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    Hüter meines Bruders
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Hüter meines Bruders
    Von Asokan Nirmalarajah
    Maximilian Leos Spielfilmdebüt „Hüter meines Bruders“ eröffnete 2014 die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ auf der Berlinale. Anderthalb Jahre später kommt das unterkühlte, stark stilisierte Identitätsdrama des vielgelobten Kunsthochschulabsolventen Leo nun in das reguläre Kinoprogramm. Abseits eines kunstsinnigen Arthouse-Publikums dürfte es der mit (über)großem Bedacht in Szene gesetzte und schwerfällig erzählte Mystery-Film über das unerklärliche Verschwinden eines jungen Mannes und dessen Folgen für das Seelenleben seines älteren Bruders aber schwer haben, Anklang zu finden. Zu aufdringlich macht Leo seinen Anspruch deutlich, eben kein gewöhnliches psychologisches Suspense-Drama vorlegen zu wollen. Sein Thema der Konstruktion und Destruktion von Identitäten hat er überdies tief in den Köpfen seiner Figuren verankert und lässt sie mehr oder weniger tiefgründig über Sein und Erkenntnis sinnieren. Das abstrakte Philosophieren geht allerdings zu Lasten konventionellerer erzählerischer Elemente. Von nachvollziehbarer Figurengestaltung, einer involvierenden Dramaturgie oder spannender Handlungsentwicklung gibt es nur wenig Spuren, was den Film unnötig sperrig und unzugänglich macht.


    Dabei fängt das mit knapp 88 Minuten recht kurze Drama spannend an: Der Protagonist Gregor (Sebastian Zimmler), erfolgreicher Assistenzarzt mit glücklicher Beziehung ist am Ende seiner psychischen und körperlichen Kräfte und fährt im Auto ziellos durch die Straßen. Eine Rückblende führt zum Anfang seiner Odyssee zurück, als sein Bruder Pietschi (Robert Finster) während einer Pause bei einem Segeltrip spurlos verschwindet. Erst ist Gregor nur genervt von seinem verantwortungslosen, arbeitslosen Bruder, der nicht zum ersten Mal unangekündigt abhaut. Doch dann wird er immer besorgter und schließlich besessen von der Suche nach dem Verschwundenen. Je mehr Gregor über das Leben seines Bruders herausfindet, wird die Suche zu einer Verwandlung. Der gutbürgerliche Arzt verschwindet gleichsam im Lotterleben Pietschis. Was ähnlich wie George Sluizers Thriller „Spurlos verschwunden“ beginnt, wandelt sich allmählich zu einem Identitätsdrama nach Art von Ingmar Bergmans „Persona“, in dem die Grenzen zwischen den Brüdern verschwimmen. In sorgfältig komponierten Bildern werden die Verschiebungen und Nuancen in Szene gesetzt. Doch die Figuren und Situationen bleiben hier anders als bei den genannten Vergleichsfilmen Kopfgeburten und so erweist sich „Hüter meines Bruders“ letztlich als recht anstrengendes Gedankenkino ohne emotionale Resonanz.

    Fazit: Maximilian Leos Spielfilmdebüt ist eine ambitionierte und sehr abstrakt bleibende Studie über die Brüchigkeit von Identitäten.

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