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    Julie & Julia
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Julie & Julia
    Von Andreas Staben
    Die „Sole meunière“ glänzt und brutzelt verheißungsvoll in der Pfanne. Schon der reine Anblick der gebratenen Seezunge und vor allem der Geruch der braunen Butter lässt Julia Child in Verzückung geraten, der Gatte zeigt hingerissen genießerisches Einverständnis. Dieses Erlebnis in einem Restaurant im nordfranzösischen Rouen beschrieb die später zur Starköchin avancierte Amerikanerin als ihre kulinarische Erweckung. Meryl Streep und Stanley Tucci zelebrieren diese Szene in „Julie & Julia“ mit sichtbarem Vergnügen. Autorin und Regisseurin Nora Ephron, die ihr Gespür für Romantik schon bei Filmen wie Harry und Sally (nur Drehbuch), Schlaflos in Seattle oder E-Mail für dich unter Beweis gestellt hat, illustriert mit ihrer neuen Komödie vor allem das alte Wort von der Liebe, die durch den Magen geht. Dabei folgt sie den Rezepten der Kultköchin auf ihre eigene Weise. Sie sorgt für beste Zutaten mit exzellenten Darstellern als Sahnehäubchen und so wie Julia Child ohne Rücksicht auf Kalorienzahlen und Cholesterinwerte dem vollen Geschmack huldigt, verzichtet Ephron auf erzählerische Beschränkungen, indem sie gleich zwei Geschichten vermittelt. Zusammen ergeben sie eine gut bekömmliche Komödie über das Kochen und das Essen, die Ehe und die Liebe.

    Frankreich 1948: Die amerikanische Diplomatengattin Julia Child (Meryl Streep) sucht nach einer Beschäftigung während der Arbeitszeit ihres Mannes Paul (Stanley Tucci). Also besucht sie einen Kochkurs an einer renommierten Pariser Schule. Mit Begeisterung lernt die hochaufgeschossene Frau das Handwerk und seine Tricks. Nur leider gibt es kein passendes Kochbuch in englischer Sprache. Als Julia die beiden einheimischen Köchinnen Simone (Linda Edmond, Trade) und Louisette (Helen Carey, Little Children) kennenlernt, tun sich die drei zusammen, um amerikanischen Hausfrauen die Kunst der französischen Küche nahezubringen. „Mastering the Art of French Cooking“ ist 2002 längst ein Klassiker der kulinarischen Literatur. Für die verhinderte New Yorker Autorin Julie Powell (Amy Adams) in der Lebenskrise wird das Buch zum Rettungsanker: Julie nimmt sich vor, innerhalb eines Jahres alle 524 Rezepte von Childs Küchen-Bibel zuzubereiten und darüber einen Blog zu führen. Ehemann Eric (Chris Messina, Vicky Cristina Barcelona, Away We Go) ist erster Esser und Kritiker...


    Am Anfang eine überraschende Einblendung: Nach zwei wahren Geschichten. Augenzwinkernd und mit Bedacht weist Nora Ephron auf die nicht alltägliche Struktur ihrer Erzählung hin. Mit leichter Hand springt sie zwischen Europa und Amerika, von den Fünfzigern ins neue Jahrtausend, von Julia zu Julie und zurück. Die beiden Geschichten könnten auch einzeln erzählt werden, aber durch ihre Kombination ergeben sich reizvolle Dopplungen und Kontraste: Zwei Frauen sind unter ganz unterschiedlichen Umständen auf der Suche nach sich selbst. Beide werden beim Kochen fündig, an ihrer Seite die Ehemänner als Kameraden und gute Esser. Julia Childs Rolle als Mentorin für Julie Powell sorgt für den ausreichenden Zusammenhalt der Ebenen und markiert zugleich das Fabrizierte in diesen „wahren Geschichten“. Julies Bild von Julia ist eine Idealvorstellung, die nicht an der Wirklichkeit abgeglichen wird. Auch für Nora Ephron geht es nicht um eine Darreichung von Fakten, sondern um Gefühle und Ideen, die sich sachte zu einer optimistischen Lebenslektion nach Hollywood-Art fügen.


    Julia Child ist eine Institution. Ihre historische Bedeutung für Kochen und Essen in Amerika lässt sich daran erahnen, dass ihre Küche im Smithsonian-Museum zu besichtigen ist und dass sie in „Saturday Night Live“ von Dan Aykroyd (Blues Brothers, Ghostbusters) parodiert wurde. Childs hochaufgeschossene Erscheinung, die leicht überkandidelte Art und der vermeintlich unnachahmliche Singsang ihrer merkwürdig hohen Stimme werden von Meryl Streep (Mamma Mia!, Glaubensfrage) lustvoll zum Leben erweckt. Nur wer das Vorbild nicht kennt, kann den Verdacht hegen, dass ihre Darstellung die Grenze zur Karikatur überschreitet. Durch ihre kuriosen Eigenarten wird Julia von vornherein als Ausnahmeerscheinung gekennzeichnet, ihre unwiderstehliche Art bezaubert selbst die angeblich so schlecht gelaunten Franzosen. Nur an der Direktorin der Kochschule beißt sie sich die Zähne aus. Die hochnäsige Madame Brassart (Joan Juliet Buck) verkörpert verschiedene zeittypische Vorurteile gegenüber Frauen als Küchenchefinnen und Amerikaner im Allgemeinen, vermittelt wird dies unaufdringlich mit einigen wohlgesetzten Bonmots. Aber Julia ist ehrgeizig und hackt, wenn es sein muss auch wie eine Besessene wahre Zwiebelberge, um mit den männlichen Kollegen mitzuhalten. Dass sie sich von kleinen Pannen nicht unterkriegen lässt, illustriert ein nachinszenierter Ausschnitt aus ihrer TV-Show „The French Chef“ aus den Sechzigern, den sich Julie und Eric anschauen: Da passiert ein Malheur und das Essen landet auf dem Boden. Das sei halb so schlimm und werde gleich nochmal versucht. Schließlich sieht es ja keiner...


    Die handwerklichen Herausforderungen des Kochens wie das Wenden eines Omelettes, das Stürzen einer Sülze, das Entbeinen einer Ente oder das Töten von Hummern treiben Julie Powell fast zum Wahnsinn. Aber die Dreißigjährige mit den lange begrabenen literarischen Ambitionen findet durch die selbst gestellte Herausforderung des Kochmarathons so etwas wie neue Orientierung und über das regelmäßige Bloggen auch den Weg zurück zum Schreiben. Ihr hektisches Umfeld mit der lauten Wohnung im New Yorker Stadtteil Queens, dem nervenaufreibenden Call-Center-Job im Großraum-Büro und den karrierebesessenen „Freundinnen“ wird in kurzen Szenen wirkungsvoll skizziert. Amy Adams (Junebug, Sunshine Cleaning) ist als natürliche Sympathieträgerin eine clevere Besetzung für die nicht unproblematische Rolle, denn sie wirkt auch bei den kleinen und größeren Krisen, in Hysterie und Stress immer noch liebenswert. Das Auf und Ab des Ehelebens ist dabei allerdings etwas schematisch eingefangen, vor allem gegen Ende wirkt die „Julie“-Geschichte auch in der Rückkopplung an Julia sehr gewollt und verliert an Charme.


    Wahre Charmebolzen sind dagegen Meryl Streep und Stanley Tucci (Terminal, Lucky Number Slevin). Die zwischen Adams und Messina fehlende Chemie ist bei dem Veteranen-Paar, das schon in Der Teufel trägt Prada gemeinsam glänzte, in geradezu magischer Weise zu spüren. Tiefes Verständnis und rührendes Verliebtsein sprechen aus kleinen Gesten und verschwörerischen Blicken. Paul und Julia sind ganz selbstverständlich füreinander da und vor allem haben sie viel Spaß miteinander, fast scheinen sie auf einem eigenen Planeten zu leben. Dieses wie nebenbei erzählte Porträt einer Ehe ist letztlich das Herz dieses Films für romantische Feinschmecker. Bon appétit!
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