage nicht allzu viel anzufangen. Zwar modernisiert er den düsteren Science-Fiction-Stoff aus dem Jahr 1953 angemessen forsch und sehr stylish, aber sein Film vermittelt nie ein Gefühl von Dringlichkeit oder Existenznot. Diesem „Fahrenheit 451“ fehlt erzählerische Tiefe und damit letztlich auch die (tages)politische Relevanz.

    Ohio in der nahen Zukunft: Die Feuerwehrmänner eines totalitären Staates sind echte Medienstars. Die Salamander, wie sie sich nennen, rasen durch die Gegend und spüren sogenannte Eals auf – Verräter, die Bücher lesen, was strengstens verboten ist, ebenso wie der Konsum von Filmen und weiteren Medien. Alles, was der Bürger wissen muss und darf, steht in einer „The 9“ genannten, vom Staat kontrollierten Onlineplattform. Guy Montag (Michael B. Jordan) ist der Hot Shot der Feuerwehrtruppe und wird von seinem Vorgesetzten Captain Beatty (Michael Shannon) protegiert. Als er die verurteilte Widerstandskämpferin Clarisse (Sofia Boutella) trifft, die für Beatty als Informantin arbeitet, beginnt Montag zu zweifeln, ob der Staat tatsächlich die Wahrheit verbreitet. Bei einer Razzia lässt er heimlich ein Buch mitgehen und macht sich innerhalb seiner Einheit angreifbar, weil er damit Hochverrat begeht. Er muss sich zwischen den beiden Welten entscheiden...

    Zensur und die Unterdrückung von kultureller Vielfalt kommen in Diktaturen nie aus der Mode und so verweist Regisseur Ramin Bahrani gleich im kunstvollen Vorspann auf die Bücherverbrennungen der Nazis. In der Zukunft gibt es immer noch Bücher – trotz fortgeschrittener Digitalisierung. Aber man sollte die Wälzer auch als Metapher für alle (Speicher-)Medien verstehen. Neben der Vernichtung der Bücher (die beginnen bei 451 Grad Fahrenheit von selbst zu brennen) werden zwar auch Festplatten und Computer auf dem Scheiterhaufen mit Flammenwerfern bearbeitet, aber von Mikrochips, USB-Sticks und ähnlichem ist nichts zu sehen, das ergäbe keine so wirkungsvollen Bilder.

    Nach Francois Truffauts Klassiker aus dem Jahr 1966 setzt Bahrani bei seiner Neuverfilmung für den US-Pay-TV-Sender HBO auf eine radikale Modernisierung des Stoffes und passt ihn unserem digitalen Zeitalter an. So wirkt der Look von „Fahrenheit 451 - Wissen ist eine gefährliche Sache“ wie eine Variation von Steven Spielbergs „Minority Report“ mit Bildschirmen in der Größe von Hochhäusern überall in der Stadt, auf denen zu sehen ist, wie die Heldentaten der Feuerwehrleute sozial-medial abgefeiert werden. Dazu gibt es allerlei elektronischen Schnickschnack wie Yuxie, die Ultra-Alexa der Zukunft, die im Haushalt die (digitale) Kontrolle hat.

    Der unsichtbare Staat hält seine Untertanen dumm und unmündig, verfälscht die Geschichte und lässt seinem Volk bei keiner Frage zwei Antworten – es gibt immer nur eine einzige vorgeschriebene Wahrheit. Das Ziel sind genügsame gleichgeschaltete Bürger, die nicht aus der Reihe tanzen. Und wenn einer doch vom Einheitspfad abweicht, wird er von der als Special-Forces-Einheit trainierten Feuerwehr der Zukunft gejagt. So klar die Konstellation im Grunde auch hier wieder ist, so abstrakt bleibt das Drama in der Neufassung von „Fahrenheit 451“, denn die Motivation des Protagonisten Guy Montag bleibt allzu schwachbrüstig. Die tragische Hintergrundstory des Romans ist stark verkürzt worden und daher kommt der Sprung vom Topstar der Häscher zum nachdenklichen Revoluzzer arg unvermittelt, von innerem Konflikt ist kaum etwas zu spüren.

    Michael B. Jordan („Creed“, „Black Panther“) macht das Beste aus seiner eindimensionalen Rolle und spielt seine Stärken in den Actionszenen aus, die gegenüber Truffauts Version deutlich zugenommen haben. Ähnlich ergeht es Michael Shannon („Take Shelter“, „Midnight Special“) als sein Mentor und späterer Gegenspieler, der in den stillen Passagen immerhin mit einem Anflug von Zweifeln überzeugt. Mehr als solche Spurenelemente von Doppelbödigkeit hat Regisseur und Autor Bahrani allerdings nicht zu bieten. Und so wirkt „Fahrenheit 451“ in seinen 100 Minuten Laufzeit optisch zwar durchaus reizvoll mit durchgestylten Sets und farbintensiven Bildern von Kameramann Kramer Morgenthau („Game Of Thrones“, „Thor 2“), aber erzählerisch erstaunlich generisch und oberflächlich. Das immense Leid und der kritische Geist aus Bradburys bewegender Vorlage werden hier auf kleiner Flamme abgekocht. So wird „Fahrenheit 451“ vom dringlichen Diskurs über persönliche Freiheit und kollektive Unterdrückung zu einem mittelmäßigen Actionfilm mit beliebig wirkender Verfolgungsthematik.

    Fazit: Ramin Bahranis stark modernisierte Neuverfilmung ist visuell ansprechend, aber erzählerisch konventionell und oberflächlich - und wird Ray Bradburys dystopischem Roman-Klassiker „Fahrenheit 451“ so kaum gerecht.

    Wir haben „Fahrenheit 451 - Wissen ist eine gefährliche Sache“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er als Midnight Screening gezeigt wurde.

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