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    Mandela: Der lange Weg zur Freiheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mandela: Der lange Weg zur Freiheit
    Von Carsten Baumgardt

    Er gilt neben dem 1968 ermordeten Martin Luther King als bedeutendster Kämpfer im globalen Feldzug gegen die Unterdrückung von Schwarzen und er hat mit der Überwindung der Apartheid einem neuen Südafrika den Weg bereitet – der zu Filmstart bereits 95-jährige Nelson Rolihlahla Mandela ist ohne Übertreibung eine der meistverehrten Persönlichkeiten des Planeten. So inspirierte sein Wirken und Leben auch schon mehrere Filme, aber bisher hat sich noch niemand an die große biografische Gesamtschau gewagt. An der versuchen sich nun Produzent Anant Singh und Regisseur Justin Chadwick, die sich für „Mandela - Der lange Weg zur Freiheit“ die 1994 erschienene 700-seitige Autobiografie des Freiheitskämpfers vorgenommen haben. 16 Jahre und 34 (!) Drehbuchfassungen benötigte Singh, ein persönlicher Bekannter Mandelas, um das Mammutprojekt zum Abschluss zu bringen, das sich im Lauf der Jahre zum teuersten südafrikanischen Film aller Zeiten entwickelte. Dabei mag „Mandela“ gerade auch durch den sehr persönlichen Blickwinkel des Produzenten mehr eine Hommage an seinen Titelhelden als eine kritische Würdigung geworden sein, eine hohle Beweihräucherung ist er trotzdem nicht. Das bildgewaltig-kraftvolle Biografie-Drama fesselt dabei vor allem durch beeindruckende visuelle Qualitäten und einen herausragenden Hauptdarsteller Idris Elba, der das legendäre Charisma und die starke Persönlichkeit Mandelas meisterhaft auf die Leinwand bringt.

    Schon während seines Jura-Studiums Ende der 1930er Jahre erwacht das politische Interesse des jungen Nelson Mandela (Idris Elba), der immer stärker gegen das Apartheidsystem in seinem Heimatland Südafrika aufbegehrt und damit ins Visier des diktatorischen weißen Regierungsapparates gerät. 1944 schließt Mandela sich dem ANC (African National Congress) an und als sich die schwarze Protestbewegung zu Beginn der 60er Jahre nach dem Tod zahlreicher unbewaffneter Demonstranten beim Massaker von Sharpeville radikalisiert, steigt er zum Anführer ihres bewaffneten Flügels auf und wird zum Staatsfeind Nummer 1. Schließlich wird er verhaftet, 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt und auf die berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island verfrachtet. Dort leidet Mandela gemeinsam mit seinen ebenfalls inhaftierten ANC-Mitstreitern unter dem strengen Diktat der Wärter und den strikten Kontaktauflagen - jahrelang darf er seine zweite Ehefrau Winnie (Naomie Harris), mit der er zwei seiner sechs Kinder hat, nicht sehen. Erst nach vielen Jahren in Haft beginnt sich das Verhältnis zwischen den Aufsehern und dem inzwischen weltberühmten Gefangenen zu bessern.

    Eine enorme Zeitspanne von mehr als 50 Jahren bewältigt Regisseur Justin Chadwick („Die Schwester der Königin“) in seinem Biopic „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ in zweieinhalb Kinostunden. Für einen solchen filmischen Kraftakt braucht es nicht nur Ausdauer und Disziplin, sondern auch starke Leitmotive und klare Schwerpunkte. In bisherigen Mandela-Filmen wie Bille Augusts „Goodbye Bafana“ (mit Dennis Haysbert) oder „Invictus“ von Clint Eastwood (mit Morgan Freeman) ging es von vornherein nur um einzelne Kapitel aus dem Leben Mandelas, während Chadwick die Herausforderung des großen Ganzen annimmt, dabei aber auch einen ganz deutlichen Akzent setzt, indem er insbesondere Mandelas Rolle als einer der größten politischen Aktivisten und Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts hervorhebt. Er würdigt die historische Lebensleistung des Freiheitskämpfers und Politikers, seinen maßgeblichen Beitrag zur Beendigung der absurden Rassentrennung in Südafrika, aber auch seine außerordentliche Fähigkeit zur Vergebung und seinen Einsatz für die Versöhnung zwischen weißen und schwarzen Südafrikanern - eine Annäherung, die damals von beiden Seiten für nahezu unmöglich gehalten wurde: Mandela, oder Madiba (so sein Clan-Name), hat den Friedensnobelpreis, den er 1993 erhielt, mit jeder Faser seines Körpers verdient und auch die Zukunftshoffnungen, die mit der Vergabe verbunden waren (anders als andere mit der Auszeichnung bedachte Persönlichkeiten), weitgehend erfüllen können.

    In der ersten Stunde des Films hakt Chadwick etwas pflichtschuldig die wichtigsten Stationen im vorwiegend politischen Leben Mandelas bis zu seinem Haftantritt 1964 auf Robben Island im Takt nur wenige Minuten währender Sequenzen ab. Diese kurzen Episoden wirken in ihrer stakkatoartigen Abfolge etwas klinisch, das Publikum bekommt kaum eine Möglichkeit, emotional „anzudocken“. Letztlich lässt sich der faktenreiche Reigen aber auch einfach als ausführliche Exposition betrachten, als notwendiger Hintergrund für den eigentlichen Kern des Films – und für den nimmt sich Chadwick entsprechend mehr Zeit. Nun wird sein Film zur Charakterstudie eines außergewöhnlichen Mannes, der Regisseur zeigt uns ausführlich die Wandlung Mandelas vom „Bombenleger-Gandhi“, der gegen seine innere Überzeugung den Zweck auch die gewalttätigen Mittel heiligen lässt, zum Pazifisten und Menschenfreund. In den Gefängnisszenen bekommt die Figur schärfere Konturen und schließlich beginnt ein Prozess der Annäherung zwischen dem Häftling und seinen weißen Bewachern, die nun zunehmend individuelle und menschliche Züge bekommen, nachdem sie zuvor als ununterscheidbare Inkarnationen des Bösen inszeniert waren. Diese Dynamik wird mit Fingerspitzengefühl gezeichnet und so wirkt es fast wie ein Wunder, dass Mandela in 27 Jahren Haft nicht verzweifelt und verbittert ist, aber seine schwer errungene Haltung hat gerade in ihrer tiefen Menschlichkeit zugleich etwas geradezu Selbstverständliches.

    „Mandela“ ist durchaus nicht frei von Überhöhung, schon mit dem alten Initiations-Ritual des Xhosa-Stammes ganz zu Beginn, bei dem der Titelheld symbolisch vom Jungen zum Mann wird, kündigt uns Chadwick gleichsam die Geburt eines Heilands an und später läuft die Geschichte ganz auf den Triumph der Freilassung Mandelas nach jahrzehntelangem Gefängnisaufenthalt sowie auf die Apotheose seiner Amtszeit als erster demokratisch gewählter Präsident aller Südafrikaner hinaus. Tatsächlich haben wir es hier mit einer klassischen Heldengeschichte zu tun, die gerade in ihrer Dramaturgie überaus konventionell angelegt ist. Dieses zuweilen etwas enge erzählerische Korsett sprengt der entfesselt aufspielende Idris Elba („Prometheus“, „Pacific Rim“) als Mandela jedoch immer wieder mühelos. Die „The Wire“-Ikone hat die nötige darstellerische Statur für diese schwierige, mit so vielen Vorstellungen und Erwartungen verbundene Rolle einer lebenden Legende. Aber Elba bringt uns nicht nur das Charisma und die Faszination der weltbekannten Persönlichkeit nahe, sondern porträtiert Mandela auch als Menschen mit Zweifeln und Schwächen und überzeugt eben auch in den ruhigen Momenten, in denen Zurückhaltung gefordert ist. Unterstützt wird seine überragende Darbietung durch die sensationelle Leistung der Make-Up-Künstler, die den Leinwand-Mandela in jeder Szene des Films dem jeweiligen Alter angemessen erscheinen lassen. Selten ist jemand auf der Leinwand so stimmig über so viele Jahre gealtert wie hier – und so entsteht ein inner- wie äußerlich glaubwürdiges und berührendes Porträt.

    Im Vergleich zu ihrem Film-Ehemann altert die von Naomie Harris („Skyfall“) verkörperte Winnie Mandela über die Jahrzehnte kaum sichtbar. Sie spielt die einflussreiche zweite Gattin kraftvoll als wahre Furie, die in ihrer Wut kein Maß mehr findet und sich immer mehr von Mandela entfernt. Dabei kommt die ursprüngliche Attraktion zwischen den beiden etwas kurz, vielmehr erscheinen sie zunehmend als Gegenpole und Vertreter rivalisierender Strategien in der Widerstandsbewegung, was folgerichtig in der Scheidung mündet. Es liegt dabei fast in der Natur der Sache, dass im mächtigen Schatten Mandelas keine zweite Figur ähnliches Profil gewinnt. Wenn es neben dem Titelhelden hier einen zweiten Star gibt, dann sind es die Schauwerte des Films. Regisseur Justin Chadwick erreicht mit dieser südafrikanischen Produktion (Budget: 35 Millionen Dollar) Hollywood-Standard und muss sich mit seinen detailgenauen Dekors und der dynamischen Bildsprache nicht vor noch aufwändigeren Biopics wie „Ray“ oder „Aviator“ verstecken. Die jeweilige Handlungszeit wird überzeugend und unaufdringlich zum Leben erweckt, die Massenszenen, Demos und Krawalle wirken authentisch und elektrisierend, die Bildgestaltung von Kameramann Lol Crawley („Four Lions“) ist kraftvoll und modern. Besonders gegen Ende streut Chadwick dazu geschickt auch einige Originalaufnahmen ein - etwa vom 1988er Free-Mandela-Konzert im Londoner Wembley-Station – so dass „Mandela“ alles in allem trotz der inhaltlichen Konventionalität zu einem mitreißenden und lebendigen Historien-Drama wird.  

    Fazit: Der Südafrikaner Justin Chadwick setzt Nelson Mandela in dem klassischen Biopic-Drama „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ ein packendes filmisches Denkmal, das dem legendären Freiheitskämpfer tatsächlich gerecht wird - selbst wenn die Inszenierung oft sehr konventionell ausfällt.

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