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    All Eyez On Me
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    All Eyez On Me
    Von Matthias Manthe
    Um Tupac Shakurs Leben ranken sich unzählige Legenden. Wer erschoss den Musiker und Schauspieler 1996 in Las Vegas auf offener Straße? War Ostküstenrapper Notorious B.I.G. Freund oder Feind? Wurde aus 2Pac ein gerichtsbekanntes schwarzes Gangstarap-Schaf gemacht? Oder war er ein extrem talentierter Emporkömmling aus einem Problembezirk, dem der Ruhm am Ende zu Kopf gestiegen ist? Das sind nur einige der Fragen, denen Musikvideoregisseur Benny Boo in seinem nach 2Pacs erfolgreichstem Album benannten Biopic „All Eyez On Me“ nachgeht. Nach diversen Rechtsstreitigkeiten und Regiewechseln im Vorfeld zeigt Boom den überlebensgroßen Hip-Hop-Posterboy zwischen Black-Panther-Kindheit, Kriminalität und 75 Millionen verkauften Platten. Die Zeitreise in die Hochphase des US-Hip-Hops der 1990er Jahre ist ästhetisch ansprechend, aber das mit Pathos überzogene Porträt des Protagonisten fällt dabei nicht gerade sehr tiefschürfend aus.

    1971 trägt Afeni Shakur (Danai Gurira) ihren Sohn Tupac (Demetrius Shipp Jr.) noch im Bauch. Soeben erst wurde sie als zentrales Mitglied der revolutionären Black-Panther-Bewegung vom Vorwurf der terroristischen Verschwörung freigesprochen. Nichtsdestotrotz prägen schwierige Familienverhältnisse und zahlreiche Umzüge Tupacs Jugend: Während das FBI Jagd auf seinen Black- Panther-Stiefvater macht, ist die drogenabhängige Mutter mit der Erziehung häufig überfordert. Im New Yorker East Harlem beobachtet Shakespeare-Fan Tupac genauso wie in Baltimore und in Kalifornien immer wieder polizeiliche Übergriffe auf afroamerikanische Mitbürger. Er begeistert sich für Poesie und nimmt Schauspielunterricht, wo er auch seine beste Freundin Jada Pinkett (Kat Graham) kennenlernt. Shakur beginnt zu rappen und zu schauspielern, wird erst Backgroundsänger und schließlich Solokünstler. Seine sozialkritischen und oft brutalen Texte stoßen jedoch in der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft auf wenig Gegenliebe. Er versucht, seine Herkunft nicht zu verleugnen und zugleich weltweit erfolgreich zu sein, doch sein aufbrausendes Gemüt bringt ihn immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Als er schließlich im Gefängnis landet, stellt Suge Knight (Dominic L. Santana), der berüchtigte Boss von Death Row Records, die Kaution im Gegenzug für einen Plattenvertrag. 2Pacs Alben werden zu kommerziellen Triumphen. Doch seine Verstrickungen in Knights Gangmachenschaften leiten schließlich auch das tragische vorzeitige Ende des jungen Superstars ein…





    Der Zeitpunkt für ein 2Pac-Biopic ist trotz der vielen Verzögerungen bei der Produktion recht günstig: Erst vor wenigen Wochen, im April 2017, wurde der ikonische Bandanaträger in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Dort residiert auch die Rap-Supergroup N.W.A., die im Mittelpunkt des erfolgreichen Biopics „Straight Outta Compton“ steht, das sogar für den Drehbuch-Oscar nominiert wurde. Derartiger Ruhm steht für „All Eyez On Me“ nicht wirklich zu erwarten. Schon der ursprünglich eingeplante Regisseur und 2Pac-Intimus John Singleton („Boyz N The Hood“) ließ im Vorfeld kaum ein gutes Haar an der nun vorliegenden Version. Selbst die Originalsongs konnten erst für den Film verwendet werden, nachdem die Produzenten Tupacs Mutter Afeni Shakur verklagt hatten. Anders als in der Dokumentation „Tupac: Resurrection“ von 2003 kommt der Rapper und Songwriter bei Benny Boom zudem auch nicht persönlich zu Wort. Statt auf Archivaufnahmen setzt der Regisseur auf Nachinszeniertes, wobei ein ausführliches Interview mit 2Pac 1995 im Gefängnis so etwas wie einen roten Faden liefert. Dieses bilanzierende Gespräch unterbricht der Regisseur für zahlreiche Rückblenden, in denen er die Meilensteine einer bemerkenswerten Karriere illustriert.

    Das überaus konventionelle Hangeln von Höhepunkt zu Höhepunkt passt nicht recht zur unkonventionellen Persönlichkeit des Protagonisten und auch die Darsteller können „All Eyez On Me“ nicht aus dem Biopic-Einerlei herausheben. Zwar sieht 2Pac-Darsteller Demetrius Shipp Jr. dem Original zum Verwechseln ähnlich, doch besitzt er eben nicht dessen Charisma. Ähnlich ergeht es Jamal Woolard, der wie schon in „Notorious B.I.G.“ die Rolle von Tupacs gewichtigem Freund und späteren Widersacher Notorious B.I.G. übernimmt und dafür erneut einen Zentner Körpergewicht zugelegt hat. Trotz aller äußeren Anstrengungen lässt sich vom Innenleben dieser beiden schillernden Figuren kaum einmal etwas erahnen, was auch daran liegt, dass Boom manch wichtigen Filmmoment einfach zum farbsatten Videoclip stilisiert. So wird etwa Shakurs folgenreiche Liaison mit einem Groupie in der Form eines hochglänzenden R&B-Videos jeglicher Dramatik beraubt. Selbst ein kurzer Blick auf manch schnell gegoogelten Interviewausschnitt aus 2Pacs Lebzeiten offenbart, dass der Film seinem Protagonisten nicht wirklich gerecht wird. Shakurs TV-Statements nach der Verurteilung wegen sexueller Nötigung vermitteln sein Sendungsbewusstsein und seine Eloquenz deutlich besser als Booms Film.

    Wenn beim gospeluntermalten Ende des Films 2Pacs kommerzielle Erfolge eingeblendet werden, ist das der pathetische Schlusspunkt eines ziemlich einseitigen Porträts. Boom sucht hier ganz offensichtlich keine kritische Auseinandersetzung mit dem Rapstar, sondern puzzelt seinen Lebenslauf in vorzugsweise heroisierenden Szenen zusammen. Kein wichtiges Kapitel fehlt, doch wird auch nichts Neues hinzugefügt, weder thematisch noch erzählerisch. Shakurs Zerrissenheit zwischen revolutionärem Familienumfeld und Superstarstatus, die Allüren und die Paranoia, die ihn schließlich in Freunden Attentäter sehen lassen, all das ist auch bei Boom Teil der Erzählung – doch bleibt der Film immer nur an der Oberfläche. Keine der eingangs genannten offenen Fragen findet in dem kurzweiligen, aber eindimensionalen Bilderreigen eine zufriedenstellende Antwort.

    Fazit: „All Eyez On Me“ ist ein visuell reizvolles Biopic voller Zeitkolorit, aber den echten Einblick in die Persönlichkeit seines Protagonisten bleibt es schuldig.
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