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    The Sniper
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Sniper
    Von Björn Becher
    Anfang 2008 erschütterte ein Pornoskandal die asiatische Entertainmentindustrie. Mehr als tausend private Aufnahmen von Edison Chen (Der Fluch - The Grudge 2, Dog Bite Dog, Infernal Affairs), einem der beliebtesten Jungdarsteller Asiens, der auch als Musiker Erfolge feierte, tauchten im Internet auf. Auf diesen ist er gemeinsam mit zahlreichen Frauen, zum großen Teil selbst Film- und Musikstars, in eindeutigen Posen zu sehen. Der folgende öffentliche Aufschrei, der bis in den Westen hallte, zwang Chen schließlich, seine Karriere vorübergehend auszusetzen. Vor einem Problem stand nach dieser Affäre auch Regisseur Dante Lam („Beast Cops“). Der Filmemacher hatte im Sommer 2007 einen Thriller mit Chen in der Hauptrolle abgedreht und der sollte nun in die Kinos kommen. Doch ein Film mit Chen war plötzlich kaum mehr zu vermarkten. Über ein Jahr musste Lam warten, bis er im Frühjahr 2009 zumindest eine Version von „The Sniper“ veröffentlichen konnte, in der die Rolle von Chen per Re-Cut verkleinert wurde. Das so von der Auswechselbank geholte Action-Drama weiß trotz der Probleme zu gefallen. Dem gelassen aufgebauten Film schadet die verkleinerte Chen-Rolle kaum, da sein Charakter selbst nur wenig Interesse weckt und eigentlich nur dazu dient, die Konflikte der anderen Figuren zu illustrieren.

    Bis vor vier Jahren waren die Scharfschützen Hartman (Richie Ren, Breaking News) und Lincoln (Xiaoming Huang, The Banquet) Mitglieder in einer Hongkonger Eliteeinheit - aber auch Konkurrenten um die Rolle des Teamführers. Bei einem Einsatz drückte Lincoln ohne Genehmigung ab. Doch er traf mit seiner Kugel nicht den Gangsterboss Tao Yip (Jack Kao, God Man Dog), sondern eine der Geiseln. Da Hartman in der anschließenden Untersuchung Lincolns Argumentation zur Notwendigkeit des Schusses nicht stützte, musste der gerade frisch mit der hübschen Crystal (Mango Wong) verheiratete Scharfschütze ins Gefängnis. Heute führt Hartman das Sniper-Team an. Gerade hat er den ehrgeizigen und hochtalentierten Streifenpolizisten OJ (Edison Chen) für die Einheit rekrutiert. Als der Gefangenentransport mit Gangster Tao Yip von dessen Mannen überfallen wird, versucht der herbeieilende Hartman einzugreifen. Doch ein Sniper unterstützt die Gangster aus dem Hintergrund und schießt Hartman im letzten Moment die Waffe aus der Hand. Dem ist schnell klar, wer hier zugange ist: der gerade frisch aus dem Knast entlassene Lincoln. Doch was für ein Spiel treibt der Ex-Cop? Das fragt sich bald nicht nur die Polizei, sondern auch die Gangsterbande um Tao Yip...

    Die problematische Post-Produktions-Phase ist Dante Lams „The Sniper“ durchaus anzumerken. Das komplette Intro ist etwa der Einführung des jungen OJ gewidmet, der als einfacher Streifenpolizist Mut, Abgebrühtheit und Treffsicherheit beweist, womit er Hartman imponiert. Auch die folgenden Minuten widmen sich in klassischer Rocky-Manier dem Training des Nachwuchs-Snipers. Im Anschluss tritt die Figur aber deutlich in den Hintergrund, wird doch die eigentliche Haupthandlung von der Auseinandersetzung zwischen Hartman und Lincoln dominiert. Trotzdem stellt sich diese ungewöhnliche Gewichtung zu keinem größeren Problem für den Film heraus. Das Gegeneinander der Veteranen ist sowieso der interessantere Plot, der um OJ funktioniert daneben – trotz einiger angedeuteter, aber nicht weiterverfolgten Subplots - auch in reduzierter Form sehr gut. Seine Figur dient nämlich hauptsächlich der Verdeutlichung der unterschiedlichen Charaktere der beiden altgedienten Widersacher: OJ ist ähnlich wie Lincoln ein arroganter Heißsporn, der überzeugt davon ist, der Beste zu sein, und so Gefahr läuft, einen ähnlichen Weg wie sein Vorgänger einzuschlagen. Der rationale Hartman versucht nun, dem entgegenzuwirken. Da verzeiht man Lam auch die Testosteron-getränkte Trainingssequenz, in der die Nachwuchsscharfschützen um Frauenheld Edison Chen mit nackten, schweiß-glänzenden Körpern Zielübungen absolvieren.
    „The Sniper“ eröffnet überraschend ruhig. Der Film nimmt sich viel Zeit für seine Charaktere, stellt zu Beginn etwa sehr ausführlich deren Familienprobleme als Ehemann, Vater oder Sohn vor. Dies dient nicht nur einer geschliffeneren Profilierung der Figuren, sondern dient in einem Fall auch der unvorhergesehenen Wendung im Finale. Dieser langsame Aufbau mit nur wenigen kurzen Actioneinschüben offenbart nur wenige Längen und baut die Spannung gemächlich, aber konstant auf. Zwischendurch zeigt Regisseur Dante Lam dem Zuschauer immer wieder elegant auf, dass er gerade in einem Hongkong-Thriller sitzt: Eine brillante Szene, die typisch für die Großstadtwestern des Hongkonger Kinos ist, läutet die actionreichere zweite Hälfte mustergültig ein. Hartman steigt zufällig in denselben Aufzug, in dem sich bereits Tao Yip und seine Gangsterkumpanen befinden. Es dauert einige Sekunden, bis man sich gegenseitig identifiziert – doch dann beginnt eine Schießerei auf engstem Raum, die ebenso gut auch aus einem Meisterwerk von John Woo (A Better Tomorrow, The Killer) oder Johnnie To (The Mission, „Exiled“) stammen könnte.

    Fazit: Mit diesem Thriller kehrt Dante Lam zu seinen Wurzeln zurück. Nachdem der Regisseur eine Zeit lang Starvehikel für Popstars, die ins Schauspielbusiness wechseln wollten, inszenierte (etwa: „The Twins Effect“), ist „The Sniper“ (ähnlich wie der 2009 auf der Berlinale gezeigte Thriller The Beast Stalker) feines Genrekino mit Helden, die nicht weiß strahlen und gerade deshalb so interessant sind.
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