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    Der Banker: Master of the Universe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Banker: Master of the Universe
    Von Petra Wille

    Sie sind „Milliardenzocker“, „Skandalbanker“ oder „Schurkenhändler“ und sorgen für „Börsengewitter“ und „Kursmassaker“ – das ist zumindest oft das Vokabular der Presse, wenn es um die Finanzkrise und ihre Protagonisten geht. Es müssen größenwahnsinnige, herzlose und vor allem gierige Menschen sein, die ganze Volkswirtschaften in den Abgrund stürzen und dann die Steuerzahler dafür Verantwortung übernehmen lassen. Marc Bauder („Das System“) lässt in seinem Dokumentarfilm „Master Of The Universe“ einen Vertreter der Spezies Investmentbanker zu Wort kommen, fast 90 Minuten lang. Rainer Voss ist ein ehemaliger Insider des Finanzsystems, der eben jenes beschreibt, kommentiert und nachvollziehbar macht, warum es so kommen musste, wie es kam. Der hochspannende und ästhetisch anspruchsvolle Film hinterlässt trotz sympathischer Hauptfigur dennoch ein zwiespältiges Gefühl der Einseitigkeit.

    „Die Finanzkrise“ war und ist Dauerthema in den Medien. In „Master Of The Universe“ kommt einer zu Wort, der mittendrin und ganz „oben“ war: Rainer Voss ist ein ehemaliger Investmentbanker, der zeitweise 100.000 Euro im Monat verdiente. Er veranschaulicht mit großer Offenheit, wie es zur Krise kam, was der Antrieb von Händlern wie ihm war und wie das Finanzsystem mit seinen „Produkten“ funktioniert. Regisseur Bauder ermöglicht so einen Einblick in eine Welt, die sich nach außen weitgehend abschließt und somit nur von wenigen Menschen treffend beschrieben werden kann – wenn diese sich denn trauen: Voss besprach sich vorher genau mit seinen Anwälten, erst danach traf er sich mit Bauder in einem verlassenen Bankgebäude mitten in Frankfurt am Main.

    Die möglicherweise bei einigen Zuschauern vorhandene Erwartungshaltung an einen Investmentbanker wird gleich zu Anfang gebrochen. Voss ist klug und sympathisch, er spricht überlegt und ohne die einschlägigen Anglizismen seiner Branche. Ein Erfolgstipp sei es, nicht die Sinnfrage zu stellen - „ganz blöde Idee“. Er berichtet, wie er anfangs fasziniert von Computern war und was man mit ihnen machen konnte. Inzwischen könne niemand mehr überblicken, wie sich das Drehen an einem von vielen tausend Zahnrädern auswirkt. „Das fliegt uns irgendwann um die Ohren“ - und das ist finanztechnisch und gesellschaftlich gemeint.

    Wieso machen Menschen dabei mit? Voss analysiert sehr nüchtern: Du wirst befördert, wenn du absolut loyal und kritikfrei bist. Du musst ausreichend viele Nächte im Büro verbracht haben – mit Arbeit. Dann beginnen die Einladungen zu Weihnachtsfeiern inkl. Familie, die Urlaube werden an bestimmten Orten verbracht – mit vielen anderen, die auch in der Branche arbeiten. Die Schilderungen überraschen nicht, machen aber deutlich, wie diese Welt irgendwann aussieht: Männer, die nicht einmal zur Führungsebene gehören, haben mit Millionendeals zu tun, jeden Tag. Die Außenwelt wird ihnen fremd, stattdessen sitzen sie vor sechs oder acht flimmernden Bildschirmen und dürfen dazugehören – für den jungen Voss damals das Ziel. Er kam aus der Mittelschicht, sprach neben Englisch keine Fremdsprachen, verdiente aber ab dem ersten Tag nach Studienabschluss mehr als sein Vater nach Jahrzehnten im Beruf.

    Regisseur Bauder erreicht es, dass im Verlauf des Films gefühllose Investmentbanker zu Menschen werden, die eigentlich auch nur „geliebt werden“ wollen: die Bank als Familienersatz. Der sonst so eloquente Voss wird bei dem Thema stiller und auch etwas grantig. Es käme ja auf die Qualität der Zeit mit den Kindern an und nicht auf die Quantität. Und es passiere schon, dass Menschen lieber die Beziehung oder gar die Familie austauschten als den Job, wenn beides nicht mehr zusammenpasst. Ist Voss hier wirklich ein wenig empfindsam oder spielt er nur geschickt? Beim Zuschauen stellt sich öfter die Frage: Wie viel gibt er wirklich preis? Wie skrupellos oder unverantwortlich wurde tatsächlich gehandelt? Echten Betrug im großen Stil will Voss nicht sehen, Geldgier als Antrieb wird nie erwähnt.

    Hier liegt ein Problem von Bauders Dokumentation: Mit Rainer Voss hat der Regisseur einen Protagonisten, der den Film weitgehend alleine trägt. Abgesehen von einigen Ausschnitten aus TV-Beiträgen sind keine weiteren Personen zu sehen. Das funktioniert zwar, da Voss ein guter Erzähler ist und es aufgrund der geschickten Dramaturgie kaum Längen gibt, allerdings bleibt die Perspektive einseitig. Es gibt niemanden, der die Äußerungen von Voss bestätigt, verstärkt oder ihnen widerspricht. Gerade Nicht-Experten werden sich daher auch fragen, wie weit die Aussagen wirklich zutreffen.

    Bauders visuelles Konzept überzeugt hingegen, sein Bildgestalter Börres Weiffenbach („Plug & Pray“) setzt es konsequent um: Gedreht wurde in einem leeren Bankhochhaus in Frankfurt am Main, die Kamera fährt durch leere Räume, Keller und Gänge. Immer wieder sind die gläsernen Bankentürme von außen zu sehen, in Details oder in Gänze – ein reizvoller Gegensatz von kalter Unnahbarkeit und den weltweiten Auswirkungen des Handelns darin. Die Bach-Kantate „Tilge, Höchster, meine Sünden“, die ausgerechnet sakral anmutende Bilder eines der Hochhäuser untermalt, ist dann aber doch ein bisschen dick aufgetragen.
     
    Fazit: Marc Bauder liefert mit „Master Of The Universe“ sehr erhellende Einblicke, die einiges menschlicher erscheinen lassen, was die meisten nur aus den (Börsen-)Nachrichten kennen. Das visuelle Konzept der leeren Bankentürme und gläsernen Fassaden geht auf, trotz der komplexen Materie nur eine Person zu Wort kommen zu lassen, nicht ganz.

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