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    Demolition - Lieben und Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Demolition - Lieben und Leben
    Von Christian Horn

    Mit seinen vorigen beiden Filmen „Dallas Buyers Club“ und „Der große Trip – Wild“ führte der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée gleich vier Schauspieler zu Oscarehren: Matthew McConaughey und Jared Leto erhielten 2014 die begehrte Auszeichnung, während sich Reese Witherspoon und Laura Dern ein Jahr später mit Nominierungen begnügen mussten. Auch Jake Gyllenhaal, der Hauptdarsteller in Vallées neuem Film „Demolition – Liebe und Leben“, zeigt eine preiswürdige Leistung, die auf einer Stufe mit seinen beeindruckenden Auftritten in „Zodiac - Die Spur des Killers“ und in „Nightcrawler“ anzusiedeln ist: Er steht im Zentrum fast jeder einzelnen Szene und verleiht dem erzählerisch unsteten Charakterdrama inneren Zusammenhalt und Konsistenz.

    Nach dem Unfalltod seiner Frau Julia (Heather Lind) fühlt der Investment-Banker Davis (Jake Gyllenhaal) keinen Verlustschmerz und das macht ihn fertig. Er schickt einen seitenlangen Beschwerdebrief an den Betreiber eines defekten Münzautomaten, aus dem er sich kurz nach Julias Ableben auf dem Krankenhausflur eine Packung M&M's ziehen wollte. Aus diesem Schreiben und den weiteren, die ihm folgen, lässt sich Davis‘ persönlicher Zustand deutlich ablesen – die Kundenberaterin Karen (Naomi Watts) ist zu Tränen gerührt und ruft den ungewöhnlichen Adressaten daher mitten in der Nacht an. Mit der Freundschaft zu Karen und ihrem ebenfalls destruktiv veranlagten Teenager-Sohn Chris (Judah Lewis) bekommt Davis die Lebenskrise langsam in den Griff, doch zuvor legt er sein bisheriges Leben in Schutt und Asche.

    Wenn man etwas reparieren will, muss man es komplett auseinandernehmen, um den Fehler zu finden: Diesen Rat von seinem Schwiegervater und Chef Phil (Chris Cooper) nimmt Davis wörtlich – und macht den Titel „Demolition“ nicht nur im übertragenen Sinn zum Programm. Erst zerlegt er den heimischen Kühlschrank und eine Cappuccino-Maschine in alle Einzelteile, dann die Toilettenkabine auf der Arbeit und schließlich sein komplettes Haus. Seinen Job schmeißt er hin und bezahlt stattdessen verdutzte Bauarbeiter, damit er ihnen mit einem Vorschlaghammer zur Hand gehen darf. Während alles, was Davis tut oder sagt, über kurz oder lang zur Metapher von Zerstörung und Aufbau gerinnt, bleibt die Figur dem Zuschauer zunächst fremd. Die fehlende psychologische Tiefe des etwas überkonstruierten Drehbuchs von Bryan Sipe gleicht Jake Gyllenhaal allerdings mit seiner wie gewohnt zupackenden Leinwandpräsenz aus.  

    Nüchterne Handkamerabilder spiegeln die betäubte Gefühlswelt der Hauptfigur und im Zentrum des Films schwelt eine bis zum etwas überhasteten Ende unbeantwortete Frage: Verliert Davis wegen der Trauer den Halt im Leben oder hegte er tatsächlich, wie er in einem seiner Briefe behauptet, noch nie Gefühle für seine verstorbene Frau? Die regelmäßig aufblitzenden und geschickt in den Erzählfluss montierten Erinnerungsbilder, in denen Julia als seine große Liebe erscheint, widersprechen dieser Selbstdarstellung des Protagonisten, doch in der Filmgegenwart ist ihm kaum eine Gefühlsregung anzusehen. So kommt auch erst etwas mehr Leben in das melancholische Drama, als die Beziehung zwischen Davis und Karen stärker in den Vordergrund gerückt wird.

    Den gut besetzten Nebendarstellern gelingt es mit nuancierten Darbietungen, zu vermitteln, dass hier jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Das gilt für Chris Cooper („Adaption“) genauso wie für Naomi Watts („21 Gramm“) als Karen und für Judah Lewis („Point Break“). Vor allem zwischen ihm und Jake Gyllenhaal entspinnen sich ein paar tragikomische Szenen, etwa wenn Davis mit Chris in einem Baumarkt ganz offen über dessen mögliche Homosexualität spricht oder wenn sie im Wald gewagte Schießübungen veranstalten. Letztlich bleibt die scheinbar emotionslose und destruktive Hauptfigur in diesem Film aber immer klar das Epizentrum, deren Unruhe sich auf den Film als Ganzes zu übertragen scheint.  

    Fazit: Ein etwas ziellos wirkendes, nicht vorhersehbares Charakterdrama über einen Mann in der Krise, der sein Leben buchstäblich demontiert.

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