Atemlose Action (ohne Dialoge!)
Von Pavao VlajcicMotor City ist ein bekannter Spitzname für Detroit. Sehr lange war die Stadt das Zentrum schlechthin für den amerikanischen Autobau, ein Industriezweig, den US-Präsident Donald Trump bekanntlich beleben will. Insofern ist es mehr als passend, dass dieses Jahr auf den Filmfestspielen von Venedig ein Film Premiere feiert, der zur Blütezeit der amerikanischen Autoindustrie in den 1970er-Jahren in Detroit spielt. Ob ihm dabei tatsächlich ein Detroit vorschwebt, wie es in dem Film „Motor City“ präsentiert wird, darf man allerdings bezweifeln. Denn die Großstadt im Bundesstaat Michigan ist hier eine klassische Sin City, ein Sündenpfuhl aus Drogen, Kriminalität, Prostitution und Korruption.
Die Geschichte ist simpel und könnte fast nicht konventioneller sein. Sie ist so in zahllosen B-Filmen der 1970er- und 1980er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu sehen gewesen. John Miller (Alan Ritchson) ist ein Gangster mit goldenem Herzen, er liebt Sophia (Shailene Woodley). Doch eines seiner krummen Dinger geht in die Hose, er wandert ins Gefängnis, und die Hochzeit mit Sophia ist abgesagt. Sein Erzrivale Reynolds (Ben Foster), ein gemeiner Schurke mit einem noch gemeineren Schnurrbart, bezirzt Sophia, Miller schwört aus dem Gefängnis Rache. So weit, so unoriginell.
Dark Castle Entertainment
Was Regie-Debütant Potsy Ponciroli aus dem Stoff herausholt, zeigt allerdings einmal mehr, dass im Genrekino weniger das was zählt als vielmehr das wie. Ponciroli verzichtet nämlich komplett auf Dialoge. Dafür setzt er auf furiosen Schnitt, der dem Streifen von der ersten Sekunde an eine ungeheuere Wucht verleiht, sowie ein ausgeklügeltes Sounddesign – und unterlegt das Geschehen nonstop mit dem hämmernden Score von Steve Jablonsky und dem Best-of von 70er-Jahre-Pop-, Rock- und Discohits. Moody Blues, Fleetwood Mac, Donna Summer und unzählige andere geben sich die Klinke in die Hand.
„Motor City“ ist eine perfekt durchkomponierte postmoderne Genre-Versuchsanordnung. Ein bisschen erinnert er an die Euro-Genre-Mash-ups von Hélène Cattet und Bruno Forzani („Amer“), wenn man diese von Europa nach Amerika verlegen und ihnen die experimentelle Narration austreiben würde. Ein anderer Anknüpfungspunkt wären Sam Levinsons opernhaft durchchoreografierte Plansequenzen aus der HBO-Hitserie „Euphoria“ oder dem schwarzhumorigen Genremix „Assassination Nation“.
Bei so viel formalem Gestaltungswillen wirken die Schauspieler eher wie Schachfiguren, die man von A nach B bewegt – sie bleiben funktionale Karikaturen. Von den Akteuren erfordert das zwar kein großes Handwerk. Im Rahmen der an sie gestellten Anforderungen erledigen sie den Job aber gut. Am meisten bekommt dabei Shailene Woodley als zwischen zwei Männern zerrissenes Love Interest zu tun. Sie schafft den Spagat zwischen anrüchiger Femme Fatale und verletzlicher Working Girl erstaunlich gut. „Reacher“-Star Alan Ritchson empfiehlt sich als physisch präsenter Actionheld für weitere Kinorollen. Und Ben Foster ist hinter Bergen von Halsketten, Haar- und Schnäuzerperücken sowie offenen Floralhemden kaum wiederzuerkennen.
Der Plot ist geradeheraus und bietet keinerlei Überraschungen. Aber wie bereits erwähnt: Die Inszenierung tritt von der ersten Sekunde ungebremst aufs Gaspedal und lässt keinerlei Zeit zum Luftholen. „Motor City“ ist ein Film wie eine maximal effiziente Achterbahnfahrt im Wechselbad der Gefühle. Der Regisseur sagt in den Notizen zum Film, dass es sein erklärtes Ziel war, einen kinetischen, immersiven Film zu drehen, den man nicht nur sehen, sondern fühlen kann. Jede intime Szene, jede Explosion, jeder Sound, aber auch jeder stille Moment sollten sich zu einem großen Ganzen vereinigen und den Zuschauer sinnlich überwältigen. Dass das Wagnis gelingt, ist dennoch beinahe ein kleines Wunder. So viel Fokussierung und narrative Kontrolle bei gleichzeitig geradezu barocker, aber trotzdem streng eingehaltener Form verdient Applaus.
Fazit: In Zeiten, in denen sich Filme auf zugleich komplizierte wie unterkomplexe Metanarrative, Endlosdialoge und konstante Überlängen fokussieren, zeigt Potsy Poncireli, wie Kino geht: auf den Punkt, gekonnt, atemlos und in schlanken 100 Minuten vorbei. Bitte mehr davon!
Wir haben „Motor City“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er in der Reihe „Venezia Spotlight“ seine Weltpremiere gefeiert hat.