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    The Assault
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Assault
    Von Robert Cherkowski
    Wenn die französische Spezialeinheit „Groupe d'Intervention de la Gendarmerie Nationale" anrückt, haben friedliche Formen der Schlichtung versagt. An die Stelle von psychologischer Raffinesse tritt nun rohe Waffengewalt. Für Geiselnehmer und Terroristen gibt es dann nicht mehr viel zu lachen, denn die Entscheidungsgewalt über das Schicksal der Abtrünnigen liegt von nun an ganz in den Händen der bis an die Zähne bewaffneten Recken. Die beeindruckende Präzision solcher Eingriffe bietet dann auch hervorragenden Stoff für das Action-Kino. Ganz gleich ob in spannenden Polit-Thrillern wie José Padilhas „Tropa de Elite" oder actionlastigeren Produktionen wie „S.W.A.T." – die tödlichen Eingreiftruppen sind einfach ein internationaler Kino-Dauerbrenner. Neben den USA und Brasilien - der deutsche Beitrag zum Genre („Die Sieger") floppte seinerseits gehörig - sind nun mit Julien Leclercqs „Assault" die Franzosen am Zug.

    Thierry (Vincent Elbaz) ist Leiter eines GIGN-Squads und steht kurz vor dem Burn-Out. Da auch seine Familie unter der Belastung zu zerbrechen droht, spielt er mit dem Gedanken, seinen Dienst zu quittieren. Stattdessen ruft ein weiteres Mal die Pflicht. Am 24. Dezember 1994 kapern vier Kämpfer der islamistischen GIA ein Linienflugzeug der Air France und nehmen die darin befindlichen Passagiere als Geiseln. Ihre Forderung: Das Land soll sich aus inneralgerischen Angelegenheiten heraushalten. Nachdem sämtliche Versuche der Unterhändlerin Carole Jeanton (Mélanie Bernier) scheitern, wird Thierrys Team an den Ort des Geschehens gerufen...

    Das Szenario bietet seit jeher keinen allzu großen Spielraum für Kreativität, orientieren sich die Einsätze der Spezialeinheiten doch meist an realen Gegebenheiten – man erinnere sich etwa die zahlreichen Nacherzählungen der Landshut-Entführung („Todesspiel", „Mogadischu"). So erfolgen die Einsätze immer nach ähnlichem Muster, was für die Spannung nicht immer förderlich ist. In „Assault" variiert Leclercq diese immer gleichen Abläufe hingegen geschickt. Zwar verzichtet auch der Franzose nicht auf finster dreinblickende, muslimische Terroristen, verängstigte Geiseln und nervenaufreibende Unterhandlungen – inszeniert ist das alles jedoch stilvoller und überraschender als in ähnlichen Produktionen. Dabei kommt dem „Chrysalis"-Regisseur vor allem auch sein immenses Genre-Wissen zu Gute.

    Leclercq verschließt sich von Anfang an einer gängigen Genre-Dramaturgie – da die Geschichte auf historischen Ereignissen basiert, dürfte der Ausgang sowieso den meisten bekannt sein. „Assault" mutet stattdessen wie die Anatomie eines Einsatzes an, denn der Filmemacher seziert sein Szenario regelrecht und achtet vor allem auf Details. Raum für Sympathiebekundungen bleibt innerhalb dieses akribischen Entwurfs nicht und auch von Pathos wird das Publikum komplett verschont. Die beteiligten Personen sind reine Funktionäre und damit völlig austauschbar. Was in anderen Filmen ein Manko wäre, ist bei Leclercq dann aber Programm. Egal ob Geiselnehmer, Unterhändler oder Squad-Mitglied – sie alle sind Teil einer Maschinerie, die auf das Funktionieren eines jeden Zahnrads angewiesen ist. Zweifel gönnt Leclercq lediglich seinem Hauptprotagonisten. Thierry hegt den Wunsch, sich dem Gewaltkreislauf zu entziehen.

    Zwar gelingt ihm immer wieder der symbolische Ausstieg aus seinem Privatleben – so legt er etwa vor jedem Einsatz seinen Ehering ab -, die Uniform scheint jedoch regelrecht an ihm zu kleben. Wenn er in voller Einsatzmontur seine Wohnung betritt, dann scheint er in der Alltagswelt regelrecht verloren. Hierin ist Thierry vergleichbar mit Staff Sergeant William James (Jeremy Renner), dem Protagonisten aus Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando - The Hurt Locker". Beide Figuren sind Ausdruck einer Form maskuliner Gewalt, die nur mühsam institutionalisiert werden kann. Dagegen steht das mahnende Gewissen diverser Frauenfiguren. Da wäre Thierrys Ehefrau, die kaum mehr zu ihrem Mann durchdringt, die Unterhändlerin Carole, die als einzige an einer Deeskalation der Situation interessiert ist, oder auch die Mutter eines der Terroristen, die ihren Sohn zur Aufgabe überreden will – eine Mutterliebe, die dieser mit der Tötung einer weiteren Geisel quittiert. Der disziplinierende Sog physischer Gewalt obsiegt über Politik, Moral und Religion – auch dieses zentrale Motiv lässt immer wieder an „Tödliches Kommando - The Hurt Locker" erinnern.

    Die inszenatorische Wucht von Bigelows preisgekröntem Kriegsdrama erreicht „Assault" aber nicht. Leclercq zeigt sein Können stattdessen vor allem in den ruhigeren Momenten und überzeugt mit seiner sensiblen Erzählweise. Es dominiert eine melancholische Tristesse, die aber nie in Rührseligkeit umschlägt und die schließlich während der Stürmung des Flugzeugs in eine Eruption der Gewalt mündet. Leider entgleiten Leclercq an dieser Stelle dann doch noch die Regiezügel und auch ein etwas zu dick auftragender Score stört die sorgsam aufgebaute Nüchternheit. Die ausdrucksstarke Geräuschkulisse – wie etwa das Ziehen eines Abzugshebels oder das schwere Atmen der Beteiligten - ist aber auch in diesen Momenten ein Beleg dafür, mit welchem inszenatorischen Geschick Leclercq zur Sache geht.

    Fazit: Mit „Assault" ist Julien Leclercq ein Thriller-Drama gelungen, das sich wohltuend von vergleichbaren Werken abhebt. Über weite Strecken eine knallharte Gewaltstudie, kann die französische Produktion vor allem auch in ihren ruhigen Momenten richtig überzeugen.
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