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    Dom Hemingway
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Dom Hemingway
    Von Carsten Baumgardt
    Der Frauenheld und Schwiegermütterliebling Jude Law lässt als asozialer Safeknacker mit 15 Extrakilos auf den einst so schmalen Hüften amtlich die Sau raus. Das ist Richard Shepards stylisher Gangster-Thriller „Dom Hemingway“ in einem Satz zusammengefasst. Der zweifach oscarnominierte Law (für „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Unterwegs nach Cold Mountain“) nimmt die Chance, so radikal wie möglich gegen sein Image anzuspielen, dankend an und geht völlig aus sich heraus. Er macht aus der verkommenen Titelfigur einen echten GAU – einen größten anzunehmenden Unsympathen - und liefert uns zugleich eine saftig-facettenreiche Charakterstudie. Aber für einen wirklich guten Film braucht es mehr als einen Star, der ganzen (Körper-)Einsatz zeigt. Doch solchen Mehrwert hat Shepards stilisierte Gewaltorgie kaum zu bieten: Der Story fehlt der klare Fokus und der Erzählton fällt zu uneinheitlich aus – so bleibt „Dom Hemingway“ vor allem durch seinen ebenso denk- wie verachtungswürdigen Protagonisten im Gedächtnis.  

    Zwölf Jahre hat Dom Hemingway (Jude Law) im Gefängnis ausgeharrt und die Klappe gehalten, obwohl er seinen ehemaligen Auftraggeber, den einflussreichen Gangster Mr. Fontaine (Demian Bichir), ans Messer hätte liefern können. Doch der brillante Londoner Safeknacker macht eine andere Rechnung auf: Nach seiner Entlassung aus dem Knast will er sich seinen Schweigelohn holen und bei Fontaine fett abkassieren. Doch als er schließlich gemeinsam mit seinem besten Freund Dickie (Richard E. Grant) bei dem superreichen Gangster vorspricht, versaut sich Dom wieder einmal alles durch seine katastrophalen Manieren: Er macht sich an Fontaines Gespielin Paolina (Madalina Diana Ghenea) heran und verbrennt sich dabei mächtig den Mund - nun hält ihn nur noch die Gnade seines Ex-Bosses am Leben. Nachdem sich alle Beteiligten halbwegs beruhigt haben, bricht die Partygesellschaft schließlich zu einem folgenschweren Autoausflug auf…


    Selbstherrlich, gewalttätig, rassistisch, ein mieser Schläger, ein Arschloch vor dem Herrn – und doch ein armes Würstchen, ein kleines Licht, das sich immer wieder selbst auszublasen droht: Das ist Dom Hemingway. Beau Jude Law („Sherlock Holmes“) beweist in jeder Beziehung Mut zur Hässlichkeit. Mit dem Extragewicht, unschönen falschen Zähnen, dem kuriosen Backenbart und schmieriger Frisur hat er sich ein milieuecht-fieses Äußeres zugelegt und er lässt keine Gelegenheit aus, das mindestens ebenso abstoßende Innere der Figur herauszukehren. Aus diesem fragwürdigen Zeitgenossen, der sich nun wirklich keine Sympathiepunkte beim Publikum verdient, macht Richard Shepard („Mord und Margaritas“, „Hunting Party“) den Dreh- und Angelpunkt seines Films und dem tut es dann gar nicht gut, wenn der Regisseur nach der verhängnisvollen Autofahrt die vertrauten Gangstergenrepfade verlässt und vorübergehend vom „Familienmenschen“ Dom Hemingway erzählt. Wie  der versucht, sich in die Gunst seines kleinen Enkels Jawara (Jordan A. Nash) zu schleichen, das wird von seiner verbitterten Tochter Evelyn (Emilia Clarke) völlig zurecht misstrauisch beäugt, während Shepard zunehmend die erzählerischen Zügel entgleiten. Der Regisseur hat seinen Thriller-Plot davor schon zuweilen zugunsten surrealer Spielereien oder kruder komödiantischer Einsprengsel vernachlässigt, hier verliert er ihn fast ganz aus den Augen.

    Während der Film erzählerisch sehr uneinheitlich ausfällt, bleiben Look und Atmosphäre konsistent: Richard Shepard eifert der Tradition des rauen britischen Gangster-Kinos nach, das von Regisseuren wie Guy Ritchie („Bube, Dame, König, grAS“), John Mackenzie („Rififi am Karfreitag“) oder Mike Hodges („Jack rechnet ab“) geprägt wurde, und verleiht „Dom Hemingway“ so etwas wie proletarischen Chic. Er inszeniert seinen Antihelden stilbewusst in einer Art großspurigem Realismus: Schon der Eröffnungsmonolog gibt die schroff-lakonische Erzählweise vor, als sich Dom Hemingway im Knast im angeberischen Stil eines Muhammad Ali selbst zum größten Gangster erklärt und sich gleichzeitig sexuell befriedigen lässt. Dass dieser Gauner in Wahrheit nur ein kleiner Fisch ist, zeigt sich sehr schnell - zwischen der eigenen Einschätzung und den harten Tatsachen klafft eine riesige Lücke und letztlich ist diese absurd verzerrte Selbstwahrnehmung das einzige, was den Drecksack Dom noch einigermaßen erträglich macht. Er hat nie das Heft des Handelns in der Hand und ist stets gezwungen, sich nach anderen zu richten – als cholerischer Loser wird er bei Shepard zur Hauptfigur einer Ode an das britische Kleinkriminellentum. An seiner Seite sorgt der skurrile Richard E. Grant („Withnail And I“) als Doms einziger echter Freund Dickie wenigstens für einen Hauch Emotionalität in diesem ansonsten recht herzlos daherkommenden Film.

    Fazit: Richard Shepards stilbewusster Gangster-Thriller „Dom Hemingway“ ist optisch wie aus einem Guss und Jude Law überzeugt als unausstehlicher Safeknacker-Oberprolet, aber die Handlung zerfällt mit fortlaufender Dauer in ihre Einzelteile.

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