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    Freier Fall
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Freier Fall
    Von Christian Horn

    Mit Stephan Lacants Liebesdrama „Freier Fall“ eröffnete 2013 die Berlinale-Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Wie Ang Lee in „Brokeback Mountain“ stellt auch der junge deutsche Regisseur in seinem Spielfilmdebüt das Selbstbild eines verheirateten Mannes auf den Prüfstand, der sich in einen anderen Mann verliebt. Es sind im Verlauf der folgenden Ereignisse vor allem die starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller Hanno Koffler („Die Nacht vor Augen“) und Max Riemelt („Im Angesicht des Verbrechens“), die „Freier Fall“ zu einem intensiven und emotional packenden Drama machen. In den vielen kleinen Gesten der Darsteller und starken zwischenmenschlichen Momenten entfaltet das inszenatorisch solide Queer-Drama seine Stärken.

    Der junge Bereitschaftspolizist Marc (Hanno Koffler) und seine Frau Bettina (Katharina Schüttler) erwarten ein Kind. So scheint es sinnvoll, in eine Doppelhaushälfte einzuziehen, die an das Häuschen von Marcs Eltern angrenzt und von diesen bezahlt wurde. Doch als Marc während einer polizeiinternen Fortbildung den herausfordernden und draufgängerischen Kay (Max Riemelt) kennen lernt, nimmt sein nach bürgerlichen Normen geregeltes Leben eine aufwühlende Wendung: Zwischen Marc und Kay knistert es und die Beiden beginnen eine erst zögerliche, dann leidenschaftliche und immer intensiver werdende Affäre. Insbesondere für Marc ergeben sich daraus einige Probleme. Sein (sexuelles) Selbstbild gerät ebenso ins Wanken wie seine Beziehung zu Bettina und dem neugeborenen Kind. Hinzu kommt das maskulin geprägte Arbeitsumfeld bei der Polizei, wo Schwule von vornherein im Abseits stehen. Als die Kollegen erfahren, dass Kay auf Männer steht und er zum Mobbing-Opfer wird, wächst auch der Entscheidungsdruck für Marc.

    „Freier Fall“ lebt in erster Linie von den intensiven schauspielerischen Leistungen seiner Hauptdarsteller und weniger von der filmischen Umsetzung. Die ist mit ihrer unaufgeregten Bildsprache und der eher konventionellen Machart schlicht zweckmäßig, aber in sich stimmig. Der zentrale Konflikt des Dramas findet im Inneren des zerrissenen Protagonisten Marc statt und erfährt seine Zuspitzung durch den von der Außenwelt ausgeübten Druck – allen voran durch Marcs Eltern, seine Ehefrau und seine Kollegen. Als Marcs konservative Mutter (Maren Kroymann) von der Affäre mit Kay Wind bekommt und die Liaison durch eine Intervention beenden will, verschärft sich der psychische Druck auf Marc. Und als die Kollegen bei der Polizei, allen voran eine chauvinistische und homophobe Dumpfbacke der Gütemarke „Bulle“, ihr Mobbing gegen den schwulen Kay starten, folgen auch physische Verletzungen.

    Ohne die pulsierende Chemie zwischen Hanno Koffler und Max Riemelt, die das tragische Liebespaar glaubhaft und leidenschaftlich verkörpern, würde „Freier Fall“ kaum funktionieren. Der mitunter arg erzwungene Verlauf der Handlung und die allenfalls skizzierten Nebenfiguren erzeugen nicht ansatzweise die Spannung, die immer dann entsteht, wenn das romantische Knistern zwischen Koffler und Riemelt die Liebesgeschichte greifbar werden lässt. So ist „Freier Fall“ trotz dramaturgischer und inszenatorischer Schwächen dennoch ein schöner, ergreifender Liebesfilm, an dessen Ende so etwas wie die Hoffnung auf Selbstbestimmung liegt – mit allen guten wie schlechten Konsequenzen, die ein Neuanfang im Leben und in der Liebe mit sich bringen kann.

    Fazit: „Freier Fall“ ist ein intensives Drama, das insbesondere von seinen starken Hauptdarstellern lebt und die in manchen Kreisen nach wie vor bestehende Ausgrenzung nicht-heterosexueller Menschen packend thematisiert.

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