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    Tatort: Willkommen in Hamburg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Willkommen in Hamburg
    Von Björn Becher
    Selten hat ein „Tatort" im Vorfeld für so viel Aufregung gesorgt wie „Willkommen in Hamburg", mit dem Til Schweiger sein Reihendebüt gibt. Alteingesessene „Tatort"-Kommissare rümpften die Nase, weil Deutschlands größter Kinostar nicht nur mehr Geld und Drehtage bekam als es sonst beim ARD-Flaggschiff üblich ist, sondern offenbar auch ein weitreichendes Mitspracherecht, das von der Besetzung seiner Tochter Luna in einer Nebenrolle bis zur Änderung des eigenen Figurennamens kurz vor Drehstart reichte (nur den alten „Tatort"-Vorspann durfte Schweiger nicht abschaffen, obwohl er dies anregte). Es machte sich die Befürchtung breit, dass „Willkommen in Hamburg" kaum noch etwas mit der lang etablierten Erfolgsmarke „Tatort" zu tun haben würde und man erwartete einen auf ein jüngeres Publikum zugeschnittenen Actionfilm nach Art von Schweigers „Schutzengel". Und ja: „Willkommen in Hamburg" von Regisseur Christian Alvart („Antikörper", „Pandorum") ist tatsächlich kein Krimi im engeren Sinne, aber der Popcorn-Action-Ansatz, der mit dem Schweiger-„Tatort" verfolgt wird, geht vorläufig auf. Ein kurzweiliger Anfang ist mit diesem ersten Film gemacht, doch für die kommenden Auftritte des um sich ballernden Nick Tschiller sollten bessere Drehbücher mit weniger Plattitüden her und auch der Hauptdarsteller könnte noch etwas lockerer werden.

    Damit er sich besser um seine Tochter Lenny (Luna Schweiger) kümmern kann, hat sich der harte SEK-Rammbock Nick Tschiller (Til Schweiger) aus Frankfurt zum Hamburger LKA versetzen lassen. Seinen neuen Kollegen wird gleich beim ersten Einsatz klar, dass der Gerechtigkeitsfanatiker Tschiller die Dinge auf seine eigene Weise erledigt: Er tötet drei Gangster (darunter als Gaststar Profiboxer Arthur Abraham) des berüchtigten Astan-Clans, der mit minderjährigen Prostituierten handelt. Zusätzliche Probleme bekommt Tschiller, weil er bei dem Einsatz seinen einstigen Partner und besten Freund Max Brenner (Mark Waschke) laufen ließ, weil er ihn für einen verdeckten Ermittler hielt. Doch Brenner ist vor zwei Jahren ausgestiegen und abgetaucht. Hat er die Seiten gewechselt? Tschiller will der Sache auf den Grund gehen und versteckt eigenmächtig die junge Prostituierte Tereza (Nicole Mercedes Müller), von der er sich eine Spur zu den Gangstern erhofft, in der Wohnung seines Kollegen Yalcin Gümer (Fahri Yardim). Der liegt mit einer Schussverletzung im Krankenhaus, wird aber zu seinem einzigen Mitstreiter, da er als Computer-Hacker eine wertvolle Hilfe ist. Gemeinsam versuchen sie Tschillers früheren Kumpel Brenner aufzuspüren.

    Einige „Tatort"-Puristen, die „Willkommen in Hamburg" skeptisch gegenüberstehen, übersehen, dass die Reihe sich schon immer durch eine große erzählerische, thematische und stilistische Bandbreite ausgezeichnet hat. Der Titel „Tatort" war noch nie automatisch gleichbedeutend mit dem klassischen Krimi, in dem Ermittler nach einem Leichenfund auf Spurensuche gehen und am Ende der Mörder überführt wird. Einige der berühmtesten Filme der bereits seit 1970 laufenden Reihe waren ganz entschieden gegen den Strich gebürstet. Man erinnere sich nur an den von Wolfgang Menge erfundenen Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp), der bereits in der dritten „Tatort" Folge überhaupt seinen ersten Auftritt hatte und mit seiner laxen Einstellung, den ständigen Bettgeschichten und seiner besessenen Jagd auf Oberbösewicht Sievers deutlich mehr von James Bond als von dem deutschen Kriminalbeamten hatte, der sich schnell als Standard etabliert hatte. US-Regisseur Samuel Fuller durfte jenen Kressin 1973 in „Tote Taube in der Beethovenstraße" sogar nach wenigen Minuten ins Krankenhaus verfrachten und einen amerikanischen Zivilisten in den Mittelpunkt eines höchst experimentellen „Tatort" stellen. Bis heute werden die Grenzen des Sonntagabendkrimis immer wieder ausgetestet und erweitert, in Dominik Grafs herausragendem „Frau Bu lacht" von 1995 verhelfen am Ende sogar die Ermittler der Täterin zur Flucht und „Weil sie böse sind" (2010) ist gleich ganz das Drama eines unfreiwilligen Mehrfachmörders. (Passend dazu auch unser Special "40 Jahre 'Tatort': Die besten Folgen").

    An die erwähnten Prunkstücke der „Tatort"-Geschichte reicht „Willkommen in Hamburg" bei weitem nicht heran, gemeinsam hat er mit ihnen aber, dass die Macher ungewohnte Wege einschlagen. Christian Alvarts „Tatort" ist als ausgeprägter Action-Thriller ein Novum in der Reihe, das wird schon ganz am Anfang des Films klar. Der Zuschauer wird mitten in das Geschehen geworfen, der Einsatz von Hauptfigur Tschiller und Partner Gümer läuft schnell aus dem Ruder. Auch die eigentlich obligatorischen Mordermittlungen gibt es hier nicht, der einzige, der hier für Leichen sorgt, ist zunächst der Polizist selbst. Später kommt es dann doch noch zu einem „Tatort-Mord", der muss allerdings nicht mehr aufgeklärt werden, denn der Täter ist wohlbekannt. Alvart und sein Drehbuchautor Christoph Darnstädt („Das Experiment", „Das Zimmermädchen und der Millionär") geben ihrem Protagonisten hier eine ganz andere Aufgabe: Die oberste Priorität für Cop Nick Tschiller ist es erst einmal die Leiche des Opfers zu schützen, bevor sie von einer Bombenexplosion in Stücke gerissen wird.

    Mit Szenen wie dieser Leichenrettung wird nicht nur ein neuer, actionlastiger Stil eingeführt, auch der debütierende „Tatort"-Kommissar bekommt hier erste, allerdings noch sehr grobe Konturen. Die Zeichnung des Nick Tschiller als ebenso geradliniger wie knallharter Typ, dem Gerechtigkeit über alles geht, ist etwas platt geraten. Es ist fast, als hätten die Action-Szenen keinen Raum mehr gelassen für Zwischentöne und Widerhaken. Gleichzeitig sind sich die Beteiligten der erhöhten Aufmerksamkeit, die diesen Film von Anfang an begleitete, allzu bewusst und flüchten sich zuweilen in etwas banale Selbstreferenzen: Da wird dann auf die (natürlich unberechtigte) Kritik im Vorfeld angespielt oder der andere neue, prominente Hamburger „Tatort"-Ermittler Wotan Wilke Möhring (Debüt mit der Folge „Feuerteufel" am 28. April 2013) schaut zum kurzen, aufmunternden Handshake auf der Toilette vorbei.

    Während Til Schweiger als knorrig-eigensinniger Cop, der im Fortlauf der Handlung immer mehr Schrammen ansammelt, überzeugt, trifft er den angestrebten lockeren Ton bei den eher komisch gemeinten Einsprengseln nicht. Für die stand ganz offensichtlich die „Lethal Weapon"-Reihe Pate (inklusive einer Bombe auf der Toilette), das Vorbild erweist sich für Schweiger allerdings als unerreichbar. Immerhin überzeugt sein Partner Fahri Yardim („Unter Frauen", „Chiko") als komischer Sidekick: Bei ihm sitzen die Sprüche und seine Macho-Flirts mit der schönen Krankenschwester sind amüsant. Er macht das Beste aus der statischen Rolle des ans Krankenbett gefesselten Super-Hackers, der mit Hilfe des Computers den Kollegen an der Front instruiert. Und es ist sogar ganz lustig, wenn er sich am Ende im Rollstuhl selbst wieder ins Geschehen stürzt, als Til-Schweiger-Unterstützung auf zwei Rädern macht Yardim eine bessere Figur als jüngst Moritz Bleibtreu in „Schutzengel".

    Die Figur von Tschillers Tochter Lenny (verkörpert von Schweiger-Spross Luna, was im Vorfeld ebenfalls viel diskutiert und kritisiert wurde) erweist sich indes (noch) nicht als Bereicherung für den neuen Hamburger „Tatort". Die gemeinsamen Szenen der Schweigers rund um die korrekte Zubereitung eines Frühstückseis fügen sich als bloßer Running-Gag schlecht in den Erzählfluss und bleiben Randnotiz, aber zumindest wird mit ihnen eine Figurenkonstellation etabliert, die in späteren Teilen der Krimi-Reihe noch ausgebaut werden könnte. In „Willkommen in Hamburg" wird allen Schauspielern jedoch von dem wundervoll schmierigen Mark Waschke („Barbara", „Fenster zum Sommer") als Bösewicht die Schau gestohlen, der bei seinem Gastauftritt aufspielt, als wollte er sich auch um eine ständige Rolle bewerben.

    Bei der Diskussion über den Einfluss von Til Schweiger auf diesen „Tatort" ging etwas unter, dass der Star hier „nur" die Hauptrolle innehat und nicht wie bei seinen großen Kinohits „Keinohrhasen", „Kokowääh" und Co. in Personalunion für quasi alles zuständig ist. Sicher hatte Schweiger auch in anderen Fragen ein gewichtiges Wort mitzureden, aber trotzdem ist die Handschrift des Regisseurs Christian Alvart deutlich zu erkennen. Vor allem in den Actionszenen findet er gemeinsam mit Kameramann Ngo The Chau („Tom Sawyer", „Almanya - Willkommen in Deutschland") einen eigenen rauen Ton, der von den sepiagetönten Wohlfühlkomödien Schweigers weit entfernt ist. Immer wieder kommt die Handkamera zum Einsatz, wodurch die Actionszenen zusätzliche Dynamik bekommen. Inszenatorisch ist dieser „Tatort" auch sonst größtenteils gelungen und Alvart sorgt mit einem urplötzlichen Perspektivwechsel bei einer frühen Verfolgungsjagd sogar für einen schönen Überraschungsmoment. Davon hätte „Willkommen in Hamburg" mehr vertragen können, denn bei der Ausarbeitung von Handlung und Figuren, bei Dramaturgie und Drehbuch hapert es immer wieder spürbar.

    Fazit: „Tatort: Willkommen in Hamburg" ist ein ordentlicher Action-Thriller, der allerdings nicht frei von inhaltlichen Schwächen ist. Allen Unkenrufen zum Trotz macht Til Schweiger als „Tatort"-Protagonist eine ordentliche Figur, auch wenn es noch mächtig Luft nach oben gibt.
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