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    Violette
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Violette
    Von Michael Meyns
    Um heutzutage noch einen Skandal zu erzeugen, muss eine Frau schon ihr geheimes Leben als Gelegenheitsprostituierte beschreiben oder von extremen sexuellen Vorlieben berichten. In den 40er Jahren reichte da noch eine harmlose lesbische Liebe, um ein Buch unmöglich zu machen. Dass muss in Martin Provosts biographischem Drama „Violette“ auch die an sich selbst zweifelnde Schriftstellerin Violette Leduc erfahren. Wie aus dieser von vielfältigen Selbstzweifeln geplagten Frau nicht zuletzt durch die Unterstützung der legendären Simone de Beauvoir doch noch eine anerkannte Autorin wurde, das erzählt Provost in seinem sehenswerten Film, in dem besonders Emmanuelle Devos in der Titelrolle herausragt.

    Während des Zweiten Weltkriegs macht Violette Leduc (Emmanuelle Devos) erste Schreibversuche. In der durch ihre Beziehung zu Jean-Paul Sartre schon berühmten Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain) glaubt sie nicht nur ihr schriftstellerisches und feministisches Vorbild gefunden zu haben, sondern auch ihre große Liebe. Beauvoir jedoch ist in erster Linie an den radikalen Texten Leducs interessiert, die sie protegiert und fördert, vor allem jedoch zum ungeschönten Schreiben über die Liebe zu Männern und Frauen, Abtreibung und sexuellen Phantasien drängt. Doch während Beauvoir mit ihren Texten große Erfolge feiert, wird Leduc zwar gedruckt, doch von der Masse ignoriert. So verzweifelt ist die Autorin, dass sie fast wahnsinnig wird und lange Zeit im Sanatorium verbringt. Erst durch ihre 1964 veröffentlichte Autobiographie „Die Bastardin“ wird Leduc als radikal-feministische Autorin gewürdigt.


    So vergessen wie Séraphine Louise ist Violette Leduc zwar nicht und doch wirkt Martin Provosts neuer Film wie eine Fortführung und Erweiterung der Themen, die er schon in seinem 2008 veröffentlichen Bio-Drama „Séraphine“ behandelte. Dort war es eine impressionistische Malerin, deren Talent von der von Männern geprägten Kunstwelt ignoriert wurde, hier ist es eine radikale Schriftstellerin, deren unverblümte, ungeschönte Beschreibung weiblicher Sexualität in der von Männern geprägten Verlagswelt auf Ablehnung trifft.

    Als hässlich und uninteressant nimmt sich Violette wahr, die als uneheliches Kind einer Putzfrau und eines bürgerlichen Mannes damals als Bastard bezeichnet wurde. Angeregt von Maurice Sachs, einer Randfigur der Pariser Literaturszene der 30er Jahre, beginnt sie zu schreiben, doch erst Simone de Beauvoir vermag das ganze Talent, die ganze Radikalität Violette Leducs zu wecken. Möglicherweise auch nicht ganz uneigennützig: Mit ihrem Klassiker „Das zweite Geschlecht“ hatte Beauvoir eine neue Rolle für die Frauen gefordert, einen bewussten Umgang mit den eigenen Begierden, ein anderes Beschreiben von weiblicher Sexualität, was sie selbst nur bedingt erfüllte.

    Und während Beauvoir für ihren Roman „Die Mandarine von Paris“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde - dem bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs - konnten Leducs ungleich radikalere Schriften nur stark gekürzt erscheinen und stießen auf weitgehende Ablehnung. Erst das Drängen Beauvoirs, auch der Wunsch, ihr zu gefallen, hatte Leducs Talent befördert, doch die Folgen waren extrem, zwischenzeitlich war sie dem Wahnsinn nah. Doch letztlich sollte Beauvoir Recht behalten, sollte das Schreiben, die Selbstanalyse ihrer Erfahrungen, ihres Lebens, ihres Leids für Leduc die Erlösung bedeuten.

    Ohne zum feministischen Traktat zu werden, schildert Martin Provost diese Geschichte, die gut 20 Jahre umfasst, aber dennoch nicht zu einem typisch episodischen biographischen Film wird. Nicht zuletzt dank der kraftvollen Darstellung durch Emmanuelle Devos („Komplizen“), die die Unsicherheit ihrer Figur, das langsame Erwachen ihres Talents und vor allem den beginnenden Glauben an ihre Qualität als Autorin und als Frau überzeugend verkörpert. Dass „Violette“ zudem spannende Einblicke in das literarische Leben von Paris nach dem Zweiten Weltkrieg bietet, macht das Drama zusätzlich sehenswert.

    Fazit: Mit „Violette“ führt Martin Provost auf sehenswerte Weise seine Beschäftigung mit unterschätzten Frauenfiguren fort. Mit einer starken Emmanuelle Devos in der Hauptrolle setzt er der radikal-femistischen Schriftstellerin Violette Leduc ein mitreißendes Denkmal, dass viel über die Veränderung der Frauenrollen in westlichen Gesellschaften verrät.

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