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    Night Moves
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Night Moves
    Von Sascha Westphal
    „River of Grass“ und „Old Joy“, „Wendy and Lucy“ und „Meek’s Cutoff“, die Filme von Kelly Reichardt fügen sich zu einem eigenen Kosmos zusammen. Natürlich gibt es Berührungspunkte zum US-amerikanischen Independent-Kino der vergangenen zwei Jahrzehnte. Niemand kann sich ganz von den Verhältnissen und den Entwicklungen um sich herum freimachen ... und nebenbei sollte das auch niemand. Trotzdem ist Reichardts Werk einzigartig. Zusammen ergeben ihre Arbeiten eine Chronik der Erschütterungen, die seit den frühen 1990er Jahren das Leben in den Vereinigten Staaten und damit letztlich auch in großen Teilen der sogenannten ‚westlichen Welt’ geprägt haben. Selbst ihr spröder Spätwestern „Meek’s Cutoff“ war 2010 ein deutlicher Kommentar zum Stand der Dinge in Amerika. Mit „Night Moves“, einem verstörend sachlichen Thriller um eine kleine Zelle von Öko-Terroristen, setzt Kelly Reichardt ihre Auseinandersetzung mit der heutigen Welt und ihren Tragödien konsequent fort. Aber zugleich weitet sich auch ihr Blick. Ihr Entwurf einer Welt, in der sich alle in einem Netz aus Schuld verstricken, erinnert deutlich an die großen Romane Fjodor Dostojewskijs.

    Ihre Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt hat Josh Stamos (Jesse Eisenberg), Dena Brauer (Dakota Fanning) und den einige Jahre älteren Harmon (Peter Sarsgaard) zusammengeführt. Nur haben die drei Umwelt-Aktivisten längst den Glauben daran verloren, dass es reicht, in einer modernen Kommune Bio-Obst und -Gemüse zu züchten. So ehrenwert das auch sein mag, es bleibt eine Geste. Mit ihren kleinen Ständen auf den lokalen Wochenmärkten bieten diese Kommunen zwar Alternativen zu den Produkten der Lebensmittelindustrie an. Aber angesichts der Macht und der Machenschaften der großen Konzerne bleiben dies letztlich vergebliche Versuche des Widerstands. So sehen es zumindest die drei. Also haben sie beschlossen, ein weitaus deutlicheres Zeichen zu setzen. Sie wollen einen Staudamm im Nordwesten der Vereinigten Staaten sprengen. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Doch dann geht trotz allem etwas auf tragische Weise schief.


    Wie schon in ihren früheren Arbeiten nimmt sich Kelly Reichardt auch in „Night Moves“ alle Zeit, die sie für diese komplexe, von grundsätzlichen moralischen Fragen tief durchdrungene Geschichte braucht. Zunächst einmal beobachtet sie Josh, Dena und Harmon bei ihren Vorbereitungen für den Anschlag: All ihre Bemühungen, kein Aufsehen zu erregen, und schließlich dann auch all die Kompromisse, die sich zwangsläufig ergeben. Jeder noch so gute und genaue Plan muss an der Realität scheitern. Zufälle und vor allem auch der individuelle Faktor lassen sich nun einmal nicht ganz ausschalten. So liegt schon bald etwas Bedrohliches unter den fast alltäglich wirkenden Bildern von kleinen Städten und grünen Wäldern. Das Unheil bahnt sich seinen Weg. Kein terroristischer Akt wird jemals ganz ohne Konsequenzen bleiben. Daran lässt Kelly Reichardt von Anfang an keinen Zweifel. Trotzdem urteilt sie nicht. Sie beobachtet die drei Öko-Terroristen und lässt dem Betrachter jede Freiheit, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

    Es kommt, wie es kommen muss. Die Sprengung der Talsperre läuft nicht wie erwartet. Es gibt ein Opfer, obwohl doch niemand zu Schaden kommen sollte. Damit haben die drei Aktivisten eine Schuld auf sich geladen, an die sie zuvor nie gedacht haben und die alles aus dem Gleichgewicht bringt. In einem klassischen Thriller würde sich nun alles um die Ermittlungen der Polizei und die Versuche der drei, einer Verhaftung zu entkommen, drehen. Doch dafür interessiert sich Kelly Reichardt nur peripher. Ihr geht es – und darin gleicht sie Dostojewskij – vordringlich um die psychologischen Auswirkungen des Anschlags. Wie gehen die drei Terroristen, die sich zuvor sicher waren, dass sie das Richtige tun, mit den Konsequenzen ihrer Handlungen um.

    Schon im ersten Drittel des Films steht Jesse Eisenbergs Josh mehr oder weniger im Zentrum des Geschehens. Er ist ohne Frage die treibende Kraft des Trios, aber zugleich auch der größte Störfaktor. Während Dena und Harmon relativ leicht einzuschätzen und zu durchschauen sind, bleibt er die große Unbekannte in einer ansonsten recht übersichtlichen Gleichung. Ihm fehlt dieser unschuldige Idealismus, den Dakota Fanning in jeder ihrer Szenen ausstrahlt, genauso wie der kühle Professionalismus, der Peter Sarsgaards Harmon etwas Unantastbares verleiht. Josh ist ein Fanatiker, diese Seite von ihm zeichnet sich schon früh ab, und zudem noch ein Soziopath. Wie so vielen seiner Figuren (siehe z. B. „The Social Network“) geht auch Jesse Eisenbergs Öko-Terroristen nahezu alles Menschliche ab. Seine Züge verraten keine einzige Emotion. Sie zeugen alleine von einem unbedingten Willen, zu überleben, und einer eisigen Intelligenz, die sich mit Fragen nach Verantwortung und Schuld gar nicht erst abgibt. Dieser moderne Raskolnikoff lebt anders als Dostojewskijs Protagonist in einer Welt jenseits von Schuld und Sühne. Für ihn gibt es keine Erlösung. Das macht ihn zu einer extrem erschreckenden, aber auch ungeheuer faszinierenden Figur.

    Fazit: Schon ihr Umgang mit den Konventionen des Westerns in „Meek’s Cutoff“ hatte etwas Subversives. Indem sie die Gesetze des Genres beachtet und zugleich wieder ignoriert hat, konnte Kelly Reichardt diesem amerikanischsten Genre einen anderen, durch und durch modernen Dreh geben. Dieser Strategie bleibt sie in „Night Moves“ treu. Äußerlich bleibt die Geschichte dreier Öko-Terroristen in klassischen Thriller-Bahnen. Doch die Regeln des Genres setzen nur einen festen Rahmen, der es Reichardt ermöglicht, zentrale ethische Fragen unserer Zeit mit einer ungeheuren Wucht zu stellen.
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