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    Diary of a Chambermaid
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Diary of a Chambermaid
    Von Christoph Petersen
    Octave Mirbeaus im Jahr 1900 veröffentlichter Skandalroman „Tagebuch einer Kammerzofe“ wurde bereits von zwei der ganz großen europäischen Regisseure verfilmt: von Jean Renoir 1946 und von Luis Buñuel 18 Jahre später. Allerdings sind die beiden sehr freien Adaptionen derart verschieden, dass sich „Leb wohl, meine Königin!“-Regisseur Benoît Jacquot überlegt hat, dass dazwischen doch noch Platz für einen dritten Film sein müsse: Seine Sitten-Satire „Diary of a Chambermaid“ läuft nun 2015 im Wettbewerb der Berlinale und hat tatsächlich einiges zu bieten, was den Klassikern fehlt: Zum einen ist die herrlich unterkühlt-zynische Léa Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“) die perfekte Besetzung für die von sich selbst eingenommene Kammerzofe Célestine und zum anderen sind die sexuellen Anspielungen diesmal noch gewagter (auch wenn sie heute natürlich kaum noch zum Skandal taugen). So erwidert Célestine ihrer Herrin (Clotilde Mollet), die den vom Zoll im Schmuckkästchen entdeckten Dildo ihrer Zofe unterschieben will, gänzlich gelassen: „Ich trage diese Juwelen nur in ihrem natürlichen Zustand.“

    Die ausgestellten Absurditäten im Leben der lüsternen, maß- und anstandslosen Reichen machen den größten Spaß: So prahlt ein Captain vor Célestine damit, dass er wirklich alles essen würde, woraufhin diese fragt, ob das denn auch für sein geliebtes Frettchen gelten würde und schon wird ernst gemacht: Schwuppdiwupp ist das Genick gebrochen und der Nager im Kochtopf! Regisseur Jacquot setzt bei Ausstattung und Kamera statt auf großen Prunk wie im Kostümfilm üblich eher auf einen natürlichen Look, wobei er zwischendurch allerdings immer wieder mit wilden Zooms überrascht, die man so eher in einem Genrefilm aus den 1970ern erwartet hätte. Eine Handlung im eigentlichen Sinne setzt dabei erst im letzten Drittel ein – und ab da wird es dann leider schnell sehr öde: Die angeblich animalische Anziehung zwischen Célestine und dem Kutscher Joseph (Vincent Lindon) kommt beim Zuschauer nicht an und Josephs antisemitisches Verschwörungsgetue bleibt im luftleeren Raum hängen, weil Jacquots Adaption abseits dieses Juden-Bashings völlig unpolitisch daherkommt.

    Fazit: Lange Zeit bissiges und formidabel besetztes Sittengemälde, dem mit dem Einsetzen des Verschwörungsplots jedoch schnell die Luft ausgeht.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2015. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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