Totalitarismus-Allegorie mit Pups-Witzen
Von Markus TschiedertSchon 1937 dachte George Orwell (1903–1950) darüber nach, mit dem totalitären System der Sowjetunion schriftstellerisch abzurechnen. Doch erst als er einen Zehnjährigen dabei beobachtete, wie er ein Zugpferd immer dann schlug, wenn es beim Gehen vom Pfad abwich, erkannte er, dass wir Menschen die Tiere genauso ausbeuten wie die Herrschenden das Proletariat. 1945 erschien schließlich sein Roman „Animal Farm“ – eine Fabel über das Scheitern der Russischen Revolution von 1917, die den Stalinismus zur Folge hatte.
In seiner Geschichte sind es die misshandelten Nutztiere einer englischen Farm, die sich gegen ihren menschlichen Besitzer erheben. Neben „1984“ ist „Animal Farm“ das bekannteste Werk des englischen Autors, in dem er auf eine klare und nüchterne Weise staatliche Machtstrukturen und moralische Manipulationen entlarvt. 1954 wurde „Animal Farm“ schließlich verfilmt. Der erste britische Zeichentrickfilm unter der Regie von John Halas („Heavy Metal“) entstand tatsächlich durch Mitfinanzierung des CIA, um den Film im Kalten Krieg als Propagandamittel gegen den Kommunismus einzusetzen. Das Ergebnis war ein düsterer und brutaler Trickfilm mit sprechenden Tieren – weshalb die Warnung ausgerufen wurde, er wäre für kleine Kinder absolut ungeeignet.
The Imaginarium Studios Aniventure
70 Jahre später folgt nun ein weiterer Animationsfilm, der auf Orwells Fabel basiert. Andy Serkis, der durch seine Motion-Capture-Darstellung des Gollum in der „Der Herr der Ringe“-Trilogie Weltruhm erlangte und sich seit 2017 auch als Regisseur („Solange ich atme“) betätigt, transportiert den Stoff dabei ins 21. Jahrhundert. Nutzte er bei seiner zweiten Regiearbeit „Mogli: Legende des Dschungels“ noch das Motion-Capture-Verfahren, um die Tiere aus Rudyard Kiplings „Das Dschungelbuch“ zum Leben zu erwecken, setzt er diesmal ganz auf eine computeranimierte Form – sehr zum Bedauern seiner Fans. Noch schwerer wiegt jedoch, dass er nun eine weichgespülte und somit kindgerechte Version von „Animal Farm“ abliefert...
Tatsächlich agieren die Farmtiere gleich zum Anfang recht lustig und ausgelassen. Schließlich steht auf dem Transporter, in dem sie alle gleich einsteigen werden, das Wort ‚Laughter‘ (Lachen). Erst als sich die Tür schließt, die den ersten Buchstaben verdeckte, kommt die grausige Wahrheit ans Licht: ‚Slaughter‘ (Schlachten) steht da. Bauer Jones (Stimme: Andy Serkis) hat alles versoffen, ist bankrott und hat seine Tiere dem Schlachthof verkauft. Snowball (Stimme: Laverne Cox), das schlauste aller Schweine, ruft daraufhin die Revolution aus, und Jones wird vom Hof gejagt.
Nun sind die Tiere auf sich allein gestellt – doch unter Snowballs Anleitung schaffen sie es, den Hof selbst zu bewirtschaften und Regeln für ihre neue Gemeinschaft aufzustellen. Eber Napoleon (Stimme: Seth Rogen) beobachtet die Erfolge von Snowball aber sehr argwöhnisch – er hat andere Pläne. In einem Versteck zieht er verwaiste Welpen auf. Mit einer Garde von Kampfhunden wartet er auf den richtigen Zeitpunkt, um selbst die Macht zu ergreifen. Sein Putsch gegen Snowball gelingt. Napoleon ändert auch die Regeln – insbesondere der letzte Satz ‚Alle Tiere sind gleich‘ wird ergänzt mit ‚Aber manche sind gleicher‘. Fortan herrschen die Schweine und beuten die anderen Tiere aus, um selbst in Saus und Braus zu leben.
Eine Allegorie auf Macht, Revolution und Verrat ist Orwells Novelle. Das Ideal von der Gleichheit aller wird durch Machthunger korrumpiert. Das läuft zwar auch bei Serkis so ab, aber weit harmloser und abgeschwächter als im Buch und in der Erstverfilmung von 1954. Serkis' Dilemma: Einerseits will er der Ernsthaftigkeit des Originals gerecht werden, andererseits einen Film für die ganze Familie realisieren, der den heutigen Sehgewohnheiten entspricht. Wie in Animationsfilmen üblich, gehört eine große Portion Humor dazu. Mit dem satirischen Tonfall von Orwell hat das aber nichts mehr zu tun. Serkis setzt auf Slapstick und flache Gags inklusive Pups-Witzen. Auch das niedliche Aussehen der Charaktere dürfte einem jüngeren Publikum gefallen – das war in der Erstverfilmung noch anders.
Dass „Animal Farm“ massenwirksam sein will, beweist auch der durchweg prominent besetzte Voice-Cast im Englischen. Neben Seth Rogen („Good Fortune“) als Napoleon und Laverne Cox („Bad Hair“) als Snowball gehen unter anderem auch die Stimmen von Woody Harrelson („Die Unfassbaren 3“) als das schuftende Pferd Boxer, Kathleen Turner („The Estate“) als treuer Esel Benjamin und Kieran Culkin („A Real Pain“) als devotes Schwein Squealer spaßig ins Ohr.
Vielleicht mag es heute eher zweitrangig sein, dass es für jede Figur ein reales Vorbild gibt, historisch gesehen ist das aber sehr aufschlussreich. So symbolisiert Bauer Jones den Zaren Nikolaus II., der sein Volk unterdrückte. Snowball ist an den nachdenklichen Revolutionär Trotzki angelehnt und Napoleon an den rabiaten Diktator Stalin, der Trotzki 1940 ermorden ließ. Auch im Roman wird das thematisiert, und die Erstverfilmung von 1954 deutet zumindest an, dass Snowball von Napoleons Kampfhunden zerfleischt wird. Serkis indes findet einen gütigeren Abgang für das Schwein.
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Nichtsdestotrotz ist es lobenswert, dass Orwells Geschichte nach mehr als 70 Jahren neu erzählt wird. Auch wenn der Mut fehlte, sich ans Original zu halten, was sicherlich auch mit der Finanzierung zusammenhängt, verschwinden die relevanten Themen über Populismus, Ausbeutung und Machtmissbrauch nicht ganz. Parallelen zu unserer Gegenwart lassen sich also durchaus ausmachen und sind gewiss beabsichtigt. Dass die Novelle nun einer neuen Generation zugeführt wird, lässt hoffen, dass so auch das Buch und der alte Film wieder interessant werden, weil sie einen ganz anderen Stil aufweisen. Denn wenn man ehrlich ist, eignet sich „Animal Farm“ nicht wirklich für eine Märchenwelt à la Disney, sondern ist und bleibt eine bitterböse Analyse menschlicher Abgründe.
Fazit: Andy Serkis wagt den Spagat, Orwells scharfsinnige Parabel mit modernen Entertainment-Ansprüchen zu kreuzen. Das ist zwar ambitioniert, wird dem Original aber nicht gerecht.
Wir haben „Animal Farm“ auf dem Zurich Filmfestival 2025 gesehen.