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    Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein
    Von Christoph Petersen
    Sicherlich ist es eine gute Sache, wenn Til Schweiger nach mehr als fünfeinhalb Millionen Zuschauern das Fördergeld für seine Keinohrhasen feierlich an die zuständige Filmförderung zurückgibt. Doch dies ist immer noch eine Szene mit Seltenheitswert, kommt der überwiegende Teil der in Deutschland produzierten Filme nicht einmal in die Nähe der grünen Zahlen. Und weil dem so ist, würde hierzulande wohl auch kaum ein klar denkender Financier die Kosten für einen Film komplett aus eigener Tasche vorstrecken. Dies hat zur Folge, dass heimische Produktionen vollkommen von der Gunst der Filmförderungsanstalten abhängig sind. Vom ersten Entwicklungsschritt an gilt es, die Erwartungen der Förderer im Hinterkopf zu behalten. So werden Filme beispielsweise häufig in mehreren Bundesländern gedreht, auch wenn dies storytechnisch keinesfalls nötig wäre, um einfach in möglichst viele Förderkreise zu fallen. Auf solche budgettaktischen Spielereien lässt sich die in Bayern beheimatete Produktionsfirma „wtp international“ gar nicht erst ein. Sie finanziert ihre Spielfilmprojekte prinzipiell ohne Fördermittel und Senderbeteiligungen. Und das auch noch mit beachtlichem Erfolg. Vor drei Jahren lockte die aufregend andere Sado-Maso-Phantasmagorie 24-7 - The Passion Of Life mehr als 13.500 Besucher in die Lichtspielhäuser. Nun bringt wtp-Stammregisseur Roland Weber mit „Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein“ die stilistisch abgefahrene Verfilmung seines eigenen Theaterstücks „Mein Traum ist nur ein krankes Kind“, das 1985 in Lünen uraufgeführt wurde, in die Kinos.

    Der MANN (Wolfgang Seidenberg, der Klempnermeister Frank Töppers aus „Marienhof“) reißt vor seiner FRAU (Marina Anna Eich) und den ermüdenden Wiederholungen des täglichen Lebens aus. Seine Flucht führt ihn auf ein stillgelegtes Fabrikgelände, wo er auf GODOT (Mira Gittner) trifft. Diese durchwühlt allnächtig den Schlamm in den Abwasserkanälen auf der Suche nach Beweisen menschlicher Existenz. Der MANN folgt ihr, eine aufregende Reise durch die Nacht und den Sinn des Lebens nimmt ihren Lauf. Dabei lässt der MANN immer wieder seine Gedanken schweifen. Er sieht sein bisheriges Leben als surreales TV-Spektakel vor seinem inneren Auge vorüberziehen. Der TALKMASTER (Antonio Exacoustos) führt durch das Programm, in einem „Herzblatt“-Klon treten die FRAU und die GELIEBTE (Sabrina Brencher) gegeneinander an, in der Comedy-Show „Nur der Witz zählt“ gibt der BESTE FREUND (Andreas Heinzel, auch „Marienhof“) des MANNES platte Möchtegern-Gags zum Besten und der Nazi-GROSSVATER (Wolfram Kunkel) sowie der italienische EIN-EURO-PENNER kommen auch noch zu ihren Auftritten…

    Independent-Kino ist auch nicht mehr das, was es mal war. In Amerika haben die großen Studios ihre eigenen Sub-Labels (z.B. „Fox Searchlight“, „Sony Classics“) gegründet, unter denen sie Independent-Filme produzieren, die sicherlich nicht zwangsläufig schwach sind, aber doch zumindest diesen Namen nun wirklich nicht mehr verdienen. In Deutschland haben wie gesagt die zuständigen Förderanstalten überall ihre Finger mit drin. Aus diesem Blickwinkel möchte man „wtp“ beinahe mit jenem gallischen Dorf vergleichen, in dem der kleine Schlaue und der große Dicke regelmäßig die römischen Invasoren vermöbeln. Ohne staatliche Förderung müssen sich alle Beteiligten weit über ihre eigentliche Hauptaufgabe hinaus mit in das Projekt einbringen. Da spielt Mira Gittner nicht nur GODOT, sondern kümmert sich auch um den Schnitt. GROSSVATER-Darsteller Wolfram Kunkel zeichnet nebenbei auch noch für die Musik verantwortlich. Und Marina Anna Eich streift nach den Dreharbeiten ihre Rolle der FRAU ab, um sich die Pressearbeit und Vermarktung des Films einzuverleiben. Man mag diese Arbeitsweise lapidar als amateurhaft abtun, doch sie kommt dem wahren Geist des „Independent“ bedeutend näher als die meisten Filme, die in den vergangenen Jahren unter diesem von den großen Studios gekaperten Siegel in unseren Kinos zu sehen waren.

    „Mein Traum“ kämpft gleich an einer ganzen Reihe von Fronten. Er ist ein philosophisches Sinnstück, in dem es Hitler als Oskar-aus-der-Mülltonne-Reminiszenz treffend auf den Punkt bringt: „Der Sinn des Lebens ist es, in den Recall zu kommen!“ Er ist eine Medienschelte, in der derselbe Hitler sich als Dieter-Bohlen-Parodie versucht: „Wenn Du singst, hört es sich an, als ob sich mein Schäferhund eine Currywurst in den Arsch schieben würde.“ Er ist eine Satire, in der der Nazi-Opa hemmungslos seine Ansichten kund tun darf: „Alle Weiber sind gleich, was machst Du Dir Gedanken? Loch ist Loch, das Drumherum ist nur Verzierung!“ Er ist eine Comedy, in der der BESTE FREUND platteste Kalauer drischt: „Warum haben Frauen eine Gehirnzelle mehr als ein Pferd? Damit sie beim Putzen nicht aus dem Eimer saufen!“ Er ist ein Drama, in dem der MANN seiner meckernden Familie in einer Art höllischer Spieluhr gegenübertritt. Und er ist ein aufregend experimentelles Stück Kino, das seinen Höhepunkt in einer aberwitzigen Neuinterpretation des Gebrüder-Grimm-Märchens „Rotkäppchen“ findet.

    Fazit: „Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein“ ist soweit vom Mainstream entfernt, wie man es nur sein kann. Ein experimentell-philosophisches Stück Theater mit Anlauf und ohne Rücksicht auf antrainierte visuelle und dramaturgische Strukturen auf die Leinwand geworfen. Natürlich ist ein solcher Film für den Zuschauer immer auch ein unkalkulierbares Wagnis – bei manchen werden er und seine Thesen noch lange im Gehirn haften bleiben, andere werden den Kinosaal und damit das Experiment nach einer halben Stunde frustriert und entnervt verlassen.
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