Artistischer Blick in eine funkelnde Hölle!
Ein Horrorfilm über Marilyn Monroe? Klingt kurios, aber genau das ist „Blond“ von 2022. Regisseur Andrew Dominik (er schrieb auch das Drehbuch), begann mit der Arbeit an dem Film bereits 2010, 12 Jahre vor Release. Das Ganze basiert auf dem Roman von Joyce Carol Oates, welcher offenbar viel Fiktion in die Geschichte von Norma Jeane mischte. Das stieß auf viel Kritik und auch diese Verfilmung musste sich kurz nach der Veröffentlichung sehr viel gefallen lassen. Ich persönlich kannte kaum etwas von Jeanes Hintergrundstory, war demnach sehr interessiert an dem Film. Dass letztendlich einige Dinge überspitzt und gänzlich erfunden sind, stört mich erstmal nicht, denn das hier ist ein Film und keine Dokumentation. Wer in einem Film akkurate Fakten erwartet, hat das Medium nicht ganz verstanden. Und deswegen einen Film zu kritisieren, ist in den meisten Fällen unsinnig. Viel wichtiger ist doch die Frage, ob mich das Endergebnis unterhält, ob es eine Aussage hat, mich berührt oder zum Nachdenken anregt. All das hat „Blond“ bei mir geschafft. Ist der Film perfekt? Nein, aber er ist eben auch kein klassisches Biopic, sondern eher im psychischen Horror angesiedelt.
Wir erleben die Geschichte von Norma Jeane, wie sie zu Marilyn Monroe wird. Dabei wächst sie in einer skrupellosen Welt auf, in der sie vor allem von Männern sexualisiert wird. Sie ist zwar berühmt, aber nur, weil sie eine Kunstfigur erschaffen hat, die sie vor dem Absturz bewahrt. Doch selbst die große Sex-Ikone Marilyn zerbröckelt irgendwann…
„Blond“ ist kein Zuckerschlecken und das finde ich gut. Der Film zeigt gnadenlos, was für eine Hölle das Leben von Norma Jeane ist. Dass das im echten Leben vermutlich nicht imer der Fall war, ist sicherlich wahr, aber dieser Film will eben genau in diese dunklen Momente eintauchen und sie hervorbringen. Vergewaltigung, Gewalt in der Ehe und viele andere grauenvolle Dinge werden schonungslos thematisiert und gezeigt. Das ist nicht immer einfach, aber vielleicht auch deswegen so wichtig. Dennoch muss auch ich sagen, dass dieses Konzept nach etwa zwei Stunden langsam ermüdet. Der Film ist mit 166 Minuten zu lang, gerade weil das Prinzip von Normas Leidensweg immer wieder aufs Neue wiederholt wird. Was mir persönlich fehlt, ist die Steigerung, die Abwechslung. Irgendwann ist klar, dass es wirklich nie etwas Positives für die gedemütigte Frau geben wird und das ist irgendwie unschön. Ich persönlich mag Filme, die selbst bei unermesslichem Horror doch einen Funken Hoffnung in sich tragen. „Blond“ ist keiner dieser Filme, schön, aber Regisseur Dominik macht damit auch nicht sehr viel gegen Ende. Zum Schluss hat man das Gefühl, dass alle Männer Monster sind und Norma nur ein Opfer. Doch hat sie sich nie gewehrt? Hat sie nie gutherzige Menschen getroffen, die nur ihr Bestes wollten? Einer ihrer Ehemänner, Arthur Miller, ist einer dieser Menschen, aber er bleibt leider etwas blass und schlussendlich eindimensional.
Kommen wir zum Cast, denn der ist phänomenal. Ana de Armas ist absolut gigantisch als Norma Jeane. Manchmal konnte ich nicht erkennen, ob es die echte Marilyn ist oder de Armas. Denn es gibt ein paar Momente, wo die echte Marilyn zu sehen ist, bis sich das Gesicht von de Armas in sie hineinmischt. Nichtsdestotrotz ist dies eine fantastische Leistung von de Armas, vielleicht sogar ihre beste. Gerade die Art, wie der Film und de Armas die Rolle der Marilyn Monroe als teuflische Kunstfigur verwenden, ist beeindruckend. Adrien Brody und Bobby Cannavale sind ebenfalls stark, wie auch der Rest der Besetzung.
Vor allem ist es die technische Umsetzung des Stoffes, der beeindruckt. Die kreative Kamera von Chayse Irvin ist hypnotisch und wunderschön anzusehen, während der Score von Nick Cave und Warren Ellis eher das Horrorgenre bedient, aber auch zarte Momente wundervoll unterlegt. Richtig umwerfend sind besonders die abstrakten Momente und das Spiel mit verschiedenen Bildformaten und schwarz-weiß-Momenten. Optisch ein bildgewaltiges Werk!
Fazit: „Blond“ ist ein kontroverser Film, der viel unverdiente Kritik entgegengeschleudert bekommt. Und obwohl mir gerade im letzten Drittel die Tiefe gefehlt hat, so ist der Film doch eine erfrischende Sicht auf die Figur Norma Jeane aka Marilyn Monroe. Vor allem aber ist eine bittere Abrechnung mit dem Hollywood der 50er Jahre. Sicherlich gab es viele schöne Momente, auch für Norma, aber „Blond“ zeigt auf brutale, aber unverblümte Art, was für ein Business dort herrschte (und vielleicht auch noch herrscht). Die Feminismuskeule wird hier und da etwas zu dolle geschwungen, aber ihr Schlag trifft und sitzt. Auch wenn Fans von Marilyn und Norma sich auf einiges gefasst machen müssen (wie etwa einige dazu gedichtete Story-Elemente), so ist dieser Film in meinen Augen doch sehenswert.